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Klimawandel:Angst vor der Überflutung

Der Kleinbauer Saúl Luciano Lliuya vor einem Gletschersee in der Nähe von Huaraz, Peru, im September 2015.

(Foto: Cris Bouroncle/AFP)

Ein peruanischer Kleinbauer klagt gegen den RWE-Konzern wegen dessen Mitschuld an der Erderwärmung. Eine neue Studie könnte ihm helfen.

Von Michael Bauchmüller und Marlene Weiß, Berlin/München

Mit Schadenersatz kennt sich RWE aus. Erst am Donnerstag wurde eine Klage bekannt, die der Essener Stromkonzern gegen die Regierung der Niederlande angestrengt hat, wegen des dortigen Kohleausstiegs. Es gibt aber auch ein Verfahren gegen RWE, losgetreten von einem Kleinbauern in Peru: Weil RWE mit seinem Kohlestrom die Erderwärmung buchstäblich anheize, weil damit ein Gletschersee oberhalb seines Heimatortes Huaraz immer voller werde, und weil damit das Risiko einer Überflutung wächst - auch seines Hauses.

Seit 2015 klagt Saúl Luciano Lliuya, unterstützt von Germanwatch, deshalb gegen den mächtigen RWE-Konzern, den größten CO₂-Emittenten Deutschlands. Und jetzt hat er neue, gute Argumente. Ein Forscherteam um Rupert Stuart-Smith von der University of Oxford hat den Rückgang des Palcaraju-Gletschers und das dadurch steigende Überflutungsrisiko modelliert. Ihre Ergebnisse wurden am Donnerstag in der renommierten Fachzeitschrift Nature Geoscience veröffentlicht. Erstmals konnten die Wissenschaftler so eine relativ klare Kausalitätskette für eine drohende Überflutung belegen.

Demnach ist der Temperaturtrend in Peru, das sich bislang um rund ein Grad erwärmt hat, klar mit der weltweiten Aufheizung des Klimas durch Treibhausgasemissionen zu erklären. In einem zweiten Schritt untersuchte das Team die Reaktion des Gletschers: Auch hier zeigten die Modelle als Konsequenz der Erwärmung den beobachteten Rückzug. Es sei mit mehr als 99 Prozent Wahrscheinlichkeit so gut wie sicher, dass sich dieser Rückzug nicht mit natürlichen Schwankungen erklären lässt. Schließlich wandten sich Stuart-Smith und seine Kollegen dem Überflutungsrisiko durch die aufgrund der Gletscherschrumpfung veränderte Lage des Palcacocha-Sees oberhalb von Huaraz zu. Zwar sei es unwahrscheinlich, dass der Moränendamm bricht; aber ein Erdrutsch oder eine Lawine könnte jederzeit eine Welle auslösen, die über den Damm schlägt.

Der nächste Schritt für das Oberlandesgericht wäre eigentlich ein Ortstermin in den Anden

Der Rückzug des Gletschers und das damit einhergehende Wachstum des Sees habe sowohl die Wahrscheinlichkeit einer Überflutung erhöht als auch den potentiellen Schaden, daher sei die Gefahr mittlerweile sehr hoch. Im 19. Jahrhundert, vor der menschengemachten Erwärmung, sei sie noch "mittel" gewesen. "In mehreren neuen Verfahren wird versucht, Unternehmen mit hohen Emissionen für die Kosten des Klimawandels zur Verantwortung zu ziehen", sagte Thom Wetzer von der Rechtsfakultät der University of Oxford. "Solche Ansprüche verlangen rigorose wissenschaftliche Nachweise, die den Zusammenhang zwischen Emissionen und Folgen quantifizieren - so wie es in dieser Studie getan wurde." Es sei nun Sache der Anwälte, die Wissenschaft in starke juristische Argumente zu übersetzen.

Das Landgericht Essen hatte Lliuyas Ansprüche zunächst verworfen, aber das Oberlandesgericht Hamm sah die Sache anders. Im November 2017 entschied sein 5. Zivilsenat, in die Beweisaufnahme einzusteigen. Die Studie liefere nun "wertvolles Beweismaterial", sagt Klaus Milke, Chef der Stiftung Zukunftsfähigkeit. Auch sie unterstützt die Klage. Der nächste Schritt für das Oberlandesgericht wäre nun ein Ortstermin in den Anden. Den vereitelte bisher das Coronavirus.

RWE gab derweil am Freitag Zahlen für das vergangene Geschäftsjahr ab: Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern sei voraussichtlich auf knapp 1,8 Milliarden Euro gestiegen, es war besser als erwartet. Auch mit der Kohle verdiente der Konzern mehr.

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