Klangvoll Zukunftsmusik

Es gab Zeiten, da verließen eine Million Plattenspieler pro Jahr das Werk in Kiel. Das Elac- Modell Miraphon 18H.

(Foto: oh)

Klassische Hi-Fi-Anlagen verkaufen sich nicht mehr, obwohl mehr Musik gehört wird. Elac hat reagiert - und ein buchgroßes Gerät voller Hightech entwickelt.

Von Helmut Martin-Jung

Gunter Kürten schiebt sein iPad auf dem Tisch von sich weg und sagt: "Wir hätten natürlich auch noch ein paar Jahre so weiterwursteln können." Wir, das ist Elac, eine jener deutschen Traditionsfirmen, deren Namen zumindest die etwas älteren noch kennen. Noch in den 1970er-Jahren verließen eine Million Plattenspieler pro Jahr das Werk in Kiel, Elac war damals einer der größten Arbeitgeber der Stadt, 3000 Menschen arbeiteten dort. Doch dann kam die CD. Musik wurde plötzlich digital abgespeichert, nicht mehr analog auf Vinylplatten. Und Elac war nicht darauf vorbereitet, wurde regelrecht überrollt, "das Know-how war nicht da", sagt Kürten, der heutige Geschäftsführer.

Als er vor knapp einem Jahr den Posten von seinem langjährigen Vorgänger Wolfgang John übernahm, hatte sich die Firma auf Lautsprecher spezialisiert - ein Geschäft, das alleine die Firma nicht mehr lange getragen hätte, wie Kürten glaubt. Der Markt für konventionelle Hi-Fi-Anlagen schrumpfe seit Jahren dramatisch: "Wenn man jetzt nichts ändert, läuft man in dieselben Probleme wie in den 70er-Jahren."

Also fasste er einen Plan. Einen ziemlich radikalen Plan: "Wir machen was, das uns keiner zugetraut hätte." Wichtigster Teil des Planes ist ein Gerät, das etwa so groß wie ein dickes gebundenes Buch ist und voller Hightech steckt.

Wer Adeles Hit "Rolling in the deep" hört, erfährt auch, wer ihn geschrieben hat

Es fungiert als Musikzentrale im heimischen Netzwerk, beherrscht alle relevanten digitalen Musikformate - auch solche in hoher Auflösung -, kann bis zu acht Abspielgeräte gleichzeitig bedienen. Und nicht nur das: Es bindet auch Streaming-Anbieter, also Abonnement-Musikdienste aus dem Internet ein, wie etwa Spotify, Tidal oder Deezer.

Sogar deren großen Nachteil, das Fehlen vieler wichtiger Informationen nämlich, behebt das "Discovery Gateway", wie die Box genannt wird. Eine Software, die von der US-Firma Roon entwickelt wird und auf Tablets läuft, sammelt zu jedem Album Informationen aus den verschiedensten Quellen ein. So erfährt man zum Beispiel, wer Adeles Hit "Rolling in the deep" geschrieben hat, die Sängerin selbst und Paul Epworth, ein Sänger, Songwriter und Produzent. Klickt man auf seinen Namen, erfährt man, wo er sonst überall noch mitgewirkt hat.

Ziemlich genial ist das und eine echte Marktlücke. Eine Streaming-Box, die das ganze Haus mit Musik versorgen kann und dazu noch Informationen aus dem Netz dazu sammelt. Was übrigens auch für die Musik funktioniert, die schon daheim digital auf Festplatten oder einem Netzwerkspeicher-System (NAS) liegt. Für große Sammlungen mit einigen tausend Alben dauert es schon mal ein paar Stunden, bis alle Informationen gesammelt sind - doch die bleiben dann auch erhalten und werden beim nächsten Aufruf sofort angezeigt.

Kürten ist klar, dass seine Firma, die gerade einmal 45 Menschen beschäftigt, dort wildert, wo sich einige Große der Branche tummeln. Marktführer Sonos etwa, aber auch Firmen wie Bose, dazu Konzerne wie Samsung oder Philips. Sie haben auch gemerkt, dass zwar der Markt für klassische Hi-Fi-Anlagen im Sinkflug begriffen ist - gleichzeitig aber immer mehr Musik gehört wird. Nur eben anders. Vernetzung ist ein wichtiges Thema, aber auch die Fähigkeit, Musik in mehreren Räumen gleichzeitig abzuspielen. Und als Fernbedienung dient das Smartphone.

In so einer Lage einfach wie bisher mit Lautsprechern weiterzumachen, hätte nicht funktioniert, ist sich Kürten sicher. "Meine Vision ist, dass wir als innovativ wahrgenommen werden." Ganz aufgeben wird Elac aber die alte Tradition nicht. Im Frühjahr zur Münchner High-End-Messe, einem Treffen Audiophiler aus aller Welt, wird Elac einen echten Knaller vorführen, ein Lautsprecher-System für 40 000 Euro - "da können sich die Ingenieure mal so richtig austoben." Hauptsächlich auf dem asiatischen Markt seien solche hochpreisigen Systeme gefragt.

In den USA, dem wichtigsten Markt für Audioprodukte, gilt das etwas abgemildert auch. Dort verkaufen sich entweder die ganz teuren Systeme oder aber Einsteigerprodukte.

Auch solche wird Elac künftig anbieten. Gefertigt werden diese dann aber in China, "Lautsprecher für 169 Euro, die können sie in Deutschland nicht produzieren", sagt Kürten. Sogar Plattenspieler will Elac wieder bauen - langweilig wird es Kiel in der nächsten Zeit bestimmt niemandem.

In der Firma habe die Entwicklung der neuen Produkte eine Aufbruchsstimmung ausgelöst, sagt Kürten. Er hat sein gesamtes Berufsleben in der Hi-Fi-Branche verbracht, zuletzt war er beim Hersteller Denon fürs Deutschland-Geschäft zuständig.

Bald wird die Firma umziehen, das moderne Firmengebäude solle auch den neuen Geist zeigen, der durch die Firma weht, sagt Kürten. Die neuen Produkte sollen, so hofft er, Wachstum bringen.

Auf dem Gelände des Unternehmens stellte die Firma Hagenuk übrigens einmal Telefone her. Auch so ein Name, den man von früher kennt. Hagenuk ist allerdings pleite gegangen.