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KI für VW:Die Schlaumacher

Der Österreicher Erich Payer (li.) war in den vergangenen Monaten zu Gast im VW-Lab, betreut unter anderem vom IT-Forscher Zach Izham.

(Foto: Kai-Uwe Knoth)

Agenten, die selbsttätig Preise aushandeln, Roboter, die mit Menschen arbeiten: Wie ein kleines Labor dem großen VW-Konzern künstliche Intelligenz beibringen will.

Die Antwort ist ernüchternd, wieder einmal, wenn es um künstliche Intelligenz geht. "Es ist gar nicht so unwahrscheinlich, dass irgendwann ein Terminator kommt, der intelligenter ist als der Mensch", sagt Patrick van der Smagt, der nicht nur Professor für derlei Fragen ist, sondern mit seinem Vollbart und dem Pulli auch so aussieht. Denn schon jetzt könnten Maschinen ja schneller laufen als Menschen, besser Go spielen und besser Golf spielen. Wo die Grenzen sind? Da sehe er technisch eher wenige. Aber immerhin, das Negative sei ja nur eine Facette, sagt der Forscher, man könne das Leben ja auch so viel einfacher machen mit ausgefeilten Algorithmen.

Die sechs "Labs" von VW arbeiten abseits der Konzern-Bürokratie

Insofern ist van der Smagt in diesem Labor in München-Schwabing richtig aufgehoben. Er ist der Leiter der hier angesiedelten Künstlichen-Intelligenz-Forschung von Europas größtem Industriekonzern, Volkswagen. Spät hat VW erkannt, dass Software in einigen Jahren über den Erfolg mitentscheidet, dass im Silicon Valley und in China, bei Apple und Baidu, mächtige Konkurrenten von morgen sitzen. Seit wenigen Jahren versucht Volkswagen nun aufzuholen, mit Vehemenz und dem, was man Start-up-Kultur nennt. Sechs recht eigenständige "Labs" haben sie rund um die Welt eingerichtet, die abseits der VW-Bürokratie arbeiten dürfen.

In Berlin etwa sitzen Leute, die sich um Mobilitätsdienste kümmern, in Barcelona dreht sich alles um die Fortbewegung in der Stadt der Zukunft, in München sind KI-Denker versammelt. Früher wurde hier im Haus der Lastwagenbauer MAN verwaltet; ein paar Kugellager haben sie noch hier liegen, als Reminiszenz. Doch sonst ist hier mittlerweile alles anders: Die gut 50 Leute versuchen, dem gesamten VW-Konzern mit all seinen Marken künstliche Intelligenz beizubringen, und zwar nicht nur im Sinne der in zwei oder drei Jahren auf den Straßen fahrenden Roboterautos. An denen forschen - auch im selben Gebäude - federführend Leute der Konzerntochter Audi. Und sie haben es gut gemacht, der Audi A8 hat gerade den weltweit höchsten Maßstab gesetzt in dieser Disziplin.

Das von van der Smagt und seiner Kollegin Barbara Sichler geleitete Labor tauscht sich aus mit den Audi-Leuten, doch baut es vor allem an Programmen, die in der Fabrik und in den Büros Geld sparen sollen: Chatcomputer, die kleine Bestellungen im Konzerneinkauf selbständig abwickeln und auch die Preisverhandlung übernehmen sollen. Programme, die die Preise für Ersatzteile weltweit automatisch und live anpassen, sodass man gegenüber anderen Ersatzteillieferanten stets wettbewerbsfähig ist. An Robotergreifarmen wird erprobt, wie solche Geräte menschenfreundlicher werden, etwa zurückweichen, wenn ein Arbeiter kommt.

Aber kann man mit so einer doch überschaubaren Zahl von Leuten wirklich etwas bewegen? Andere Forschungszentren sind größer, in Europa ist der Großraum London wohl führend; im dort angesiedelten Google-Labor forschen 1000 Menschen an KI. Größe ist nicht immer von Vorteil, sagen sie bei VW, und da müssen sie es wissen angesichts von 627 000 Beschäftigten: 100, 120 Leute seien eine kritische Größe für solche Projekte; da kennen sich die Menschen noch untereinander, da fließen noch Informationen zu allen. Mehr, das wird unbeweglich, die Verwaltung und die Protokolle gewinnen die Überhand.

Den Standort München haben sie gewählt, weil hier schon auch ein Knotenpunkt für KI-Menschen ist. Microsoft und IBM sitzen hier und viele andere Autobauer und Zulieferer, wenn man den Großraum bis nach Schwaben und Österreich denkt. Von dort kommt etwa Erich Payer, der auch aussieht wie ein Forscher mit seinen zauseligen weißen langen Haaren. Seit einigen Jahren baut er in einer kleinen Firma an einer intelligenten Simulationssoftware für den Maschinenbau.

In den vergangenen Monaten saß er mit van der Smagt und anderen auf dem Stockwerk, diskutierte, programmierte: Auch das gehört dazu im VW-Lab: Leute einladen, die etwas im gleichen Bereich machen und die sich gegenseitig inspirieren könnten. 5000 Euro pro Monat, einen Arbeitsplatz und beste Kontakte und vielleicht auch Aufträge bietet der Konzern. Und es scheint zu fruchten. Payer ist jedenfalls begeistert, sein Programm rechnet dank des klugen Inputs der Lab-Kollegen nun komplexe Materialfestigkeiten in 13 Minuten aus anstatt in vier Tagen.

Und dann hat die Stadt zwei recht gute Universitäten. Von einer haben sie Patrick van der Smagt rekrutiert; vor eineinhalb Jahren wechselte der TU-Professor zu VW, weil er nicht nur in der Theorie arbeiten wollte. Die Freiheit der Forschung hat er sich dabei nicht nehmen lassen: Die allermeisten VW-Algorithmen werden weltweit offengelegt, auf Konferenzen diskutiert, auch mit Wettbewerbern. Eine Offenheit, die noch selten ist in der Industrie, die aber nötig ist bei diesem Thema, sagt van der Smagt: Vertrauen könne man bei der KI nur durch Transparenz gewinnen. Und zugleich müssten die Forscher, auch er, ein Regelwerk erstellen: Was sollen Automaten einmal tun und entscheiden und was nicht? Die derzeitige Haltung bei VW: Der Mensch ist immer die letzte Instanz, soll stets einen Ausschaltknopf haben. Auch darüber reden sie im Lab.