Klimawandel Prekäre Erkenntnis

Der Klimawandel bedroht auch die Finanzmärkte. Die Bundesregierung unternimmt dagegen wenig.

Von Michael Bauchmüller, Berlin

Die Einsichten sind klar formuliert. Der Klimawandel könnte für die Finanzmärkte schmerzhaft werden - nicht nur wegen möglicher Katastrophen. Eine rasche Verschärfung von Klimaschutz-Vorgaben könnte "zu bedeutenden Verlusten" führen; es drohen sogenannte "Transitionsrisiken". "Im Zusammenspiel mit anderen Risiken könnte dies zu einer Destabilisierung des Finanzmarktes führen." So steht es in einem bislang unveröffentlichten Gutachten für das Bundesfinanzministerium. Kurzum: Wenn es ernst wird mit dem Klimawandel, drohen noch ein paar mehr Gefahren als steigende Meeresspiegel oder verheerende Unwetter. "Deshalb ist ein geordneter Übergang zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft mit klaren, längerfristigen Signalen der Politik aus Sicht der Finanzmarktstabilität erstrebenswert", schreibt das Gutachterkonsortium unter der Führung einer Schweizer Anlagefirma mit dem passenden Namen "South Pole Group".

Geordneter Übergang. Klare, längerfristige Signale - rein inhaltlich kann das Finanzministerium die Empfehlungen nachvollziehen. Die Studie bestätige die Einschätzung der Ministeriums, erklärt ein Sprecher, "dass es sich hierbei um ein relevantes Thema handelt, das eine weitere Befassung rechtfertigt". Unmittelbaren "regulatorischen Handlungsbedarf" könne man allerdings noch nicht erkennen. Es gebe noch eine Reihe ungelöster Fragen.

Verschiedene Anleger hatten diese Fragen in der Vergangenheit schon für sich gelöst. Mitte 2015 hatte der norwegische Staatsfonds, mit 825 Milliarden Euro Vermögen der größte seiner Art, ein Ende der Kohle-Investments angekündigt. Der Versicherer Allianz vollzog den Schritt im Winter darauf, kurz vor Beginn der Klimakonferenz in Paris. Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) empfahl das Beispiel zur Nachahmung: "Wenn die Allianz ihre Anlagestrategie ändert, dann können das andere Anleger auch", sagte sie. Konkret nannte sie Stiftungen, Kirchen, Privatanleger oder Kommunen. Und der Bund?

Frankreich gibt Öko-Anleihe aus

Als erstes Euro-Land hat Frankreich eine Öko-Anleihe herausgegeben. Der "Green Bond", mit dem die Franzosen in nachhaltige und ökologische Projekte investieren wollen, hat ein Volumen von sieben Milliarden Euro und eine Laufzeit von 22 Jahren. Bislang haben nur Unternehmen, Banken, nationale Förderinstitute wie die KfW oder die Europäische Investment Bank (EIB) solche Green Bonds begeben. Als staatlicher Emittent war nur Polen vertreten, das allerdings nicht Mitglied der Euro-Zone ist. Die Nachfrage nach der französischen Neuemission war riesig. Banken, darunter Barclays, BNP Paribas, Crédit Agricole, Morgan Stanley und Société Genérale, sammelten Aufträge über 23,5 Milliarden Euro für das 2039 fällig werdende Wertpapier ein. Mit dem Geld will die Regierung unter anderem Projekte zur Bekämpfung des Klimawandels finanzieren. Reuters

Elf Milliarden Euro hortet er in der "Versorgungsrücklage des Bundes", sie soll Geld ansparen für die Pensionen der Beamten. Einem ähnlichen Zweck dient der "Versorgungsfonds des Bundes", in dem weitere drei Milliarden Euro lagern. Bislang waren sie nahezu ausschließlich in Staatsanleihen investiert. Da die aber angesichts der niedrigen Zinsen kaum noch etwas bringen, änderte der Bund zum 11. Januar das Versorgungsrücklagegesetz. Seither dürfen bis zu 20 Prozent der Mittel in Aktien investiert werden. "Der Aufbau bzw. die Erhöhung des jeweiligen Aktienanteils soll schrittweise und marktschonend erfolgen", heißt es im zuständigen Bundesinnenministerium; beginnen soll das Ganze im laufenden Quartal.

Von Klimaschutz ist nicht die Rede. "Die Anlage der Mittel erfolgt ausschließlich auf der Grundlage der Anlagegrundsätze Sicherheit, Liquidität und Rendite", teilt das Innenministerium mit. Investiert werde in Werte aus dem Euro-Stoxx 50, in dem auch die Ölfirmen Total und Eni stecken. "Eine darüber hinausgehende oder diese ergänzende Nachhaltigkeitsstrategie wird nicht verfolgt." Immerhin gebe es aber nun eine Arbeitsgruppe, die sich mit der Frage befasse. Auch Krankenkassen dürfen der niedrigen Zinsen wegen seit Anfang des Jahres bis zu zehn Prozent in Aktien investieren. Ob sie dabei klimafreundlich vorgehen oder nicht, bleibt ihnen überlassen. Das Gesetz fordert nur Sicherheit, Liquidität und einen angemessenen Ertrag ein.

Von der Flutkatastrophe 2013 zerstörtes Geld.

(Foto: Kai Pfaffenbach/Reuters)

Mehr noch: Wer einen Riester-Vertrag ökologisch korrekt abschließen will, hat es seit Anfang des Jahres sogar schwerer als zuvor. Seither gilt ein neues, vereinheitlichtes Produktinformationsblatt, das über Risiken und Nebenwirkungen aufklären soll. Ausgerechnet zu den Umweltwirkungen der Investments findet sich aber kein Wort mehr auf dem Bogen. Als die Grünen jüngst im Bundestag nach dem Verbleib der Nachhaltigkeitskriterien fragten, verwies das Bundesfinanzministerium auf das "stark begrenzte Platzangebot" auf dem Vordruck. Riester-Sparer erfahren nun im Zweifel erst nach dem Abschluss, ob ihre Vorsorge auf sauberen Investments fußt oder nicht. "Anleger können in Zukunft nicht mehr erkennen, ob sie mit ihrer Altersvorsorge in Umweltzerstörer und Kinderausbeuter investieren oder nicht", sagt Grünen-Finanzexperte Gerhard Schick. Im Jahr ihrer G-20-Präsidentschaft nage das alles an der Glaubwürdigkeit der Regierung.

Denn zumindest dort soll die "Green finance" eine gewichtige Rolle spielen. "Der Fokus wird darauf liegen, aus Umweltrisiken resultierende Finanzmarktrisiken transparenter zu machen und Optionen darzustellen, diese zu reduzieren", heißt es im offiziellen G-20-Plan der Bundesregierung. Derzeit arbeitet eine Gruppe unter der Führung der chinesischen und britischen Notenbank unter anderem an Kriterien, nach denen sich Klima- und Umweltrisiken von Investments leichter beurteilen lassen. Danach käme es dann nur noch darauf an, entsprechend zu investieren.