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Silicon Future:Schlau, aber nicht schlau genug

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An dieser Stelle schreiben jeden Dienstag Marc Beise, Helmut Martin-Jung, Jürgen Schmieder und Kathrin Werner im Wechsel. Illustration: Bernd Schifferdecker

Wird künstliche Intelligenz die Evolution der Computertechnik wirklich drastisch beschleunigen? Dazu müsste sie erst einmal besser darin werden, wirklich kreativ zu denken.

Von Helmut Martin-Jung

Ein Fingernagel, wie viel Fläche ist das? Ein Quadratzentimeter, eineinhalb vielleicht? Egal, auf den Millimeter kommt es hier nicht an. Man stelle sich nun vor, dass auf einer Fläche etwa dieser Größe Milliarden kleiner Pünktchen Platz finden und dass die auch noch mit Leiterbahnen verbunden sind. Deren Länge sich zu Kilometern addiert. Nun hat man eine erste Vorstellung davon, in welch superwinzigen Dimensionen das stattfindet, was die meisten von uns einfach als gegeben hinnehmen: Computerchips.

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Ein solcher Chip wie in dem Laptop, auf dem diese Kolumne entsteht, ist aber nicht bloß ein Haufen von Pünktchen, also Transistoren. Er besteht aus mehreren in sich komplizierten Einheiten, die man so oder auch ganz anders auf das Trägermaterial Silizium aufbringen kann. Schon die Planung, was wohin kommt, dauert mehrere Wochen. Gefragt beim sogenannten Floorplanning sind deshalb Chipentwickler mit langjähriger Erfahrung und kreativem Geist.

Die könnten nun aber zumindest Hilfe bekommen. Wissenschaftler von Google haben eine künstliche Intelligenz (KI) trainiert, um das Problem anzugehen. Sie kann es ihren Angaben zufolge nun mindestens ebenso gut, oft aber auch besser als Menschen, die verschiedenen Elemente anzuordnen und untereinander möglichst platz- und energiesparend zu verbinden.

Zehntausend Chip-Designs

Das Anlernen war einigermaßen mühsam, schließlich bekam die KI etwa zehntausend Chip-Designs vorgelegt, ein jedes davon musste zuvor mit einer Bewertung versehen werden. Aufgabe der KI war es dann, Designs mit möglichst guten Bewertungen zu entwerfen. Dass eine KI hier gut abschneidet, verwundert nicht allzu sehr, schließlich gibt es nahezu unzählige Möglichkeiten, wie die Leiterbahnen verlaufen können - um nur ein Beispiel zu nennen.

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Wer jemals mit Futuristen wie Ray Kurzweil und anderen zu tun hatte, bei dem mag es da nun klingeln: Ist das nicht genau die Entwicklung, die Leute wie Kurzweil immer vorhergesagt haben: Dass Maschinen irgendwann anfangen werden, immer bessere Maschinen zu bauen? Klingt plausibel, denn wenn die Chips schneller, besser und energiesparender werden, wird auch die KI davon profitieren. Und die kann wieder noch bessere Chips ...

Weil Maschinen das in einem anderen Tempo erledigen als wir menschlichen Lahmärsche, gerät die Evolution der Technik (die ohnehin schon viel schneller abläuft als die natürliche) in eine Art Turbo-Modus. Ach, was heißt hier Turbo, wir reden von exponentiellem Wachstum, und die Annahme wäre, dass nun der Punkt erreicht ist, an dem die Kurve steil und immer steiler zu steigen beginnt. Unter anderem das Irrsinns-Experiment des Boris Johnson wird dafür vermutlich ein anschauliches Beispiel liefern, wenn die Corona-Infektionszahlen in Großbritannien in die Höhe schnellen.

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Physikalische Grenzen

Es gibt aber auch einiges, das dagegen spricht, dass Chips sich ständig ungebremst weiterentwickeln. Bisherige Designs werden auf Basis bewährter Modelle Stück für Stück verbessert. Wenn eine KI das verinnerlicht, könnten wirklich kreative Ansätze womöglich blockiert werden. Zudem wird auch die KI mit den physikalischen Grenzen zu tun haben, mit denen die Technologie heute schon kämpft. Irgendwann geht es eben nicht mehr kleiner, wenn die Grenzen zwischen Transistoren kaum mehr größer sind als ein einzelnes Atom. Oder entwickelt eine KI wirklich eine ganz neue, kreative Idee? Eher unwahrscheinlich.

Denn genau das ist es ja, was der KI fehlt: Kreatives Out-of-the-box-Denken ist nicht ihre Stärke. Ungeheure Datenberge in kürzester Zeit durchflöhen, ja. Zusammenhänge erkennen, die ein Mensch nicht gesehen hätte, ja. Eine Symphonie vollenden, wenn man ihr nur vorher genügend Beispiele für die Komponierweise eines Musikers vorgelegt hat, auch das. Aber wirklich Neues zu erfinden, wie es das Wesen der Kunst, des Menschen überhaupt, ist, kann sie nicht. Was mit einiger Wahrscheinlichkeit daran liegt, dass KI mit ganz anderen Methoden zu ihren Ergebnissen kommt als Menschen mit ihrem 20-Watt-Biorechner.

Ignorieren aber kann man sie nicht. Grundsätzliche Ablehnung ist dabei genauso schädlich wie technokratischer Hurra-Patriotismus. Auch die KI ist schließlich nur Technik, ist nur ein Werkzeug, das man für gute wie für böse Zwecke einsetzen kann.

© SZ