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DIW-Studie:Die Pandemie verstärkt bestehende Rollenverteilungen

Bamberg, Deutschland 08. Februar 2021: Ein Kind sitzt an einem Küchentisch und löst Aufgaben in einem Schulheft. Auf dem

Home-Office, Home-Schooling und Hausarbeit - in der Pandemie bleibt das alles oft an den Frauen hängen.

(Foto: K. Schmitt/imago-images/Fotostand)

Paare, die sich die Kinderbetreuung ohnehin teilen, tun das auch im Lockdown. Der Anteil von Familien aber, in denen das allein die Frau übernimmt, hat sich verdoppelt, zeigt eine neue Studie.

Von Henrike Roßbach, Berlin

Das Familienleben ist ordentlich durcheinandergeraten im vergangenen Jahr, als der erste Lockdown beschlossen wurde. Viele Wochen lang waren die Schulen und Kitas geschlossen oder liefen nur im Notbetrieb, und die meisten berufstätigen Eltern mussten die Kinderbetreuung komplett anders organisieren als sonst. Die große Frage, die sich seither viele stellen, ist: Wie haben sie sich das Kinderhüten und die Hausarbeit aufgeteilt? Hat sich etwas verändert an den eingeübten Rollen, die Mütter und Väter hierzulande übernehmen innerhalb ihrer Familien?

Einige Studien zu diesem Komplex sind in den vergangenen Monaten bereits veröffentlicht worden, im Großen und Ganzen war das Bild, das sie zeichneten, stets ein differenziertes. An diesem Mittwoch stellt nun das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) eine neue Studie vor, die noch mehr Licht ins Dunkel der pandemiebedingten Rollenverteilung bringen will. Die beiden zentralen Ergebnisse der Untersuchung, die der Süddeutschen Zeitung vorab vorlag: Zum einen hat sich der Anteil der Familien, in denen die Mutter sich fast komplett alleine um die Kinder kümmert, fast verdoppelt. Zum anderen hat sich der Anteil der Familien, in denen die Eltern sich die Sorgearbeit gleichberechtigt teilen, kaum verändert. Möglich ist das durch die Verschiebungen in einer dritten Konstellation: Der Anteil der Familien, in denen die Frau "überwiegend" die Kinderbetreuung stemmt, ist gesunken.

Die Ausgangslage vor der Pandemie war die, dass in 59 Prozent der Paarfamilien "überwiegend" die Frau die Kinderbetreuung übernahm, in 31 Prozent der Fälle teilten die Eltern sich die Betreuung "in etwa gleich" auf. Acht Prozent gaben an, dass "(fast) vollständig" die Frau die Kinderbetreuung stemme, in weniger als drei Prozent der Fälle "(fast) vollständig" oder "überwiegend" der Mann. Ein Jahr später, in der Pandemie samt Betreuungsnotstand, ist der Anteil der Familien mit dem Modell Halbe-Halbe nur minimal gestiegen. Der Anteil mit einer "überwiegenden" Kinderbetreuung durch die Mutter ist um 13 Prozentpunkte gesunken - dafür ist im Gegenzug der Anteil der Mütter als alleinige Betreuerinnen kräftig gestiegen - von vormals acht auf nun 16 Prozent. Der Anteil der Familien mit Vätern in der Betreuungshauptrolle stieg um zwei Prozentpunkte. Für das Waschen, Kochen und Putzen ergibt sich ein ähnliches Bild, allerdings ist der Anteil der Familien, in denen die Frau den Haushalt alleine schwingt, nicht so stark gewachsen wie bei der Kinderbetreuung.

Durch die Pandemie wird das Ungleichgewicht oft noch stärker

Es sieht also ganz danach aus, als festige und verstärke die Pandemie bestehende Rollenverteilungen: Paare, die sich die Verantwortung für Familie und Beruf hälftig teilen, tun das wohl auch unter verschärften Bedingungen. Wo hingegen die Frau schon vorher den größeren Part der Sorgearbeit übernommen hat, tut sie das im Lockdown offenbar noch mehr: Die Rollenverteilung verschiebt sich dahingehend, dass sie nun komplett zuständig ist. "In Familien, in denen sich Frauen schon zuvor deutlich mehr um Kinderbetreuung und Haushalt gekümmert haben, ist das Ungleichgewicht während der Corona-Pandemie noch größer geworden", sagt DIW-Forscherin Katharina Spieß.

Grundlage der Untersuchung ist eine Längsschnittstudie, für die jährlich rund 12000 Personen befragt werden. Im Mai, Juni und Juli des vergangenen Jahres kam eine spezielle Corona-Erhebung hinzu, an der sich laut DIW mehr als 3000 Menschen beteiligt haben. Insgesamt stützt sich die Untersuchung auf 967 Paarhaushalte mit Kindern; Mütter waren mit 60 Prozent der Befragten leicht überrepräsentiert. Das bei solchen Befragungen bekannte Phänomen, dass Frauen und Männer ein und denselben Sachverhalt unterschiedlich wahrnehmen, tritt auch bei dieser Studie auf. So gaben fast 24 Prozent aller Mütter an, sie übernähmen "(fast) vollständig" die Kinderbetreuung, aber nur gut fünf Prozent der Väter sahen das genauso. Für die Berechnung der Gesamtwerte haben die Forscherinnen deshalb den Durchschnitt über Frauen und Männer gebildet.

Die Studie zeigt auch, dass das Arbeiten von zu Hause aus sich bei Männern und Frauen unterschiedlich darauf auswirkt, wie viel an Hausarbeit und Kinderbetreuung sie leisten. Bei Frauen ist das Home-Office damit verbunden, dass sie mehr Sorgearbeit erledigen als sonst - bei Männern ist das dagegen nicht so.

© SZ
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