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Ökotopia:Früher war der Blick in die Zukunft besser

Werkstatt demokratie ökotopia

Landwirtschaftlich geprägt und mit viel Holzbau - so soll die Zukunft aussehen?

(Foto: Marius Maasewerd; Marius Maasewerd)

Ein 44 Jahre alter Zukunftsroman entwirft eine umweltfreundliche und gerechte Gesellschaft. Doch würde man aus heutiger Sicht noch so leben wollen?

Der Klimawandel macht Angst. Angst vor einer Zukunft, in der die Erde nicht mehr bewohnbar ist. Die Angst liefert dann den Stoff für viel düstere Science Fiction, für negative Utopien ("Dystopien"), in denen der Untergang der Welt beschrieben wird. Zu diesen Dystopien gehören Filme wie "The Day after Tomorrow" von 2004 oder "Interstellar" von 2014. In diesem Frühjahr sorgte der Roman "Die Mauer" des britischen Autors John Lanchester für Aufsehen. Er beschreibt darin ein Großbritannien, das sich einmauert, um Klimaflüchtlinge von der Insel fernzuhalten.

Nun haben es Utopien an sich, dass sie zwar von der Zukunft handeln, tatsächlich jedoch mehr über die Gegenwart aussagen, in der sie geschrieben wurden, vor allem über den Wissensstand der fraglichen Zeit. So war es bei "Utopia" (übersetzt etwa: "Nirgendwo"), dem Buch, das dem Genre seinen Namen gab und in dem der englische Staatsmann Thomas Morus 1516 eine gerechte Republik von Gleichen ohne Privateigentum beschrieb. George Orwell schrieb in seiner Dystopie "1984" die totalitären Ideologien des 20. Jahrhunderts - Nationalsozialismus, Faschismus, Kommunismus - fort. Und heute geht es eben um die apokalyptische Bedrohung durch den Klimawandel.

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Da lohnt es sich, in einer 44 Jahre alten Utopie über Umweltkatastrophen und das Überleben der Menschheit zu blättern: "Ökotopia", 1975 von dem linken amerikanischen Schriftsteller Ernest Callenbach (1929-2012) im Selbstverlag veröffentlicht. Das Buch beschreibt nicht, wie es zu einer Umweltkatastrophe kommt, sondern, im Gegenteil, wie eine Gesellschaft aussehen könnte, die diese Umweltkatastrophe abwendet. Einigen Umweltbewegten gilt "Ökotopia" immer noch als eine Art Bibel, in der breiteren Öffentlichkeit jedoch ist es heute fast vergessen. Tatsächlich erfährt man in dem Buch weniger, was für die Umwelt zu tun wäre, sondern was Zukunftsentwürfe von Schriftstellern vermögen und was nicht. Manches an Callenbachs Utopie ist durchaus noch zeitgemäß, anderes skurril oder abschreckend, vieles falsch und überholt.

Die Handlung: Im Jahr 1980, bei Veröffentlichung des Buches also in fünf Jahren, sagen sich die Bundesstaaten Washington und Oregon sowie der Norden Kaliforniens als Republik "Ökotopia" von den USA los, weil sie die Umweltzerstörung durch den American Way of Life nicht mehr mitmachen wollen. Sämtliche Verbindungen zur Außenwelt werden gekappt. In New York und Washington weiß niemand, was in Ökotopia passiert. Dann, 1999, reist der Journalist William Weston von der fiktiven Zeitung Times-Post zu einer sechswöchigen Reise in das Land - um Informationen zu sammeln und die Möglichkeit einer Annäherung an die USA zu erkunden. Westons Notizen und Artikel bilden den Roman "Ökotopia".

Callenbachs Utopie kannte noch kein Internet und keinen Klimawandel

William Weston beschreibt ausführlich, wie die Ökotopianer ihren Ressourcenverzehr gesenkt haben. San Francisco, die neue Hauptstadt des Landes, ist praktisch lärmfrei, weil es in dem Land kaum noch Autos gibt. Stattdessen reist man in mit Teppichen ausgelegten Zügen, in denen es gelegentlich einen Joint gibt (die Hippie-Zeit war 1975 noch ziemlich lebendig). In den Bahnhöfen wärmen Kaminfeuer. Holz ist die wichtigste Ressource Ökotopias, die Häuser werden in traditioneller Zimmererarbeit gebaut, Waldarbeit ist von zentraler Bedeutung.

Die ganze Gesellschaft ist friedlich, zum Abbau der Aggressionen werden regelmäßig Kriegsspiele veranstaltet. Faktisch haben in Ökotopia die Frauen die Macht übernommen, was die Geburtenkontrolle erleichtert und zum erwünschten Schrumpfen der Bevölkerung beiträgt. Schließlich leben die Ökotopianer ihre Sexualität frei und ungezwungen aus. Die leidenschaftliche Liebesgeschichte William Westons mit der Waldarbeiterin Marissa Brightcloud füllt viele Seite des Buches.

Fast nebenbei erfährt man aber auch, dass Ökotopia durchaus totalitäre Züge hat. Das Land hat sich hermetisch abgeschlossen, es gibt keinen Informationsaustausch, keine Besucher und erst recht keine Migranten. Die Begründung ist bemerkenswert: Nach der Unabhängigkeit führte Ökotopia die 20-Stunden-Woche ein, was die zu erwartende Wirtschaftskatastrophe zur Folge hatte. Damals sei es zu einer ökonomischen Notwendigkeit geworden, "seine Wirtschaft gegen die Konkurrenz härter arbeitender Völker abzuschirmen". Ökotopia hat auch eine Geheimpolizei, die aber nicht so heißt. Deren Angehörige verhalten sich gegenüber Weston eher wie Psychotherapeuten oder Motivationstrainer.

Und dann gibt es die vielen Dinge, die in dem Buch nicht vorkommen: Computer, Internet, Digitalisierung und, vor allem, der Klimawandel. Das kann man dem Autor nicht vorwerfen, schließlich erschienen die ersten Artikel über die Erderwärmung erst Mitte der 1970er Jahre. Microsoft wurde 1975 gegründet, Apple ein Jahr später - beide allerdings ironischerweise in dem Teil der USA, der laut Callenbach zu Ökotopia gehört hätte.

Das alles zeigt, wie sehr Utopien notwendigerweise dem Zeitgeist verhaftet sind. Hätte Callenbach um den Klimawandel und die Digitalisierung gewusst, hätte er "Ökotopia" völlig anders schreiben müssen. Keine Autarkie, mehr Austausch mit dem Rest der Welt, weniger Holz, mehr moderne Technologie.

Daran sollte denken, wer in diesen Tagen Dystopien über den drohenden Weltuntergang liest oder sieht. Sie sind nicht wertlos, denn sie machen reale Gefahren anschaulich. Aber sie tun dies auf dem Wissensstand von heute. Will man den Klimawandel bekämpfen, kommt es darauf an, dass es dabei nicht bleibt und dass die Zukunft offen ist.

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