Secondhand-Plattformen:Aus zwei mach eins

Secondhand-Plattformen: Fragt man bei Secondhand-Plattformen nach, wie das Geschäft so läuft, kommt nahezu unisono die gleiche Antwort: verdammt gut.

Fragt man bei Secondhand-Plattformen nach, wie das Geschäft so läuft, kommt nahezu unisono die gleiche Antwort: verdammt gut.

(Foto: Alamy / PattayaPhotography/mauritius images)

Das Geschäft von Kleiderkreisel und Mamikreisel läuft so gut wie nie. Nun fusionieren die Second-Hand-Plattformen.

Von Vivien Timmler

Wenn aus zwei Firmen eine wird, dann bringt das für Kunden normalerweise eine ganze Reihe Umstellungen mit sich. Plötzlich ist das Sortiment ein neues, das Design ein hipperes, die Kundschaft eine andere. Nicht alle finden das gut: Bei jeder Übernahme, Zusammenlegung oder Fusion bleiben immer auch ein paar Konsumenten auf der Strecke.

Auch die Nutzer der Secondhand-Plattformen "Kleiderkreisel" und "Mamikreisel" sind längst noch nicht alle in die neue "Vinted"-App umgezogen, seit die strahlend türkisen Logos plötzlich ergraut sind, von einem Tag auf den anderen. Geschäftsführer Thomas Plantenga ist jedoch optimistisch, dass das in den kommenden Wochen Schritt für Schritt passieren wird. Denn das Besondere an dieser Fusion: Es ändert sich für den Konsumenten quasi überhaupt nichts. Benutzeroberfläche, Funktionen, angebotene Produkte: Alles bleibt gleich. Nur ziert die App künftig ein V anstelle eines K oder eines M.

Das liegt daran, dass Kleiderkreisel und Mamikreisel eigentlich schon immer eins waren, nur halt unter anderem Namen. Schon kurz nach der Gründung von Vinted vor zwölf Jahren beschloss Gründerin Milda Mitkute, den deutschen Plattformen eigene Namen zu geben - "weil jeder Markt seine eigenen Merkmale und Bedürfnisse hat", erklärt Geschäftsführer Plantenga. Das Kalkül ging auf: Vinted hat 34 Millionen registrierte Mitglieder in zwölf Ländern, mit 8,5 Millionen kommen aber mehr als ein Viertel davon aus Deutschland. Mittlerweile hat Vinted Unicorn-Status erreicht: Bei der letzten Finanzierungsrunde vor knapp einem Jahr wurde das Unternehmen erstmals mit mehr als einer Milliarde Euro bewertet.

Es lief also alles perfekt - und trotzdem gibt Plantenga die etablierten Namen der Plattformen nun auf. Unter anderem, um endlich den Namen "Mamikreisel" zu aktualisieren, wie er sagt. Zwar seien die Mitglieder überwiegend weiblich, "es handelt sich aber nicht nur um eine Plattform für Mütter, sonder für alle Eltern im Allgemeinen", sagt er. "Bei Vinted haben wir eine vielfältige Community, und dies sollte nicht durch einen Namen eingeschränkt werden."

Die Corona-Einschränkungen haben bislang keinerlei negative Auswirkungen auf das Geschäft von Vinted gehabt, im Gegenteil: In den Monaten des ersten Teil-Lockdowns haben Nutzer deutlich mehr Kleidung hochgeladen als sonst. "Dies könnte tatsächlich eine direkte Folge davon sein, dass Menschen zu Hause geblieben sind und sich die Zeit genommen haben, ihren Kleiderschrank aufzuräumen", so Plantenga.

Der "Aufräum-Effekt" ist nicht der einzige Wachstumstreiber

Fragt man bei anderen Secondhand-Plattformen nach, wie das Geschäft so läuft, kommt nahezu unisono die gleiche Antwort. "Offensichtlich haben viele die Zeit genutzt, ihre Wohnung aufzuräumen und sich von ungenutzten Dingen zu trennen", so ein Sprecher von Ebay-Kleinanzeigen. Neben Fahrrädern und Gartenzubehör seien das vor allem Gesellschafts- und Videospiele, Bücher und Filme. Im September seien durchschnittlich 42 Millionen Anzeigen zur gleichen Zeit auf der Online-Plattform verfügbar gewesen, heißt es aus dem Unternehmen. Das sind etwa zwei Millionen mehr als noch im Mai.

Und auch bei der Gebrauchtwarenplattform Momox, zu der auch der Bücherspezialist Medimops und die Mode-Tochter Ubup gehören, zeigt sich ein ähnliches Bild. "Wahrscheinlich haben unsere Kunden und Kundinnen die Ausgangsbeschränkungen für den Frühjahrsputz genutzt, um zu Hause Platz zu schaffen", sagt Geschäftsführer Heiner Kroke. Zwar seien die Verkäufe Mitte März kurzzeitig eingebrochen, dann sei jedoch der "Aufräum-Effekt" eingetreten und das Ankaufvolumen deutlich gewachsen. Beim Verkauf laufe während des Teil-Lockdowns vor allem der Verkauf gebrauchter Bücher über Medimops richtig gut.

Doch der "Aufräum-Effekt" ist nicht der einzige Faktor, der das Geschäft von Secondhand-Plattformen derzeit antreibt. Auch das Streben nach mehr Umwelt- und Klimaschutz bringt Menschen dazu, Gebrauchtes zu kaufen - oder zu verkaufen. "Rund um Secondhand hat sich in den letzten Jahren eine Bewegung für einen verantwortungsvolleren Konsum entwickelt und zu einem Imagewandel geführt", sagt Vinted-Geschäftsführer Plantenga.

Das unterstreicht auch eine Studie des Wuppertal-Instituts in Zusammenarbeit mit Ebay-Kleinanzeigen: Demnach legen Befragte, die ab und an gebrauchte Produkte kaufen oder verkaufen, in ihrem Alltag insgesamt mehr Wert auf Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung. Während jedoch nahezu alle Befragten schon mal etwas Gebrauchtes verkauft haben (96 Prozent), halten sich die Deutschen beim Kauf gebrauchter Produkte noch zurück (51 Prozent) - oder geben dies zumindest an.

Immerhin: Jeder Zweite kann sich der Umfrage zufolge vorstellen, in Zukunft öfter gebraucht zu kaufen, um die Umwelt zu schonen. "In der Bevölkerung gibt es erkennbar eine große Bereitschaft, Produkte länger zu nutzen und damit Abfall zu vermeiden. Was wir aber brauchen, sind Strukturen, die das allen im Alltag einfacher ermöglichen", sagt Studienkoordinator Henning Wilts. Secondhand-Plattformen wie Vinted, Momox oder Ebay können diesen Beitrag leisten.

© SZ
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