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Klimawandel:Ein klimafreundliches Leben ist eine Frage des Geldes

22.09.2019, Bonn, Nordrhein-Westfalen, Deutschland - Strassenkreuzung mit Fahrradfahrern, Fussgaengern, Autos und Strass

Mobilität, Ernährung, Konsum: Der ökologische Fußabdruck eines jeden lässt sich durch verschiedene Stellschrauben beeinflussen.

(Foto: imago images/Rupert Oberhäuser)

Autofahren, fliegen, Fleisch essen - all das schadet dem Klima. Wird es teurer, trifft das aber nicht unbedingt die größten Klimasünder am härtesten. Vier Beispiele.

Wer kann schon von sich behaupten, frei von Klimasünden zu sein? Die einen sind Vegetarier, mögen aber auf Flugreisen nicht verzichten. Die anderen fliegen nicht, sind dafür aber leidenschaftliche Fleischesser. Und wieder andere kaufen alles Bio-Regional-Saisonal, fahren aber mit dem Auto zum Supermarkt. Heizen müssen in hiesigen Breitengraden alle irgendwie, auch auf Strom will kaum einer verzichten. Dennoch belasten nicht alle Menschen das Klima gleichermaßen - und die Frage, wie ein sozial gerechter Wandel zu mehr Klimafreundlichkeit aussieht, ist gar nicht so leicht zu beantworten. Dabei helfen können vier Beispiele für fiktive Personen, die in der Debatte immer wieder auftauchen: den Berufspendler, die Durchschnittsverdienerin auf dem Land, die klimabewusste Globetrotterin und die Rentnerin mit wenig Geld.

Dieser Artikel gehört zur Werkstatt Demokratie, ein Projekt der SZ und der Nemetschek Stiftung. Alle Beiträge der Themenwoche "Klimakrise" finden Sie hier, alles zum Projekt hier.

Christian, 40 Jahre, leitender Angestellter

Zum Beispiel Christian, 40 Jahre, verheiratet, Vater von drei Kindern. Christian ist leitender Angestellter und wohnt mit seiner Familie in einer Neubauwohnung in einer deutschen Großstadt in Nordrhein-Westfalen. Vor Kurzem hat er den Job gewechselt, seitdem pendelt er jeden Tag zu seiner 50 Kilometer entfernten Arbeitsstelle. Weil es am schnellsten geht und volle Pendlerzüge und Verspätungen ihn nerven, fährt er mit seinem SUV zur Arbeit. So kann er auf dem Weg auch schon erste berufliche Telefonate führen.

Seine Frau Stefanie arbeitet Teilzeit als freie Grafikdesignerin und kümmert sich um die Kinder und den Haushalt. In der Stadt, in der sie wohnen, kommen sie prima ohne zweites Auto klar, Einkäufe erledigt Stefanie mit dem Lastenrad, bei schlechtem Wetter nutzt die Familie den ÖPNV. Mit dem SUV machen sie häufig Wochenendausflüge, zum Beispiel zu den Großeltern der Kinder, die in einer anderen Stadt wohnen, zu Freunden aus dem Studium oder einfach raus ins Grüne. Ihre Wohnung heizen sie mit einer Erdgas-Brennwertheizung. Sie beziehen Ökostrom.

Der Familie geht es finanziell gut, sie hat ein Nettohaushaltseinkommen von 7000 Euro. Stefanie legt wert auf gesunde Ernährung, Fleisch gibt es selten, dafür viel Bio-Gemüse, am liebsten saisonal und regional. Obst darf allerdings gerne auch einmal von weiter her kommen. Einmal im Jahr fliegen sie alle zusammen in den Urlaub, der letzte ging nach Thailand. Außerdem ist Christian im vergangenen Jahr einmal mit Freunden für ein verlängertes Wochenende nach Barcelona geflogen. Die Familie lebt auch ansonsten nicht sparsam, die Eltern geben gern auch mal Geld für schöne Dinge aus, die sie nicht unbedingt brauchen. Wenig verwunderlich: Dieses Leben ist trotz Bio-Kost und reduziertem Fleischkonsum sehr klimaschädlich, das zeigt sein CO₂-Fußabdruck.

Christian ist insofern typisch, als gilt: Je besser jemand verdient, desto klimaschädlicher ist für gewöhnlich sein Leben. Einzig im Bereich Heizung und Strom stößt er weniger CO₂ aus als der deutsche Durchschnitt. Das liegt daran, dass sein Haushalt mit fünf Personen recht groß ist und sich der Energieverbrauch so auf mehr Menschen verteilt. Generell lässt sich an ihm aber sehen: Gutverdiener konsumieren mehr, sie haben größere Autos, verreisen mehr, nutzen häufiger das Flugzeug. Da hilft dann auch das Bio-Essen nicht viel - rundet man auf eine Stelle hinter dem Komma, verschwindet der Unterschied zum deutschen Durchschnitt (1,66 zu 1,74 Tonnen CO₂ pro Jahr) sogar ganz. Wie aber sieht es in einer eher durchschnittlichen Familie aus? Das verrät unsere nächste Protagonistin.

