bedeckt München
vgwortpixel

Fridays for Future:So unterschiedlich gehen Firmen mit jungen Klimaschützern um

Rede von Luisa NEUBAUER Aktivistin der Bewegung ãFridays for FutureÒ Hauptversammlung der RWE AG a

Luisa Neubauer (oben) bei ihrem Auftritt auf der Hauptversammlung des Energieunternehmens RWE.

(Foto: imago images / Sven Simon)

Verständnis zeigen oder zurückfeuern? Viele Konzerne tun sich schwer im Umgang mit ihren jungen Kritikern. Das Beispiel Siemens zeigt jedoch: Ignorieren geht nicht mehr.

Draußen vor der Tür auf dem Messegelände in Berlin hatte sich eine kleine Zahl von Demonstranten versammelt. Sie legten sich zu einem sogenannten "Die-in" auf den Boden und wollten so gegen Volkswagen demonstrieren, gegen die angeblichen "Klima- und Umweltverbrechen der Automafia". Drinnen fand an diesem Frühlingstag im Mai vergangenen Jahres die alljährliche Hauptversammlung des Autobauers aus Wolfsburg statt. Und auch hier war Klimaschutz spätestens dann ein großes Thema, als Clara Mayer ans Mikrofon trat, eine Berliner Schülerin, die bei "Fridays for Future" (FFF) aktiv ist. "Was Sie hier tun, ist nicht genug", sagte sie und forderte Konzernchef Herbert Diess zu einer Antwort heraus.

Nicht nur Volkswagen und Siemens, immer mehr große (und auch kleinere) Unternehmen sind inzwischen massiv mit den Protesten von meist jungen Klimaschützern konfrontiert. Bei der diesjährigen Internationalen Automobilausstellung (IAA) in Frankfurt blockierten Demonstranten, fast alle zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs, zeitweise die Zufahrtsstraßen, während die Autohersteller drinnen ihre neuen Modelle präsentierten, darunter auch auffällig viele große Geländefahrzeuge. Die Autokonzerne zeigten sich damals weitgehend unbeeindruckt.

Wirtschafts- und Finanzpolitik Rekord-Überschuss beim Bund
Haushalt

Rekord-Überschuss beim Bund

2019 wurde erneut weniger Geld ausgegeben als eingenommen. Nun streiten zwei Minister über Steuersenkungen.   Von Cerstin Gammelin

Immer öfter treten die jungen Leute auch auf Hauptversammlungen auf und protestieren; hier darf jeder Aktionär das Wort ergreifen, auch wenn er nur eine einzige Aktie besitzt. Alternativ können auch andere Anteilseigner ihr Rederecht übertragen. "Kein Konzern in Europa trägt mehr Verantwortung für die Klimakrise als RWE", sagte die Umweltschützerin Luisa Neubauer von FFF etwa bei der Aktionärsversammlung des Energieunternehmens RWE in Essen und appellierte direkt an die Anteilseigner: "Und Sie hier im Raum, Sie machen das möglich, wenn Sie nicht endlich aufwachen." Neubauer hat nun auch den Protest gegen Siemens organisiert.

Viele Unternehmen prüfen, wie sie reagieren sollen. "Ignorieren ist in dieser aufgeheizten Debatte nicht mehr möglich", sagt dazu Dominik Enste. Er ist an der TH Köln Professor für Wirtschaftsethik und Verhaltensökonomik und arbeitet für das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW). Die Debatte über Klimaschutz und Nachhaltigkeit ist aus seiner Sicht kein Thema, das schnell wieder verschwindet, es werde die Unternehmen langfristig beschäftigen. Deswegen sei es wichtig, neben einer schnellen Reaktion auf aktuelle Vorwürfe langfristige Strategien zu entwickeln.

Hundert Prozent nachhaltig geht bei einem Industrieunternehmen nicht

"Siemens hat aus wirtschaftsethischer Sicht recht besonnen reagiert", sagt Enste. Ernsthafter Dialog und eine "Politik des Umarmens" seien oft vielversprechend. Reine Symbolpolitik, nur weil sie öffentlichkeitswirksam ist, wäre dagegen dauerhaft unglaubwürdig, denn hundert Prozent nachhaltig gehe bei einem Industrieunternehmen nicht, so der Wirtschaftsprofessor. Ein Zugehen auf junge Kritiker sei auch aus einem weiteren Grund wichtig. Denn diese seien möglicherweise die Mitarbeiter von morgen, für die Nachhaltigkeit bei der Wahl ihres Arbeitgebers entscheidend sein könnte.

Doch die Kritiker entzweien auch die Wirtschaft. "Sie bewegt etwas und beschleunigt den gesellschaftlichen Diskurs. Sie hält den Älteren den Spiegel vor. Es ist gut, dass sich die junge Generation engagiert," sagte vor Kurzem Martin Brudermüller, Vorstandsvorsitzender von BASF, eines Chemiekonzerns, der ebenfalls in der Kritik steht. Brudermüller betonte indes, dass nur das getan werden könne, was auch technologisch möglich sei.

Anders sieht das sein Kollege Christian Kullmann, Chef der Spezialchemiefirma Evonik. "Wir haben Klimahysterie. Wir führen eine in weiten Teilen unsachliche, moralisierende Debatte", sagte neulich der Mann, der möglicherweise demnächst auch Chef des Verbands der Chemischen Industrie (VCI) wird. Und er fügte an: "Ich empfinde das, was Greta Thunberg mitunter sagt, als unverfroren." Sie unterstelle, dass er sich als Vorstandsvorsitzender wie ein Schuft verhalte: "Das ist für mich Hysterie und Polemik."

© SZ vom 14.01.2020/mxh
Unternehmen Kleiner Auftrag, großer Ärger

Siemens

Kleiner Auftrag, großer Ärger

Die Belieferung eines Kohlebergwerks in Australien soll für Siemens nur ein Mini-Projekt sein. Doch der Protest dagegen ist groß - und bringt Konzernchef Joe Kaeser in Erklärungsnot. Hätte man die Sache anders lösen können?   Von Thomas Fromm und Benjamin Emonts

Zur SZ-Startseite