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Klimaschutz:Geht doch

Tagebau Schaufelradbagger zieht um

Die Heimatregion der Erzählerin Ruhr wurde durch Braunkohleabbau in eine Kraterlandschaft verwandelt.

(Foto: Arno Burgi/dpa)

Jahrelang funktionierte der Emissionshandel kaum. Nun steigen die Preise für Verschmutzungsrechte massiv. Eine gute Nachricht für das Klima.

Von M. Bauchmüller, J. Willmroth, Berlin/Frankfurt

Nie zuvor ist der Preis für Emissionsrechte in der EU binnen eines Monats so gestiegen: fast fünf Euro, allein im August. Stößt eine Fabrik oder ein Kraftwerk eine Tonne Kohlendioxid aus, muss der Betreiber nun mehr als 21 Euro zahlen, so viel wie seit zehn Jahren nicht mehr. Und das könnte bald auch der Kohlekraft in Deutschland zu schaffen machen.

Das wäre neu, denn zuletzt war der Preis nahezu bedeutungslos. Bis auf unter drei Euro sank er zwischenzeitlich ab, dem Klimaschutz dienten die Emissionsrechte kaum. Dabei war das der Sinn: 2005 hatte die EU für Europas Industrie das Budget klimaschädlicher Treibhausgase gedeckelt und handelbare Emissionsrechte ausgegeben. Fabriken und Kraftwerke brauchen seither Zertifikate für jede Emission. Wer seine Produktion ausweitet und so dem Klima mehr schadet, muss Zertifikate zukaufen. Das Kalkül: Je teurer die Emissionsrechte werden, desto eher lohnen sich Investitionen in saubere Anlagen. Doch weil weit mehr Rechte am Markt waren, als die Industrie brauchte, dümpelte der Preis dahin. Wirtschaftskrise und laxe EU-Klimapolitik gaben dem System den Rest.

Das hat sich nun geändert. "Man merkt, dass die Händler wieder Vertrauen in die europäische Klimapolitik fassen", sagt der Klimaökonom Ottmar Edenhofer, Chef des Mercator-Instituts für globale Gemeingüter in Berlin. Und für das neue Vertrauen gibt es Gründe: Erst im Juni verabschiedeten die Europäer strengere Ziele für den Ausbau erneuerbarer Energien und der Energieeffizienz; Klimakommissar Miguel Arias Cañete will deshalb das europäische Klimaziel für 2030 hochsetzen. Gegenüber 1990 müssten die Emissionen dann nicht um 40, sondern um 45 Prozent sinken. "Am Zertifikate-Markt werden Erwartungen gehandelt", sagt Edenhofer. "Und diese Erwartungen haben sich verändert."

Noch größeren Einfluss dürfte die jüngste Reform des Emissionshandels haben. Von 2019 an werden überschüssige Zertifikate schrittweise vom Markt genommen. Sie landen in einer "Marktstabilitätsreserve" und werden teilweise gelöscht. Auf 1,7 Milliarden Zertifikate hatte die Europäische Umweltagentur die Überschüsse zuletzt geschätzt - genug, um die deutsche Industrie gut drei Jahre lang mit Zertifikaten zu versorgen. Bald ist das Geschichte.

Mit dem jüngsten Preisanstieg hat dennoch keiner gerechnet. "Wir sind alle überrascht", sagt Felix Matthes, der sich beim Berliner Öko-Institut mit dem Emissionshandel befasst. Unklar sei derzeit noch, ob hier schon die Reformen durchschlagen - oder Händler nur eine vorübergehende Verknappung einpreisen. "Die Stunde der Wahrheit schlägt 2021." Bis dahin ist die Stabilitätsreserve fest eingeführt, der Markt normalisiert sich wieder.

Edenhofer wie auch Matthes plädieren daher für einen Mindestpreis. "So rasch der Preisanstieg gekommen ist, so rasch kann er auch verfliegen", sagt Edenhofer. "Mit einem Mindestpreis könnten sich Investoren auf das aktuelle Niveau einstellen." Für das Klima sei das ohnehin besser.

Denn die hohen Zertifikatepreise machen vor allem Firmen zu schaffen, die besonders viel Klimaschaden anrichten - etwa den Betreibern von Braunkohlekraftwerken. Derzeit steigt der CO₂-Preis deutlich schneller als der Strompreis: Damit sinken die Renditen der Kraftwerke.

Konzerne wie RWE haben zwar Vorsorge getroffen und sich bis 2021 gegen zu hohe Zertifikatepreise abgesichert. Danach aber könnte ein höherer Preis voll durchschlagen. "Bei Preisen jenseits von 30 Euro kommt der Ausstieg aus der Kohle ganz von selbst", sagt Ökonom Edenhofer.

Viele Experten gehen mittlerweile von einem weiteren Anstieg aus. Experten der Analysefirma Carbon Tracker rechnen mit einem Preis von 25 Euro zum Ende des Jahres - zehn Euro mehr, als noch im April prognostiziert. Für Lawson Steele, Energie- und Rohstoffanalyst der Investmentbank Berenberg, ist die aktuelle Entwicklung sogar erst der Anfang. Der Preis für eine Tonne Kohlendioxid werde bis 2020 "allerwenigstens" auf 30 Euro steigen, sagt er voraus. Auf dem Markt für Emissionsrechte werde bis mindestens 2028 ein strukturelles Defizit herrschen. Der Preis sei deshalb nach oben offen, sogar Niveaus jenseits der 100 Dollar seien möglich. Dass es derzeit noch zu viele Zertifikate gebe, hält Steele für einen Irrglauben: Einen Großteil des von der EU berechneten Überschusses nutzten Energie- und Industriekonzerne heute, um sich gegen hohe Preise abzusichern. Die Marktreserve werde diese Knappheit nächstes Jahr noch verschärfen. Sollten die Experten recht behalten, könnte der Emissionshandel nach 15 Jahren die Kraft für effizienten Klimaschutz entfalten, die er in der Theorie hat. M. Bauchmüller, J. Willmroth

© SZ vom 31.08.2018

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