Klimaschutz:Die Kapitäne steuern um

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Klimaschutz: Glühender Rohling von Rothe Erde in Dortmund: Die Thyssenkrupp-Tochter baut Ringe unter anderem zu großen Wälzlagern für Windräder zusammen.

Glühender Rohling von Rothe Erde in Dortmund: Die Thyssenkrupp-Tochter baut Ringe unter anderem zu großen Wälzlagern für Windräder zusammen.

(Foto: Marcel Kusch/dpa)

Klimaschutz war lange ein lästiges Hindernis für die Industrie. Die Zeiten sind vorbei. Immer mehr Unternehmen sehen nun mehr Chancen als Risiken - und hoffen dabei auf politische Rückendeckung.

Von Michael Bauchmüller

Mit Thyssenkrupp verbindet Jochen Flasbarth eine lange, ganz eigene Geschichte. Flasbarth, derzeit noch Staatssekretär im Bundesumweltministerium, war schließlich auch mal ein junger Umweltschützer, und er stammt aus Duisburg-Rheinhausen. "Damals habe ich Thyssenkrupp bekämpft", sagt er - als schmutzige Industrie. Heute dagegen gebe es gar keine grundsätzlichen Widersprüche mehr - jetzt, wo sich auch die Stahlindustrie auf den Weg zur Klimaneutralität macht. "Ein interessanter Täter-Opfer-Ausgleich" sei das, findet SPD-Mann Flasbarth.

Es hat sich einiges verschoben im Verhältnis zwischen Wirtschaft und Umweltschützern. Jahrelang standen weite Teile der Industrie bei vielen Vorgaben auf der Bremse, galten Klima- und Umweltschutz vor allem als ärgerliches Hindernis im Wettlauf der Standorte. "Die Zeiten sind vorbei", sagt Sabine Nallinger, Vorständin der Stiftung 2 Grad: "Klimaschutz ist in der Wirtschaft voll angekommen." Im internationalen Wettbewerb stelle sich mittlerweile eher die Frage, wer rechtzeitig klimaneutrale Produkte auf den Markt bringe.

Jochen Flasbarth

Jochen Flasbarth, Staatssekretär im Bundesumweltministerium, hat mal Thyssenkrupp bekämpft, heute sieht er das anders.

(Foto: Christian Charisius/dpa)

Das beobachtet auch die Unternehmensberatung McKinsey. "Alle CEOs überlegen momentan, wie schnell sie sich auf den Weg machen können zur Dekarbonisierung", sagt Ruth Heuss, Senior Partnerin bei McKinsey - also weg von fossiler Energie. "Die nächsten zehn Jahre sind entscheidend." So steht es auch in einer Studie der Beratungsfirma, Heuss war Co-Autorin. Demnach braucht es insgesamt klimafreundliche Investitionen von rund sechs Billionen Euro, um Deutschland bis 2045 klimaneutral zu machen. Davon allerdings sind fünf Billionen Euro Ersatzinvestitionen, die ohnehin fällig werden, eine Billion Euro kommen obendrauf.

Doch dem stehen volkswirtschaftliche Gewinne gegenüber: sinkende Energiekosten etwa, neue Märkte und neue Jobs. Unter dem Strich, sagt die Studie, lasse sich der Weg in die Klimaneutralität kostenneutral erreichen - "zu gesamtgesellschaftlichen Netto-Null-Kosten". Wenn der Weg denn rasch gegangen wird.

Noch ist er ziemlich weit. Bevor die Pandemie mit der Wirtschaft auch die Treibhausgas-Emissionen auf Talfahrt schickte, emittierte Deutschland gut 800 Millionen Tonnen Treibhausgase im Jahr. Davon entfielen 187 Millionen Tonnen allein auf die Industrie - was ziemlich genau dem Wert von 2010 entsprach. In der vorigen Dekade hat sich also in der Industrie so gut wie nichts getan. Woher dann plötzlich der Optimismus?

Strenge Klimavorgaben können zu Nachteilen im Wettbewerb werden

Er gründet vor allem auf neuen Technologien. Wird Stahl etwa nicht mit Koks gewonnen, sondern mit Wasserstoff, und entsteht dieser Wasserstoff aus erneuerbarer Energie - dann geht auch Stahl klimaneutral. Rund 30 Prozent der deutschen Industrie-Emissionen fielen so flach. Auch alle möglichen anderen Branchen ließen sich mit erneuerbarem Strom und grünem Wasserstoff von ihrem Fußabdruck befreien, bis hin zur Chemie. "Keiner muss mehr vom ,race to zero' überzeugt werden", sagt Roland Harings, Chef des Metallspezialisten Aurubis. "Es wird zu einem Wettbewerbsvorteil werden." Allerdings brauche es dafür auch rasch einen entsprechenden Rahmen.

Zum Beispiel Außenschutz: Je strenger die Klimavorgaben in der EU werden, desto eher könnten sie auch zu Nachteilen im Wettbewerb führen - etwa, weil sich billiger, schmutziger Stahl besser verkaufen lässt als klimafreundlicher. Die EU liebäugelt deshalb mit einem Grenzausgleichsmechanismus: So würde Importen ein Aufpreis für deren CO₂-Fußabdruck aufgeschlagen, der sich etwa an den Preisen im europäischen Emissionshandel orientiert: Er gibt jeder Tonne CO₂ einen Preis. Würde dann auch Europas Industrie komplett diesem Handel unterworfen, wären die Wettbewerbsbedingungen wieder gleich, und das vermutlich sogar im Einklang mit den Regeln der Welthandelsorganisation WTO.

Im Gespräch ist auch ein Ausgleich für diejenigen, die in neue Technologien investieren und dadurch höhere Produktionskosten haben. Über sogenannte Differenzkostenverträge könnte der Staat diese Mehrkosten übernehmen - und so neuen Technologien zum Durchbruch verhelfen.

Ein Spaziergang wird das alles nicht. Mal abgesehen davon, dass nicht alle Handelspartner begeistert sind von Grenzausgleichsmechanismen, dass Differenzkostenverträge einen Haufen Geld kosten und von vielen der neuen Technologien zwar Pilotprojekte existieren, aber kaum großtechnische Anwendungen - es stehen der Republik auch noch eine Reihe heißer Diskussionen bevor.

Dr. Dominik von Achten

Dominik von Achten, Chef von Heidelberg-Cement, will den Konzern auf mehr Klimaschutz trimmen.

(Foto: Heidelberg Cement)

So wird die Klimaneutralität in einigen Bereichen kaum gelingen, wenn nicht Kohlendioxid künstlich abgespalten und unterirdisch gespeichert wird. Doch dieses Verfahren - das englische Kürzel heißt CCS - wurde vor einigen Jahren in Deutschland faktisch verboten: Überall im Land hatte sich Widerstand gegen CCS formiert. Allerdings auch, weil etwa Umweltschützer verhindern wollten, dass das nur die Lebenszeit der Kohle verlängert. Das aber ist mit dem Kohleausstieg vorbei.

Einer, der auf die Technologie angewiesen wäre, ist Dominik von Achten, der Chef von Heidelberg-Cement. Um die 20 Millionen Tonnen CO₂ gehen hierzulande auf das Konto der CO₂-intensiven Zementproduktion. "CCS ist da entscheidend", sagt von Achten. Auch er will sein Unternehmen auf Klimakurs bringen, sein Unternehmen wolle "Teil der Lösung" sein. "Nach der Dekade der Zielsetzung", sagt von Achten, "kommt nun die Dekade der Umsetzung."

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