Klimapolitik Gegen das Grau

In Mexiko-Stadt treffen sich diese Woche Bürgermeister aus der ganzen Welt, um über Klimaschutz zu beraten.

(Foto: Brett Gundlock/Bloomberg)

Kaum einigen sich Staaten auf einen Klimavertrag, wechseln die Regierungen, und die Abkommen sind wieder hinfällig. Die Bürgermeister der Weltmetropolen haben darauf keine Lust mehr - und organisieren sich selbst.

Von Christian Endt

Das Rote Rathaus, mit der Klinkerfassade und dem 74 Meter hohen Turm eines der oft fotografierten Wahrzeichen von Berlin, könnte seit 2010 auch Grünes Rathaus heißen. Seither steht auf dem Dach der Verwaltungszentrale eine Solaranlage. 160 Photovoltaik-Module glänzen in der gelegentlich auch über Berlin scheinenden Sonne und sparen jedes Jahr 23 Tonnen Kohlenstoffdioxid.

Klimaschutz gilt vor allem als Aufgabe der großen Politik. Präsidenten, Kanzler und Minister treffen sich ständig zu gigantischen Klimagipfeln, und manchmal fassen sie dort sogar Beschlüsse. Zu Hause überlegen sich die Staatenlenker, ob und wie sich die Beschlüsse möglicherweise umsetzen ließen. Dann kommen Neuwahlen und die Menschen wählen irgendjemanden, der den Klimawandel für eine Erfindung fremder Völker hält, oder jedenfalls dem Geschäft mit Öl und Gas nicht besonders zuträglich.

Schon im Jahr 2005, im Weißen Haus regierte damals der Ölfreund George W. Bush, hat eine Gruppe von Bürgermeistern erkannt, das die Welt auf diese Weise nicht zu retten ist. Sie beschlossen, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Ein Jahr später schlossen sich 40 Metropolen zur Gruppe der C40 zusammen, ausgeschrieben: zur Cities Climate Leadership Group. Von diesem Mittwoch an treffen sich die Bürgermeister der C40 in Mexiko-Stadt, um sich darüber auszutauschen, was sie als städtischer Ebene gegen den Klimawandel tun können: Wie sehen nachhaltige Verkehrskonzepte aus? Wie lässt sich Müll am besten weiter verwerten? Wie funktioniert klimafreundlicher Städtebau?

Etwa drei Viertel aller weltweiten Treibhausgase werden in Großstädten freigesetzt, je nach Definition und Schätzung. Nicht alle davon kann ein Bürgermeister einfach so abschaffen. Dennoch gibt es eine Menge Maßnahmen, die Stadtverwaltungen ergreifen können.

Stadtwerke, Gebäudesanierung, Nahverkehr: Die Städte haben beim Klimaschutz viele Hebel

In Berlin etwa hat der Senat nicht nur das Rathaus mit Solaranlagen versehen; bis 2030 soll die gesamte Verwaltung CO₂-neutral sein. Und zwanzig Jahre später die ganze Stadt: "Bis 2050 will Berlin klimaneutral sein", sagt Ges Homann von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt, "als Stadtstaat mit Gesetzgebungsmöglichkeit haben wir das verbindlich festgeschrieben." Diesem Ziel nähert sich die Bundeshauptstadt mit verschiedensten Projekten, etwa zur Gebäudedämmung, zur Regenwasseraufbereitung, zur Umweltbildung an Schulen und Kitas.

Seit ihrer Gründung ist die C40-Gruppe auf 83 Mitglieder angewachsen. Neben den großen Metropolen wie New York, London, Tokyo, Lima, Nairobi und Kalkutta gehören inzwischen auch Städte dazu, die zwar etwas kleiner, aber umso fortschrittlicher beim Klimaschutz sind: Portland im US-Bundesstaat Oregon beispielsweise, Kopenhagen und Amsterdam.

Aus Deutschland zählt Heidelberg zu diesem Kreis. "Wir sind eine Selbstverpflichtung eingegangen, die weit über die nationalen Klimaziele hinausgeht", sagt Oberbürgermeister Eckart Würzner. Innerhalb von zehn Jahren habe man den Energieverbrauch der kommunalen Liegenschaften um die Hälfte gesenkt, einschließlich Schulen, Behörden und Schwimmbäder. Die Stadtwerke liefern viel Strom aus Wasserkraft, die Sparkasse helfe mit Krediten bei der Altbausanierung.

Würzners Prestigeprojekt ist die Bahnstadt, ein neu entstehendes Viertel auf dem Gelände eines ehemaligen Rangierbahnhofs. Die Stadt habe alle Grundstücke erworben und sie unter der Auflage weiterverkauft, dass darauf nach Passivstandard gebaut werden muss. In der Bahnstadt sollen 5000 Wohnungen und 7000 Arbeitsplätze fast völlig ohne Heizungsenergie auskommen. Eine Straßenbahn und Radwege ermöglichen eine klimafreundliche Verkehrsanbindung.

Für Würzner, der als Parteiloser mit Unterstützung von CDU und FDP gewählt wurde, geht es beim Klimaschutz um Wirtschafts- und Standortpolitik. "Wenn wir eine prosperierende Region bleiben wollen, müssen wir vorangehen", sagt er.

Vielleicht ist es aber auch umgekehrt und Heidelberg kann sich solche Projekte nur leisten, weil es der Stadt von vornherein gut geht. Da kommt Martha Gutierrez ins Spiel. Sie ist bei der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), der Entwicklungsorganisation der Bundesregierung, für städtische Klimaschutzprojekte in Entwicklungsländern zuständig. "Gerade arbeiten wir an einem Projekt in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá", sagt sie, "der Bürgermeister möchte dort eine Fahrradtrasse bauen, die über 25 Kilometer arme und reiche Stadtteile verbindet. Schulen, Universitäten und Parks wären dadurch für die Bevölkerung besser zu erreichen. Und es ließen sich mehr als 29 000 Tonnen CO₂ pro Jahr einsparen." Die GIZ helfe mit Geld und Beratung bei der Planung solcher Projekte sowie bei der Suche nach einer Finanzierung. Darüber spricht Guiterrez auch beim C40-Gipfel in Mexiko-Stadt.

Vor dem Treffen gilt die Sorge der Teilnehmer aber nicht nur den armen Ländern des Südens. Seit dem 9. November sind die USA wieder zu einem Unsicherheitsfaktor der globalen Klimapolitik geworden. In einem Brief an Trump baten die Bürgermeister von 35 amerikanischen Städten, darunter New York, Los Angeles, Chicago und Seattle, der zukünftige Präsident möge sie beim Klimaschutz unterschützen. Sie seien allerdings auch bereit "ohne Unterstützung der Bundesregierung unseren Weg weiterzugehen".