Süddeutsche Zeitung

Klimapolitik:Ex-Greenpeace-Chefin Morgan verteidigt Scholz

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Jennifer Morgan war Chefin der Öko-Organisation. Jetzt ist sie Staatssekretärin im Auswärtigen Amt und muss sich gegen die Kritik ehemaliger Mitstreiter wehren: Die G-7-Staaten tun nicht genug gegen die Erderwärmung.

Von Claus Hulverscheidt, Berlin

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Was die Öko-Organisation Greenpeace von den Klimaschutzplänen der sieben führenden Industrienationen (G7) hält, konnten Olaf Scholz und seine Amtskollegen bei ihrem Gipfeltreffen im oberbayerischen Elmau in großen Lettern auf der Nordwand des Waxensteins lesen. "G7: Beendet den Einsatz fossiler Brennstoffe jetzt!", hatten die Aktivisten mithilfe eines lichtstarken Beamers auf das Bergmassiv projiziert. In anderen Worten: Was ihr Politiker bisher vorhabt, wird nie und nimmer ausreichen, um die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen.

Nun ist Jennifer Morgan keine G-7-Regierungschefin, sondern "nur" Staatssekretärin und Sonderbeauftragte für internationale Klimapolitik im Auswärtigen Amt. Was irgendwelche Öko-Aktivisten auf Bergwände projizieren, müsste sie also nicht weiter umtreiben - wäre da nicht der interessante Umstand, dass Morgan eben jene Aktivisten vor wenigen Monaten noch höchstpersönlich angeführt hatte: Vor ihrem Wechsel in die Bundesregierung vor nicht einmal vier Monaten nämlich war die gebürtige US-Amerikanerin Geschäftsführerin von Greenpeace International.

Wie also fühlt es sich an, plötzlich auf der Seite derer zu stehen, gegen die man einst demonstriert hatte? Sie selbst, so sagte Morgan am Mittwoch beim Nachhaltigkeitsgipfel der Süddeutschen Zeitung, sehe sich heute als "Aktivistin im diplomatischen Gewand". Um beim Klimaschutz voranzukommen, brauche man nämlich beides: Diplomatinnen und Diplomaten, die die Staatengemeinschaft auf gemeinsame Ziele verpflichteten, und Menschen, die für ihre Überzeugungen auf die Straße gingen. "Ohne gesellschaftlichen Druck schaffen wir nichts", betonte die Politikwissenschaftlerin, die mittlerweile auch die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt.

Morgan weiß, dass die Politik eigentlich mehr tun müsste

Je länger das SZ-Gespräch mit ihr dauerte, desto deutlicher wurde, dass die 56-Jährige ihre neue Rolle als oberste Klima-Diplomatin der Bundesregierung zwar angenommen, die alte Ungeduld aber nicht völlig abgelegt hat. Zwar verteidigte sie Scholz gegen den Vorwurf, der G-7-Gipfel unter deutscher Präsidentschaft habe im Kampf gegen die Erderwärmung kaum Fortschritte gebracht. Der Kanzler habe "das umgesetzt, was in diesem Rahmen möglich war", sagte sie. Zugleich räumte sie aber ein: "Es gibt eine große Lücke zwischen dem, was die Wissenschaft sagt, was notwendig wäre, und dem, was herausgekommen ist."

Das ist genau das, was auch ehemalige Mitstreiter diese Woche erklärt haben - nur eben sehr viel undiplomatischer: Scholz habe es nicht geschafft, "die Zeitenwende für den Klimaschutz einzuleiten", sagte der Geschäftsführer von Greenpeace Deutschland, Martin Kaiser. Die Deutsche Umwelthilfe sprach gar von einem "unermesslichen klimapolitischen Schaden", den Scholz angerichtet habe. "Im Wahlkampf wurde uns ein Klimakanzler versprochen. Herausgekommen ist der fossile Kanzler", erklärte die Organisation.

Einer der Hauptkritikpunkte der Aktivisten ist Scholz' Entscheidung, Senegal bei der Erschließung neuer Gasfelder vor der Westküste Afrikas finanziell zu unterstützen. So soll die Abhängigkeit der Bundesrepublik von russischen Gaslieferungen weiter reduziert werden. Aus Sicht der Umwelthilfe haben der Kanzler und seine G-7-Amtskollegen damit aber einen globalen "Wettlauf um LNG-Exporte, neue Gasförderung und öffentliche Gelder" in Gang gesetzt, der den geplanten Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas unterminiere.

Wer anders isst, kann zur Rettung der Welt beitragen

Auch Morgan zeigte sich besorgt, dass einzelne Länder und Konzerne die aktuellen Versorgungsengpässe nutzen könnten, um die Energiewende umzukehren. Man komme angesichts des russischen Überfalls auf die Ukraine aber leider nicht umhin, zumindest vorübergehend Ausnahmen zuzulassen, die man eigentlich nicht wolle. Grundsätzlich bleibe es aber bei den Beschlüssen der Weltklimakonferenz in Glasgow aus dem Jahr 2021, wonach kein öffentliches Geld mehr in die Erschließung neuer Öl- und Gasfelder fließen soll.

Morgan bekannte sich auch dazu, den Klimadialog mit politischen Kontrahenten wie China fortzusetzen. Deutschlands nationale Sicherheit hänge auch daran, ob der Volksrepublik die Energiewende gelinge, so die Staatssekretärin. Aber auch die Bürgerinnen und Bürger, die Betriebe und gesellschaftlichen Gruppen in der Bundesrepublik müssten sich stärker einbringen - etwa indem die Menschen ihren Fleisch- und Milchkonsum einschränkten oder auf Ökoprodukte auswichen. Wie etwa wäre es, fragte die Beraterin von Außenministerin Annalena Baerbock, wenn die Restaurants in Deutschland vorangingen und eine Art Wettbewerb um die besten vegetarischen und veganen Gerichte initiierten? Der Koch als Klimaschützer - diese Idee dürfte auch bei Morgans Ex-Kollegen von Greenpeace Anklang finden.

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