Lösung für Kleider-Kauf im Internet Acht Roboter und 32 Menschen

Weibliche Roboter sind seit Juni bei den Briten im Einsatz. Damen müssen neben Größe und Armlänge den Umfang von Brust, Hüften und Bauch angeben. Bei Hawes & Curtis ist man begeistert: "Seit Beginn der Kooperation haben wir doppelt so viele Produkte ins Ausland geschickt und 57 Prozent mehr Artikel an Neukunden verkauft", berichtet Antony Comyns, Chef des E-Commerce-Bereichs. Die Rücksendungen gingen um ein Drittel zurück.

Ungewöhnliche Anprobe: Heikki Haldre (links), CEO und Mitgründer von Fits.me, und Maarja Kruusmaa.

Seit April experimentiert auch Otto, nach Amazon weltweit größter Versandhändler, mit der virtuellen Umkleidekabine: Kunden, die sich für Herrenklamotten von Levi's, John Devin und Billabong interessieren, können online ihre Größe ermitteln. "Wir gehen davon aus, dass Fits.me ein wesentliches Kundenproblem im E-Commerce lösen kann: die fehlende Möglichkeit der Anprobe", sagt Thomas Schnieders, der bei Otto für neue Medien zuständig ist.

Der Versandhändler hofft auf höhere Kundenzufriedenheit und einen Rückgang der Retouren: Viele Kunden bestellen bislang einen Artikel in mehreren Größen. Branchenkenner gehen davon aus, dass die Deutschen ein gutes Drittel ihrer Bestellungen im Internet zurückschicken. Diese Quote ist beispielsweise in Frankreich deutlich niedriger, weil dort vorab bezahlt werden muss.

Da jedes der ausgewählten 15 Stücke in der Testphase in allen Größen fotografiert wurde, dauerte die Digitalisierung bei Otto einen Monat. "Der Prozess wird sich beschleunigen, da die Robotermannschaft wächst", sagt Schnieders, der bei dem Hamburger Konzern den Test auf Damenoberbekleidung ausweiten will.

Bei Fits.me arbeiten zurzeit neben Heikki Haldre "acht Roboter und 31 Menschen". In New York und London gibt es eigene Leute, die in den bestversprechenden Märkten, den USA und Großbritannien, nach neuen Kunden suchen. Haldre ist seit sieben Jahren im E-Commerce-Bereich aktiv und hat bereits fünf Firmen gegründet. Für Fits.me hat er 2,6 Millionen Euro von Investoren, der EU und der estnischen Wirtschaftsförderung gesammelt. Künftige Kunden müssen eine Lizenzgebühr bezahlen.

Haldre gehört zu jener Generation, die der Baltenrepublik den Ruf eines IT-Pioniers eingebracht hat. 1997 wurden alle Schulen ans Web angeschlossen, die Verfassung garantiert kostenlosen Internetzugang, und 2011 wurden 93 Prozent der Steuererklärungen online abgegeben. An der Ostsee wurde in den neunziger Jahren der Internet-Telefondienst Skype entwickelt; noch heute befindet sich das Forschungszentrum in Tallinn.

"Wir sind sehr stolz auf Skype, und für ein kleines Land ist es wichtig, seine Nische zu finden", sagt Haldre. Gerade bei webbasierten Dienstleistungen seien die Esten stark: Taxipal etwa hat ein Programm entwickelt, mit dem man über sein Smartphone in 31 Ländern ein Taxi bestellen kann. Als die IT-Berater der Guidewire Group im vergangenen Dezember die 100 innovativsten Start-ups präsentierte, waren sechs Firmen aus Estland darunter - eine enorme Quote für ein Land mit 1,4 Millionen Einwohnern.

Haldre glaubt an seine Idee: "Mode ist sehr individuell: Jeder Zweite trägt eine andere Größe als die empfohlene." Als Beleg dienen ihm zwei IT-Milliardäre: Bill Gates trage viel zu große Hemden, während Steve Jobs eng anliegende Pullover bevorzuge. Und auch der junge Este erwartet Gewinn: "Bisher werden nur acht Prozent aller Klamotten im Internet bestellt. Bei Büchern und Computern liegt der Anteil bei 50 Prozent."

Selbst das Image einer Marke könnte von Fits.me profitieren, glaubt Haldre: "Mode ist sehr emotional. Auf ein Paket mit einem schicken Kleid zu warten, ist schön. Umso schrecklicher ist das Gefühl, wenn man es zurückschicken muss, weil es nicht passt." Wenn eine Kundin die Frist verstreichen lasse, hänge das Stück ewig im Schrank und wecke schlechte Erinnerungen. Ein Roboter in Estland könne helfen, dies zu verhindern.