Klimaschutz Gutes Gewissen im Anflug

Das Geschäft mit der CO₂-Kompensation von Reisen wächst: Immer mehr Fluggäste spenden für Klimaprojekte. Die Anbieter verzeichnen ein enormes Wachstum.

Von Vivien Timmler

Blick auf Vancouver an der kanadischen Westküste.

(Foto: James MacDonald / Bloomberg)

Auf das Fliegen wollen die Deutschen nach wie vor nicht verzichten, aber sie sind bereit, dafür draufzuzahlen - manche zumindest. Der Marktführer für CO₂-Kompensationen in Deutschland, Atmosfair, hat im vergangenen Jahr 9,5 Millionen Euro Ausgleichszahlungen für Flüge erhalten. Das sind 40 Prozent mehr als im Vorjahr. Auch beim Konkurrenten Myclimate ist das Wachstum eigenen Angaben zufolge "regelrecht explodiert". Im ersten Quartal 2019 hätten Privatpersonen 220 Prozent mehr CO₂ kompensiert, als noch im Vorjahr, im April sogar 440 Prozent mehr.

Atmosfair und Myclimate sind zwei von mittlerweile mehr als 20 Anbietern, bei denen Nutzer nach Flügen, Kreuzfahrten und anderen Dingen die eigene CO₂-Bilanz zu kompensieren versuchen, indem sie Geld spenden. Damit werden weltweit Projekte etwa zum Energiesparen oder zur Erzeugung von Ökostrom gefördert.

Das Prinzip: Passagiere müssen auf der jeweiligen Website ihre Flugdaten eingeben, dann rechnet ein Algorithmus aus, wie viel CO₂ durch den Flug freigesetzt wird. Bei einem Hin- und Rückflug von Frankfurt ins schöne kanadische Vancouver kommt der Rechner von Atmosfair beispielsweise auf 111 Euro, wenn nicht noch Detailangaben wie der Flugzeugtyp ergänzt werden, was die Spendenhöhe verändern kann. Je nach Anbieter kann man nach der Kalkulation auswählen, wohin das Geld gehen soll. Klimaprojekte sollen anderswo auf der Welt Emissionen verringern. Das kann etwa ein Projekt in Kenia sein, mit dem Familien dort effizientere Kocher bekommen.

Die Preise pro kompensierter Tonne CO₂ schwanken zwischen fünf und 25 Euro. Das hat jedoch nicht automatisch etwas mit der Seriosität der Anbieter zu tun, sondern mit den unterschiedlichen Projekten. Statt auf den Preis zu schauen, sollten Verbraucher sich daher eher nach der Qualität des Projekts richten - und darauf achten, dass die Projekte das Gütesiegel "Gold Standard CER" tragen. Diese Projekte bedenken nicht nur die Klimabilanz, sondern auch den sozialen und ökologischen Nutzen. Unterdessen plant die europäische Luftsicherheitsbehörde, Flugzeuge nach CO₂-Emissionen und ihrer Umweltverschmutzung zu klassifizieren. Das Kennzeichnungssystem werde auf Druck der Passagiere und der grünen Parteien im Europaparlament eingeführt und soll der Effizienzbewertung von Haushaltsgeräten ähneln.