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Kik zahlt Entschädigung:Kik stockt Hilfen für Fabrikopfer auf

KiK-Filiale

Kik-Filiale in Berlin: Der Textildiscounter erweitert nochmal seine Hilfen für die Opfer in Pakistan.

(Foto: Ian Nolan/dpa)
  • Kurz vor dem vierten Jahrestag des tödlichen Unglücks in einer pakistanischen Textilfabrik erklärt sich der Discounter Kik zu weiteren Entschädigungszahlungen bereit.
  • Die Zahlung von Schmerzensgeld lehnt Kik aber weiter ab, "weil es keine Schuld am Ausbruch des Brandes sieht".
  • Einige der Opfer wollen vor dem Dortmunder Landgericht ihren Anspruch auf Schmerzensgeld erstreiten.

Von Caspar Dohmen

Am 11. September 2012 brannte in Karatschi die Textilfabrik Ali Enterprises. 259 Menschen kamen bei dem Inferno ums Leben, eine weitere Arbeiterin starb später an den Folgen des Brandes. In der Ruine fanden Angehörige und Hilfskräfte Jeans mit dem Label des deutschen Textildiscounters Kik, der die Fabrik zeitweise zu drei Vierteln ausgelastet hatte. Es war eine der Katastrophen, wie sie häufig bei Zulieferern im Süden geschehen. Besonders war jedoch, dass diese Fabrik überwiegend nur von einem einzigen Auftraggeber ausgelastet wurde: Kik.

Der deutsche Discounter bemühte sich schnell um Hilfe und verhandelte auf Vermittlung von Gewerkschaften bald mit Piler, einer unabhängigen und anerkannten Organisation für Arbeiterbildung in Pakistan. Eingeschaltet war auch die Kampagne für saubere Kleidung, ein Zusammenschluss von NGOs und Gewerkschaften, die sich für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie einsetzen.

Drei Monate nach dem Unglück einigte sich das Unternehmen mit Opfervertretern auf eine Vorgehensweise und überwies eine Millionen Dollar Soforthilfe - der High Court of Sindh verteilte sie an die Opfer. Mehrere Male verhandelten beiden Seiten in den folgenden zwei Jahren auch über die vorgesehenen langfristigen Entschädigungen. Aber es zog sich hin. Die Betroffenen und deren Helfer hatten den Eindruck, dass sich der Wind in der Konzernzentrale des Textildiscounters gedreht hatte und dieser keine weiteren Entschädigungen mehr zahlen wollte.

Erst jetzt - kurz vor dem vierten Jahrestag des Unglücks, hat sich Kik bei einem von der Internationalen Arbeitsorganisation ILO moderierten Dialog doch noch zur langfristigen Zahlung von Entschädigung bereit erklärt. Die Opfer erhalten demnach weitere 5,15 Millionen Dollar. "Wir sind froh über die Einigung", sagte Berndt Hinzmann von der Kampagne für saubere Kleidung. Aber die lange Zeit der Verhandlungen zeige, dass der Gesetzgeber aktiv werden müsse, damit solche Entschädigungsleistungen künftig schneller abgewickelt werden.

Beteiligt waren an den jetzigen Gesprächen Vertreter der ILO, des Unternehmens, der Kampagne für saubere Kleidung sowie der Gewerkschaftsdachverband IndustriALL Global Union. Sie bescheinigen dem Unternehmen mit der jetzigen Einigung, alle materiellen Ansprüche aus der seinerzeitigen Vereinbarung mit den Opfern erfüllt zu haben. Entsprechend erhalten die Opfer die Entschädigung auch nur, wenn sie eine Verzichtserklärung unterschreiben. Sie gilt jedoch nicht für mögliche Ansprüche auf ein Schmerzensgeld, welches einige der Opfer vor dem Dortmunder Landgericht erstreiten wollen. Sie gehören einer Gruppe von Opfern an, die sich organisiert haben, aber in Genf nicht mit am Tisch saßen.

Erst kürzlich hatte das Landgericht Dortmund Prozesskostenbeihilfe für die vier Kläger bewilligt, die Rechtsgeschichte schreiben könnten. Denn sie wollen erreichen, dass Kik für die Geschehnisse zur Verantwortung gezogen wird, obwohl ihr die Fabrik nicht gehörte. Die Zahlung von Schmerzensgeld lehnt Kik weiter ab, "weil es keine Schuld am Ausbruch des Brandes sieht". Mit ihrer Klage haben die Opfer jedoch öffentlichen Druck aufgebaut, der dazu beigetragen haben könnte, dass Kik sich bei nun bei den materiellen Entschädigungen bewegt hat.

Bewegung in die festgefahrene Situation der Entschädigung hatte das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit gebracht, auf Anregung sowohl von Vertretern der Kampagne für saubere Kleidung als auch des Unternehmens selbst. Ende Mai hatten in Genf dann Gespräche begonnen. Im Juli hatte die ILO eine Erkundungsreise in Pakistan durchgeführt, um anschließend die individuellen Ansprüche der Berechtigten zu ermitteln. Insgesamt summieren sich die Zahlungen an die Opfer einschließlich der Hilfen der pakistanischen Sozialkassen auf mehr als elf Millionen Euro. Kik-Chef Zahn bedankte sich bei dem BMZ, ohne dessen "kontinuierliches Engagement diese Einigung nicht möglich gewesen wäre". Die Höhe der jetzigen Entschädigung ist für Branchenexperten erwartbar.

© SZ.de/gba

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