BankenWie die Klimakrise die Finanzstabilität bedroht

Lesezeit: 3 Min.

Aus den Waldbrandgebieten in Kalifornien haben sich viele amerikanische Versicherer längst zurückgezogen. Kann das auch in deutschen Risikogebieten passieren?
Aus den Waldbrandgebieten in Kalifornien haben sich viele amerikanische Versicherer längst zurückgezogen. Kann das auch in deutschen Risikogebieten passieren? Ethan Swope/dpa

Häuser, die niemand versichert, Kredite, die nach Naturkatastrophen niemand bezahlt: Die Finanzaufsicht warnt so deutlich wie nie vor den Folgen des Klimawandels für Banken und Versicherer.

Von Friederike Krieger und Meike Schreiber, Frankfurt

Während die Klimakrise im Bundestagswahlkampf bislang kaum eine Rolle spielt und immer mehr große Wall-Street-Banken aus Klima-Allianzen aussteigen, warnt die deutsche Finanzaufsicht Bafin so deutlich wie nie vor den Risiken der Erderwärmung für Banken und Versicherungen. Katastrophen wie die Brände in Los Angeles oder die Überschwemmungen in Spanien zeigten das Ausmaß der Schäden, die der Klimawandel bereits jetzt verursacht, sagte Bafin-Chef Mark Branson am Dienstag in Frankfurt. Allein die Brände in Kalifornien hätten Schäden von bis zu 150 Milliarden Dollar verursacht. Diese Belastungen werden auch den Finanzsektor treffen: Versicherer müssen enorme Schadenssummen schultern, Banken ihre Kredite für Häuser in betroffenen Gegenden abschreiben. „Die Unternehmen des Finanzsektors müssen sich intensiver mit den physischen Risiken des Klimawandels auseinandersetzen“, sagte Branson.

Bislang hat die deutsche Finanzaufsicht Klimarisiken eher am Rande behandelt, während die europäische Bankenaufsicht das Thema schon länger ernst nimmt. Dabei lag der Fokus der Aufseher bisher aber vor allem auf den sogenannten transitorischen Risiken. Diese entstehen, wenn fossile Technologien wie Kohlekraftwerke wegen Klimaschutzmaßnahmen nicht mehr benötigt werden und die Kredite dafür abgeschrieben werden müssen. Das Thema Klimawandel ist aber spätestens mit der neuen US-Regierung in den Hintergrund gerückt oder wird in den USA sogar aktiv bekämpft. Zuletzt haben sich viele große Banken aus wichtigen Klima-Allianzen zurückgezogen, in denen sie sich zuvor auf Klimaziele verpflichtet hatten.

Mit dem Fokus auf physische Risiken sendet die Bafin nun jedoch auch eine beunruhigende Botschaft: Weil die Politik zu wenig dagegen unternimmt, könnte sich der Klimawandel als unaufhaltsam erweisen. Die Finanzbranche müsse sich daher darauf vorbereiten. „Es ist schwierig, in demokratischen Ländern einen Konsens für umweltpolitische Entscheidungen zu finden“, sagte Branson. Die Gefahr, dass der Klimawandel nicht eingedämmt werden kann, sei real. „Das ist eine realistische Einschätzung.“

Ist der Kampf gegen den Klimawandel längst aufgegeben?

Obwohl die Risiken des Übergangs zu einer emissionsärmeren Wirtschaft weiterhin relevant seien, gab Branson zu: „Wir haben die physischen Risiken in der Regulierung bislang unterschätzt.“ Viele Finanzunternehmen hätten nicht einmal die nötigen Daten, um diese Risiken zu bewerten. Häufig fehle es an präzisen, kundenbezogenen Standortdaten, die mit einer adressgenauen Zuordnung physischer Gefahren – etwa Überschwemmungen – kombiniert werden könnten.

Mauricio Vargas, Finanzexperte der Umweltschutzorganisation Greenpeace, hält Bransons Aussagen dennoch für bedenklich: Die Betonung physischer Risiken gegenüber transitorischen impliziere, dass die Politik die Krise nicht rechtzeitig eindämmen könne, sodass die physischen Risiken unvermeidlich würden. „Es ist, als würde eine staatliche Behörde auf die Durchsetzung von Verkehrsregeln verzichten, weil man glaubt, dass sich niemand daran halten wird, und stattdessen die Aufmerksamkeit auf das Aufsammeln von Verkehrstoten richtet.“ Die Aufsicht hätte die verbindlichen und gesetzlich verankerten Klimaziele scheinbar aufgeben und würde Banken damit auch aus der Verantwortung entlassen.

Ein besseres Risikomanagement für Naturkatastrophen, wie es Branson von Banken und Versicherern fordert, könnte zudem auch Nachteile für die Kunden bedeuten. Wenn Banken und Versicherer physische Risiken meiden, entstehen schnell Versicherungslücken, wie bereits in den USA. Dort haben sich viele Versicherer aus Kalifornien zurückgezogen: Immobilien können dort wegen Brandgefahr in manchen Gegenden nicht mehr zu vernünftigen Preisen versichert werden. In einigen Fällen musste das staatliche Versicherungsprogramm Fair einspringen, das jedoch an seine finanziellen Grenzen stößt.

In Deutschland gibt es laut der Bafin bislang keine vergleichbare Versicherungslücke. „Versicherungen sind hier zu leistbaren Preisen verfügbar“, sagte Branson. Dennoch sei das Thema wichtig. Ein Beispiel hierfür sei das Ahrtal, unweit von Bransons Wohnort. Dort gebe es kaum Schutzmaßnahmen gegen Hochwasser, aber viele neue Häuser, die auf den Grundstücken errichtet wurden, auf denen zuvor von der Flut zerstörte Immobilien standen. „Warum ist das so? Das Gebäude ist versichert, das Grundstück jedoch nicht“, sagte der Bafin-Chef. „Die Versicherung zahlt nur, wenn an derselben Stelle ein neues Gebäude errichtet wird. Werden so die richtigen Anreize gesetzt?“ Ein funktionierendes Risikomanagement bedeute daher auch: stärker über Prävention nachzudenken und den Bau von Häusern in bestimmten Gebieten zu verhindern. Aber das wäre im Bundestagswahlkampf sicherlich ein unangenehmes Thema.

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Banken
:Wall Street gibt Kampf gegen Klimakrise auf

Während die Erderwärmung steigt, wendet sich die US-Finanzindustrie von wichtigen Klimaschutz-Initiativen ab. Hierzulande sehen manche darin eine Chance für Europa.

SZ PlusVon Meike Schreiber

Lesen Sie mehr zum Thema

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: