Kita-Streik:Warum Erzieherinnen mehr verdienen sollten

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Kita-Streik: Demonstranten nehmen im Mai 2022 mit Plakaten und Fahnen an einer Kundgebung auf dem Münchner Marienplatz teil.

Demonstranten nehmen im Mai 2022 mit Plakaten und Fahnen an einer Kundgebung auf dem Münchner Marienplatz teil.

(Foto: Peter Kneffel/dpa)

Gute Kitabetreuung ist schon deshalb unverzichtbar, weil immer mehr Eltern berufstätig sein wollen. Die Arbeit am Menschen muss generell besser bezahlt werden - auch in Pflege und Kliniken.

Kommentar von Alexander Hagelüken

Müssen die Erzieherinnen und Erzieher wirklich streiken? Der Satz wird in diesen Tagen oft gefallen sein. Man kann den Frust der erwerbstätigen Eltern verstehen. Es ist ja nicht so, dass ihren Kindern die Kita oder der Schulhort nur wegen der Streiks der vergangenen Tage versperrt blieb. Ihre Kinder sind seit Ausbruch der Pandemie vor zwei Jahren sehr oft Zuhause. Weil die Kitas und Horte geschlossen waren. Weil die Kinder Corona haben oder in Quarantäne sind. Für Millionen Familien sind es schwierige Zeiten.

Es lässt sich aber auch verstehen, dass die kommunalen Erzieherinnen (und ihre wenigen männlichen Kollegen) auf bessere Bedingungen pochen. Für sie gibt es kein Home-Office. Sie stecken sich leicht bei kleinen Kindern an, die keine Maske tragen und für die es oft noch keinen Impfschutz gibt. Und ihre Arbeit fordert sie auch ohne Pandemie jeden Tag, emotional und körperlich - bei überschaubarer Bezahlung, steigenden Mieten und Inflation.

Wer die Kita- und Hortkräfte nicht besserstellen will, übersieht ihre gesellschaftliche Bedeutung. Bei immer mehr Paaren wollen und müssen Vater und Mutter einen Beruf ausüben. Dann aber bedarf es einer Betreuungsinstitution für den Nachwuchs. Und zwar möglichst eine, in der nicht zu viele Kinder auf eine Erzieherin kommen. Der zunehmende Personalmangel in diesen Berufen wird noch viele Eltern hart prüfen. Gerade Hortplätze nach der Schule sind oft rar. Die Bertelsmann-Stiftung schätzt, bis 2030 könnten 230 000 Erzieherinnen fehlen. Da wird es höchste Zeit, sich mehr um das Personal zu bemühen.

Kitas und Ganztagsschulen erfüllen eine weitere Funktion. Sie kompensieren Startnachteile von Kindern, denen Sprachkenntnisse, soziale Fähigkeiten oder Anderes fehlen. Kompensieren ist leider zu viel gesagt. In Wahrheit können diese Institutionen nur helfen, einen Teil der Nachteile aufzuholen. Umso mehr sollten ihre Beschäftigten motiviert werden, alles zu geben, damit die benachteiligten Kinder nicht später in einer immer anspruchsvolleren Berufswelt straucheln. Das wäre wegen der betroffenen Menschen schlimm - und wegen des Fachkräftemangels fatal.

Auch wir Bürger müssen mitzahlen

Sollten die Arbeitgeber also einfach die Forderungsliste der Gewerkschaft Verdi unterschreiben, wenn ab diesen Montag weiter verhandelt wird? Zumal Verdi-Chef Frank Wernecke schon mit spürbar mehr Streiks droht? So einfach ist es nie. Man kann auch die Städte und Gemeinden verstehen, die die halbe Milliarde Euro nicht herumliegen haben, die die Verdi-Liste kosten soll. Viele Kommunen haben wenig Geld. Und die Erzieherinnen bekamen zuletzt schon mehr Gehaltsaufschlag als andere Beschäftigte im öffentlichen Dienst, auf deren Arbeit sich nicht verzichten lässt und die ebenfalls besser bezahlt werden möchten.

Die Kita-Tarifverhandlungen sollten der Anfang dafür sein, die Arbeit am Menschen grundsätzlich aufzuwerten. Ob Erzieherinnen, Altenpfleger, Sozialarbeiter oder Krankenschwestern: Wenn uns ihr Einsatz für die Menschen wichtig ist - also für uns -, dann müssen wir sie besser bezahlen. Wenn normale Bankangestellte nach gleicher Ausbildungszeit 1000 Euro mehr verdienen als Erzieherinnen, dann läuft im Land etwas schief. Und wenn knappe Personalschlüssel die Arbeit in Pflegeheimen, Kitas oder Kliniken stressig machen, vertreibt man Mitarbeiter aus Tätigkeiten, auf die wir alle angewiesen sind.

Um das zu verhindern und bessere Gehälter zu erreichen, kann man mit dem Finger auf gierige private Betreiber, klamme Kommunen oder knausrige kirchliche Arbeitgeber zeigen. Das reicht aber nicht. Letztlich sind es auch wir Bürger, die in der einen oder anderen Form bezahlen müssen, wenn die Arbeit am Menschen besser entlohnt werden soll. Statt die Kita-Gebühren für alle zu streichen, sollten sie Eltern der Oberschicht und der gehobenen Mittelschicht weiter zahlen, denn sie können sich das leisten. Und wer gut verdient, sollte durch Steuern und Beiträge seinen Beitrag leisten, damit der Einsatz für Menschen anständig bezahlt wird.

Als die Pandemie ausbrach, wurde Corona-Helden der Arbeit von deutschen Balkonen aus Beifall geklatscht. Von solchen Gesten, die einen nichts kosten, werden Erzieherinnen und Pfleger nicht satt.

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