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Kik:Billig, ohne billig zu wirken

Patrick Zahn

Patrick Zahn, Chef des Discounters Kik, trägt aus dem Sortiment nur die Socken. Von solchen Smartshoppern hätte er gerne mehr im Laden.

(Foto: Maja Hitij/dpa)

Modernere Filialen und die Anonymität des Netzes: Wie Patrick Zahn, der neue Chef von Kik, mehr Kunden zum Textildiscounter locken will.

Von Varinia Bernau, Düsseldorf

Wenn Patrick Zahn jemandem erzählt, wo er arbeitet, schweigt sein Gegenüber meist ein paar Sekunden. Der 39-Jährige arbeitet bei Kik, seit Beginn dieses Jahres ist er sogar der oberste Mann bei dem Textildiscounter. Das Kürzel steht für "Kunde ist König". Nichts also, wofür man sich schämen müsste. Doch daran denken die Leute nicht, wenn sie Kik hören. Sie denken an Billigware, an T-Shirts für 1,99 Euro oder, schlimmer noch, an eingestürzte Textilfabriken in Bangladesch. Deshalb auch das betretene Schweigen.

Patrick Zahn weiß das. Und er will das Bild des Unternehmens aufpolieren. So wie auch die meisten der 3360 Filialen aufpoliert wurden. Laminat statt Teppich, die Kleidung nach Farben statt nach dem Preis sortiert - und ein Logo, in dem mehr Silber steckt. 2015 hat Kik einen Umsatz 1,68 Milliarden Euro. Im vergangenen Jahr, das deutet Zahn an, war es noch besser gelaufen. Ein Drittel davon macht das Unternehmen, 1994 im westfälischen Bönen gegründet und heute in Mehrheitsbesitz von Tengelmann, inzwischen im Ausland.

"Wir wollen in jeden europäischen Kleiderschrank", sagt Zahn. Es sei auch in Ordnung, wenn dort nur die Socken von Kik liegen. Er selbst trägt auch kaum etwas anderes aus dem Sortiment. Aber seit er vor einem Jahr Vater geworden ist und weiß, wie schnell Kinder aus ihren Klamotten rauswachsen, kleide er seinen Sohn bei Kik ein. Smartshopper nennt Zahn diese Kunden: Leute wie er, denen es zumindest bei den Socken nicht wichtig ist, dass ein Markenname draufsteht. Es kommen nicht mehr nur Leute zu Kik, die jeden Euro umdrehen müssen, betont er. Auch weil die Kik-Märkte nun nicht mehr ganz so billig wirken. Das ist der eine Teil der Imagepolitur, die Zahn nun weiter betreiben muss.

1500 neue Filialen sollen in den nächsten fünf Jahren eröffnet werden

Der andere Teil liegt derzeit vor dem Landgericht Dortmund: Ein Arbeiter sowie drei Angehörige von Arbeitern, die beim Brand einer Textilfabrik in Pakistan im September 2012 ums Leben kamen, haben Kik auf Schmerzensgeld von jeweils 30 000 Euro verklagt. Weil Kik zum Zeitpunkt der Katastrophe, bei der insgesamt mehr als 200 Menschen starben, der wichtigste Abnehmer war, machen sie auch das deutsche Unternehmen verantwortlich. Noch ist nicht entschieden, ob die Klage zugelassen wird. Zahn betont, dass Kik sich seiner Verantwortung stelle und bereits Hilfe geleistet habe. In Zukunft wolle der Händler genau wissen, wofür Hilfsgelder verwendet werden. Auch die Dienstleister, die Sicherheitsstandards in Fabriken kontrollieren, wolle Kik stärker in die Verantwortung nehmen. All dies solle Korruption vorbeugen.

Zahn hat einst bei Aldi angefangen und bei dem Lebensmitteldiscounter auch den Schritt nach Portugal begleitet, ehe er zum Konkurrenten Plus (heute Netto) wechselte und von dort vor acht Jahren zu Kik ging, dort ebenfalls lange fürs Ausland zuständig. Er würde gerne weitere Ländern erobern: In den nächsten fünf Jahren will Kik 1500 neue Filialen eröffnen. Russland scheide dabei wegen der unsicheren Lage zwar aus, aber Frankreich oder Italien traut er sich zu. Zahn zweifelt nicht daran, dass die Menschen dort, von den Deutschen für ihre Eleganz bewundert, bei Kik einkaufen würden. Schließlich konnte bei den Franzosen, die auch als Feinschmecker gelten, auch Lidl punkten. Sein Traum wäre der Schritt auf einen neuen Kontinent. Aber auch in Deutschland gibt es noch einige weiße Flecken: In München beispielsweise würde Zahn gern mehr Läden eröffnen. Dass dies bislang nur ein Wunsch ist, liege vor allem an den hohen Mieten, die Händler dort zahlen müssen. Nicht wenige Händler gehen auch deshalb ins Internet.

Bestellungen im Netz kosten extra, deshalb geht weniger Ware zurück

Eine trügerische Rechnung, meint Zahn. "Viele unterschätzen die Kosten für eine gute Präsentation im Onlineshop und eine gute Logistikkette. Das kann man durchaus mit den Kosten einer Filiale gleichsetzen." Kiks Onlineshop, vor drei Jahren eröffnet, soll bereits in diesem Jahr schwarze Zahlen schreiben. Sie rechnen bei dem Textildiscounter mit sehr spitzem Stift: Anders als viele Konkurrenten, die in denselben Fabriken fertigen lassen und die Waren nach Europa einfliegen, setzen sie bei Kik auf monatelange Schiffstransporte. Waren, die sich nicht verkaufen, werden so lange im Preis gesenkt, bis der Kunde zugreift. "Teilweise runter auf zehn Cent", sagt Zahn. Das ist immer noch billiger, als sie wieder abzutransportieren. Deshalb nimmt Kik als einer der wenigen Onlinehändler auch eine Versandgebühr von 5,60 Euro. Da bestellt der Kunde die Jeans dann eher nicht noch zum Anprobieren in einer zweiten Größe. Im nächsten Jahr, sagt Zahn, können Kunden online bestellte Sachen, die zurückgehen sollen, in einer der Filialen umtauschen. Natürlich hoffen sie, dass der Kunde, der dann im Laden ist, auch noch etwas anderes kauft. Und vor allem hofft Zahn darauf, dass sich im Netz auch all jene zu Kik trauen, die niemals zugeben würden, dort einzukaufen. Diejenigen, die ihm so oft mit einem betreten Schweigen begegnen.

© SZ vom 25.02.2016
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