Klimaschutz:Anders bauen! Aber wie?

Einweihungsfeier Wohnhaus aus dem 3D-Drucker

Aus dem Drucker: In Beckum in NRW steht das erste Haus aus dem 3D-Betondrucker, ein zweigeschossiges Einfamilienhaus mit 80 Quadratmetern Wohnfläche pro Stockwerk.

(Foto: Guido Kirchner/dpa)

40 Prozent der deutschen Treibhausgase entstehen beim Bau und Betrieb von Gebäuden. Es muss dringend klimagerecht saniert werden, sagt der Präsident der bayerischen Wirtschaft - und hat eine schlechte Nachricht für Architekten.

Von Marc Beise

Beim Klimaschutz reden besonders jetzt im Wahlkampf alle übers Auto, und übers Fliegen. Was viele nicht wissen: Wenn Deutschland bis Mitte des Jahrhunderts oder früher klimaneutral sein will, kommt es vor allem auch aufs Bauen an. Und zwar nicht nur bei den Neubauten, die jetzt ja sogar forciert werden sollen, um die Wohnungsnot zu lindern. Sondern auch beim Bestand: Für fast die Hälfte der deutschen Treibhausgas-Emissionen (40 Prozent) sind der Bau und Betrieb von Gebäuden und Infrastrukturen verantwortlich, vor allem die rund 40 Millionen Gebäude, die es in Deutschland bereits gibt. Über diesen Bestand weiß man wenig, besonders über die Hälfte, die gewerblich ist.

Weshalb der Präsident der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw), Wolfram Hatz, eine "Datenbank für ein umfassendes digitales Abbild unserer Bauwerke über den gesamten Lebenszyklus hinweg" fordert: "Denn nur wenn wir wissen, wie der jeweilige Bauzustand und die Bausubstanz sind, können wir auch konkret damit planen und bei einer Sanierung das Beste daraus machen."

Dabei kann die Digitalisierung helfen, aber es gehe nicht nur um den digitalen Wandel, sagt Thomas F. Hofmann, Präsident der TU München, sondern auch um einen "mentalen" Wandel. Die Universitäten müssten sich neu erfinden. Konkret: "Der zukünftige Bauingenieur braucht eine neue Ausbildung." Und überhaupt müssen sich die Universitäten darauf einstellen, lebenslanges Lernen anzubieten. Sie sollten sich nicht mehr nur an Studierende wenden, sondern im konkreten Fall auch an die 300 000 Menschen, die schon in der Baubranche tätig sind.

Hofmann und Hatz stellten am Dienstag in München das Jahresgutachten des Zukunftsrats der Bayerischen Wirtschaft vor. Das Gremium, 2014 gegründet und unter anderem mit höchstrangigen Wissenschaftlern besetzt, versteht sich als Impulsgeber und analysiert die großen technologischen Trends, die Bayern und Deutschland in den nächsten fünf bis zehn Jahren prägen werden.

Auch am Bau soll gelten: Weniger Maßanzug und mehr von der Stange

Längst hat der Zukunftsrat die Klimapolitik als drängendstes Thema erkannt. Schon das letztjährige Jahresgutachten war dem Klimaschutz gewidmet, das diesjährige konkret dem Bauen im Zeitalter der Klimawende. In Bayern gibt es weniger alte Gebäude als in anderen Bundesländern, aber selbst hier sind mehr als drei Viertel aller Wohngebäude 30 Jahre und älter. "Die Transformation hin zur Klimaneutralität erfordert massive private und öffentliche Investitionen", sagt Hatz. Die erforderlichen Mehrinvestitionen insbesondere in klimafreundliche Technologien werden auf mehr als 366 Milliarden Euro bis 2050 geschätzt.

Für das künftige Bauen plädiert der Zukunftsrat für ein Baukastensystem. "Unsere heutigen Bauten sind in der Regel Einzelanfertigungen", sagt Hatz. "Klar wird es immer Menschen geben, die das Besondere suchen - wenn sie es sich leisten können." Für immer mehr Bürger, besonders in Ballungsgebieten, aber werde Wohneigentum unerschwinglich. Auch deshalb "müssen wir weg vom Maßanzug und zumindest Gebäudeteile mehr von der Stange beziehen." Wenn man Gebäude effizienter und kostengünstiger errichten oder sanieren wolle, müsse man beim seriellen Bauen mit industriell vorgefertigten Modulen nach dem "Baukastenprinzip" vorankommen. "Ob das der Weisheit letzter Schluss ist, was Gestaltung und Optik betrifft, ist eine andere Frage", sagt Hatz, und Architekten dürften Einwände haben: "Aber viele Menschen wollen einfach ein eigenes Dach über dem Kopf." Und umweltfreundlicher als heute muss es dann auch sein.

© SZ
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