Klarna:Das Einhorn, das aus dem Regenbogen fiel

Lesezeit: 4 min

Klarna: Klarna war mal 45 Milliarden Euro wert, nun ist es nur noch mit 6,5 Milliarden US-Dollar bewertet. Stürzt da gerade ein Einhorn aus dem Regenbogen?

Klarna war mal 45 Milliarden Euro wert, nun ist es nur noch mit 6,5 Milliarden US-Dollar bewertet. Stürzt da gerade ein Einhorn aus dem Regenbogen?

(Foto: Imago; Collage: Niklas Keller)

Massenentlassung, Millionenverlust, krasser Werteinbruch: Klarna, das ehemals wertvollste Fintech Europas, steckt in der Krise. Woran das liegt und wie es jetzt weitergehen soll.

Von Nils Wischmeyer

An großen Visionen mangelte es Sebastian Siemiatkowski offenbar noch nie. "We are coming for you", schrieb er auf Twitter noch im Dezember 2021, was frei übersetzt so viel bedeutet wie: Wir kriegen euch noch. Im Blick hatte der Gründer niemand Geringeren als Paypal, gewissermaßen den Prototyp eines Finanz-Start-ups und heute 100 Milliarden US-Dollar wert. Hybris? Vielleicht. Aber damals, im Dezember 2021, war der Schwede Siemiatkowski tatsächlich nicht mehr so weit weg von seinem Ziel. Seine gerade einmal 17 Jahre alte Firma Klarna war ein 40-faches Einhorn. So nennen Investoren Start-ups , die mehr als eine Milliarde Euro oder Dollar wert sind. Klarna aus Schweden war 45 Milliarden Euro wert und Gründer Siemiatkowskis auf dem besten Weg, das zu sein, was er über sich selbst im Internet schreibt: "Der Albtraum des weltweiten Banken-Establishments!"

Neun Monate später ist Klarna mit voller Wucht auf dem Boden der Tatsachen aufgeschlagen. In einer neuen Finanzierungsrunde bewerteten Investoren das einst wertvollste Start-up Europas nur noch mit 6,5 Milliarden US-Dollar, einem Bruchteil des vorherigen Werts. Dann kamen die Halbjahreszahlen: 580 Millionen Euro Verlust machte das Unternehmen in den ersten sechs Monaten 2022 und damit dreimal so viel wie noch vor einem Jahr. Die Kosten explodierten, die teure Expansion in die USA rächt sich kurzfristig. Siemiatkowski musste die Reißleine ziehen: 700 Mitarbeiter und damit rund zehn Prozent seiner Belegschaft setzt Klarna vor die Tür. Stürzt da gerade ein Einhorn aus dem Regenbogen?

Verbraucherschützer kritisieren Klarna regelmäßig

Klarna, das war lange ein Märchen, das Gründerinnen und Gründer sich nachts vor dem Zu-Bett-Gehen erzählten. 2005 gründete Siemiatkowski die Firma mit Freunden, und schnell gewannen sie einen berühmten Kapitalgeber aus den USA als Investor und kassierten Preise. Es folgte Wachstum, folgten Zukäufe und immer mehr Geld von Investoren. In diesen Jahren wandelt sich die Firma. Anfangs noch hielt sich Klarna als Abwickler von Zahlungen im Hintergrund, gewann über die Jahre aber immer mehr Präsenz beim Endverbraucher. Heute bietet das schwedische Unternehmen ein Bankkonto, Kreditkarten und eine sogenannte "Super-App" an.

Deutsche Kunden kennen die schwedische Finanzfirma aber für seine "Buy now, pay later"-Produkte (Kaufe jetzt, bezahle später), bei dem Verbraucher ihre Ware wahlweise erst nach 30 Tagen oder in Raten abbezahlen. Klarna verdient daran doppelt: Zum einen kassiert die Firma eine Gebühr von den Händlern für die Abwicklung der Zahlung. Zum anderen lässt sich die Firma die Ratenkredite der Kunden mit einem Zinssatz von 9,99 Prozent pro Jahr vergolden. Verbraucherschützer kritisieren dieses Geschäftsmodell, weil es zu Überkonsum verleite. Sie befürchten, dass gerade junge Menschen so immer weiter auf Pump kaufen. Klarna widerspricht und verweist auf die niedrige Ausfallrate seiner Kredite.

