Süddeutsche Zeitung

Klimawandel:Der globale Kohle-Ausstieg kommt - nur leider zu spät

  • Die Energienachfrage der Welt dürfte bis 2040 um fast ein Drittel steigen.
  • Der Bedarf wird zunehmend von erneuerbaren Energiequellen gedeckt - und durch Erdgas, das gerade zum zweitwichtigsten Brennstoff der Welt aufsteigt.
  • Die damit zusammenhängende globale Energiewende reicht jedoch nicht aus, um den Klimawandel wirksam zu bremsen.

Von Jan Willmroth, Frankfurt

Selbst ein Kohle-Beschwörer wie US-Präsident Donald Trump wird irgendwann anerkennen müssen, was in seinem Land in den vergangenen Jahren geschehen ist. Noch vor gut einem Jahrzehnt waren in Washington Warnungen zu hören: Die Erdgasvorräte der USA würden so knapp, dass steigende Gaspreise das Wirtschaftswachstum bedrohten. Kurz darauf geschah genau das Gegenteil. Die Fracking-Technologie, mit der US-Konzerne damals begannen, die riesigen Schieferformationen tief unter der Erde aufzusprengen, machte die USA wieder zum größten Erdöl- und Gasproduzenten und verdrängt die Kohle aus der Energieversorgung - mit Folgen für die gesamte Welt.

Innerhalb der kommenden Jahrzehnte wird Erdgas den Platz des zweitwichtigsten Brennstoffes nach Erdöl einnehmen und Kohle von diesem verdrängen, zugunsten des Klimas. Die Kohlenachfrage steigt kaum noch und geht vielerorts sogar zurück. Eine globale Energiewende steht bevor. Das ist eine der wichtigsten Botschaften der Internationalen Energieagentur in ihrem neuen Welt-Energiebericht.

Der Bericht ist eine der wichtigsten Publikationen zur Zukunft der Energiemärkte. In diesem Jahr erscheint er einen Tag, nachdem die entscheidende Phase der Klimaverhandlungen in Bonn begonnen hat. Und er bietet Anlass zu Optimismus: Denn während die globalen Kohlendioxid-Emissionen 2017 erstmals seit zwei Jahren wieder ansteigen, stehen die Energiemärkte vor einem gewaltigen Umbruch. Jenem Umbruch, der für einen ambitionierten Klimaschutz dringend nötig ist: Kohle wird als Energieträger zunehmend ersetzt, und zwar von günstigem Erdgas und Strom aus Sonnen-, Wasser- und Windenergie.

Anders als Erdöl war das flüchtige Erdgas einst weitgehend auf den Transport durch Rohre beschränkt. Schon vor dem Bau der Tausende Kilometer langen Pipelines schlossen Produzenten und Abnehmer deshalb lang laufende Verträge ab, um die enormen Investitionen zu finanzieren. Die globale Gasversorgung war deshalb noch vor wenigen Jahren streng geteilt: Nordamerika, Europa und Asien hatten jeweils eigene Märkte mit unterschiedlichen Quellen und jeweils eigenen, starren Preissystemen.

Der Markt für Erdgas wird mit der Zeit immer globaler

Der Aufstieg der Erdgas-Verflüssigung zu einer wettbewerbsfähigen Technologie hat diese Grenzen beseitigt. Rund um den Globus sind neue Hafen-Terminals entstanden, in denen Erdgas unter hohem Druck verflüssigt und auf Spezialschiffe verladen wird. Das macht das Gas zur globalen Handelsware. Die Zahl der Länder, die sogenanntes LNG (Liquefied Natural Gas, Flüssigerdgas) importieren, ist mittlerweile von 15 im Jahr 2005 auf heute 40 gestiegen, und es werden immer mehr. "Der Markt für Erdgas wird sehr viel globaler und viel stärker vernetzt, als wir es bisher kennen", sagt Tim Gould, einer der Hauptautoren des Energieausblicks. Im wahrscheinlichsten Szenario der Energieagentur verweist das Gas die Kohle bis in 20 Jahren auf Platz drei im globalen Energiemix.

Für das Weltklima sind das zunächst gute Aussichten. Gas is von allen fossilen Rohstoffen am wenigsten CO₂-intensiv und führt zu mehr als 40 Prozent weniger Kohlendioxid-Ausstoß als Kohle und zu etwa 20 Prozent weniger als Erdöl. Vor allem in der Stromversorgung und in der Industrie kann Erdgas also wesentlich dazu beitragen, die Emissionen zu senken, wenn es die anderen Energieträger ersetzt. Ein Vorbild könnte ausgerechnet das Land mit dem zweitgrößten Ausstoß an Treibhausgasen sein: Vor zehn Jahren lieferten Kohlekraftwerke noch die Hälfte des Stroms in den USA. Heute ist es weniger als ein Drittel - und zwischen 2006 und 2016 fielen die Emissionen aus dem US-Energiesektor um satte 15 Prozent.

Ein schleichender Kohleausstieg reicht nicht aus

Gleichwohl warnt die IEA vor zu viel Optimismus, und das aus zwei wesentlichen Gründen. Erstens ist umstritten, wie viel Erdgas auf dem Weg von der Quelle zum Verbraucher verloren geht. Je mehr es ist, desto schlimmer die Folgen: Methan trägt zwanzig Mal so viel zum Treibhauseffekt bei wie Kohlendioxid und hält sich länger in der Atmosphäre. Zweitens dürfte zwar langfristig die weltweite Nachfrage nach Kohle abflachen, für einen ambitionierten Klimaschutz reicht ein solch schleichender Kohleausstieg indes nicht aus - und noch ist die Welt viel zu abhängig von dem Brennstoff. "Die Kohlendioxid-Emissionen aus der Energieversorgung steigen bis 2040 weiter leicht an", schreiben die IEA-Experten. "Damit sind wir weit davon entfernt, die heftigen Folgen des Klimawandels zu vermeiden."

Um die nahe und langfristige Zukunft der Energiemärkte vorherzusagen, hält sich die IEA mit konkreten Prognosen zurück und arbeitet stattdessen mit Szenarien, die sie für unterschiedlich wahrscheinlich hält. In allen Szenarien gelten einige Entwicklungen aber als unbestritten: Die Kosten für erneuerbare Energien sind dermaßen rapide gesunken, dass Solar- und Windenergie in vielen Ländern schon heute die günstigsten Energiequellen sind. Kein anderer Sektor wird deshalb so viel dazu beitragen, den steigenden Energiebedarf der Weltbevölkerung zu decken. Zwei Drittel aller Investitionen in neue Kraftwerke bis 2040 könnten den Erneuerbaren zugutekommen.

Zudem geht die IEA von einer zunehmenden Elektrifizierung aus: Wurde die Energieversorgung abseits der Stromproduktion früher zum Großteil aus fossilen Brennstoffen gedeckt, wird es in Zukunft elektrische Energie sein - nicht zuletzt wegen der Verbreitung von Elektrofahrzeugen. "Elektrizität ist die aufstrebende Macht im weltweiten Endenergieverbrauch", schreibt die IEA.

Zum 40. Geburtstag ihres Energieberichts hat die Pariser Energieagentur also - einmal wieder - gute und schlechte Nachrichten zugleich. Unmissverständlich ist jedoch ihre Botschaft: Wenn sich die Regierungen in Bonn nicht auf deutlich strengere Maßnahmen zum Klimaschutz einigen, werden die Emissionen nicht schnell genug sinken und schwerwiegende Folgen der globalen Erwärmung nicht mehr zu vermeiden sein. Donald Trump, 71, wird das aber vermutlich nicht mehr erleben.

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