Werkstatt Demokratie Wir müssen schon mehr wollen
SZ-Projekt Werkstatt Demokratie

Wir müssen schon mehr wollen

Die Erderhitzung ist eine Folge des Wachstums der vergangenen Jahrzehnte. Die Bundesregierung will die Klimakrise mit technischem Fortschritt abwenden - doch so einfach ist das nicht.   Essay von Michael Bauchmüller

Melanie, 33 Jahre, Erzieherin

Melanie lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in einem Dorf in Süddeutschland in einem Einfamilienhaus, das um die Jahrtausendwende gebaut wurde. Das Haus hat eine Heizöl-Zentralheizung mit zentraler Warmwasserbereitung.

Melanie arbeitet als Erzieherin in der nahegelegenen Kleinstadt und kümmert sich ansonsten um Familie und Haushalt. Da in ihrem Dorf nur der Schulbus hält, ist sie auf ihr Auto, einen Mittelklassewagen, angewiesen. Mit ihm fährt sie zur Arbeit - und häufig auch ihre Kinder zur Schule oder zu Freunden und Vereinen. So kommen über das Jahr gerechnet 10 000 Kilometer zusammen. Ihr Mann ist Facharbeiter, die Familie hat ein Haushaltsnettoeinkommen von 3900 Euro. Einmal im Jahr verreist die Familie, im vergangenen Jahr fand sie in den Pfingstferien ein günstiges Angebot für einen Pauschalurlaub in Mallorca. Die Familie isst viel Fleisch, hin und wieder kauft Melanie für die Kinder Second-Hand-Kleider oder Gebrauchsgegenstände wie Fahrräder auf dem Flohmarkt. Ihr CO₂-Fußabdruck ist trotz des Fleischkonsums wesentlich kleiner als der von Christian:

Besonders umweltbewusst ist die Familie nicht, ihr geringerer CO₂-Ausstoß ergibt sich vor allem dadurch, dass sie mit dem Geld besser haushalten müssen als Christians Familie. Das Haushalten spielt auch bei Laura, 23 Jahre, Studentin in einer Mittelstadt eine große Rolle - sie versucht allerdings bewusst, ein klimafreundliches Leben zu führen.

Laura, 23 Jahre, Studentin

Laura lebt in einer Vierer-WG in einem unsanierten Altbau. Die Wohnung hat eine Erdgas-Niedertemperatur-Etagenheizung mit dezentraler elektrischer Warmwasserbereitung. Sie ist Vegetarierin, isst ausschließlich regionale und saisonale Bioware und hat mit Freunden eine Initiative gegründet, die Lebensmittel "rettet", die Supermärkte sonst wegwerfen. Sie kauft fast ausschließlich Second-Hand-Kleidung, auch technische Geräte meistens gebraucht. Sie versucht außerdem, so wenig Besitz wie möglich anzuhäufen.

Sie hat kein Auto und nutzt in der Stadt ausschließlich ihr Fahrrad. Zu ihren Eltern oder Freunden fährt sie mit der Bahn, sie bucht lange im Voraus, damit sie Sparpreise nutzen kann. Sie reist leidenschaftlich gerne und arbeitet dafür in den Semesterferien in der Fabrik, in der auch ihr Vater arbeitet. Während des Semesters verdient sie sich in einem Café etwas dazu, so beträgt ihr monatliches Nettoeinkommen insgesamt etwa 1053 Euro. In diesem Jahr ist sie schon zweimal geflogen. Eine Woche war sie auf Sprachkurs in Frankreich, da hat sie kein günstiges Bahnticket bekommen. Und sie war drei Wochen in Ruanda. Ihr Vater stammt aus Ruanda - und ihre Großeltern und die Tanten leben noch immer dort.

Renate, 70 Jahre, Rentnerin

Ein relativ ähnliches Einkommen, aber ein völlig anderes Leben hat Renate, 70 Jahre. Sie ist Rentnerin, lebt ebenfalls in der Großstadt, in einer 60-Quadratmeter Wohnung, die in den 70er Jahren gebaut wurde. Renate verreist nie und nutzt in der Stadt den öffentlichen Nahverkehr. Ein Auto hat sie nicht. Sie isst Fleisch, ist aber ansonsten äußerst sparsam - wenngleich sie keine Second-Hand-Ware kauft, weil sie das unangenehm findet. Lieber achtet sie darauf, dass die wenigen Dinge, die sie kauft, möglichst lange halten.

Renates CO₂-Fußabdruck ist in allen Bereichen unterdurchschnittlich - außer im Bereich Heizung und Strom. Das liegt daran, dass sie alleine wohnt, zudem in einem unsanierten Haus.