Das Umfeld für Start-ups ist schwieriger geworden

Überkonsum oder nicht: Siemiatkowski hat früh erkannt, dass "Kaufe jetzt, bezahle später"-Angebote ein Multimilliarden-Markt sind. Entsprechend exzessiv ist Klarna ab spätestens 2020 expandiert und hat dabei viel Geld verbrannt. Denn um neue Kunden zu akquirieren, muss die Firma im Zweifel auch Kunden bedienen, die ihre Kredite nicht so regelmäßig oder gar nicht zurückzahlen, was wiederum die Marge auffrisst. Dazu kommen Marketing- und Personalkosten für die Expansion. "Nüchtern betrachtet war Klarna viele Jahre profitabel, bevor man getrieben von billigem Geld auf Wachstum um jeden Preis setzte", beobachtet E-Commerce-Experte Philipp Klöckner.

Dann kamen die Corona-Krise, gestörte Lieferketten, die Zinswende und die Inflation - und plötzlich saß das Geld nicht mehr so locker. In Deutschland beispielsweise investierten Geldgeber im zweiten Quartal 2022 nur noch 2,9 Milliarden Euro und damit fast fünf Milliarden Euro weniger als noch ein Jahr zuvor. Heike Hölzner, Professorin an der HTW Berlin, will noch nicht von einer Krise, aber von einer "Konsolidierung" sprechen, die nun wieder zu "realistischeren Bewertungen und auch dazu führt, dass die Tragfähigkeit des Geschäftsmodells der Start-ups wieder in den Fokus rückt".

Die Geschäftszahlen bieten Lichtblicke

Profitabilität statt Wachstum? Bei Klarna wollen sie jetzt darauf setzen, versichert das Unternehmen. Doch einfach wird das nicht. Denn das Konsumklima wird schwieriger und mit Konkurrenten wie Apple oder Paypal kämpfen sie mittlerweile um Marktanteile. "Das wirkt sich negativ auf die Margen aus", sagt Klöckner.

Teure Expansion, neue Konkurrenz, schwieriges Marktumfeld: Klarna spürt all das, wie sich in den Halbjahreszahlen zeigt. Dort steht eine Verdreifachung des Verlusts, und gerade ein Kostenblock macht dem Unternehmen zu schaffen: die Mitarbeiter. In den vergangenen Jahren hat der Finanzdienstleister mehr als 2000 neue Stellen geschaffen, um die Expansion zu stemmen. Jetzt muss der "Kostenapparat abgebaut werden", analysiert Klöckner und rechnet damit, dass das schwedische Unternehmen langfristig weitere 20 Prozent seiner Stellen streichen muss, was sie bei Klarna heftig dementieren. Die zehn Prozent, so betont Siemiatkowski öffentlich, seien eine einmalige Sache gewesen.

Hat Klarna also das Schlimmste bereits hinter sich? Der Blick in die Geschäftszahlen bietet neben den horrenden Verluste auch einige Lichtblicke. So konnte das Unternehmen seinen Umsatz um fast ein Viertel steigern, dazu wuchs es besonders schnell in Großbritannien und den USA. Sollte das Unternehmen seine Kosten in den USA also kurzfristig in den Griff bekommen und bereits im dritten oder vierten Quartal profitabel werden, dürfte zumindest die interne Bewertung der Investoren schnell wieder steigen. Das könnte dem Unternehmen einen wichtigen Schub in schwierigen Zeiten geben. Schafft es Siemiatkowski hingegen nicht, die Kreditausfälle und die Kosten unter Kontrolle zu bekommen, dürften die kommenden Monate hart werden für das Einhorn aus Schweden.

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