Autofahrer werden auch im kommenden Jahr mehr für ihre Kfz-Versicherungen zahlen müssen. Der Rückversicherer Hannover Rück rechnet mit ähnlichen Preissteigerungen wie in diesem Jahr, als die Preise im Schnitt um 6,5 Prozent zugelegt haben. Der Konzern sichert zahlreiche deutsche Kfz-Versicherer gegen Großschäden ab und hat den Markt genau im Blick. „Wir erwarten, dass unsere Kunden die Preise 2027 entsprechend der Schadeninflation anheben werden“, sagt Hannover-Rück-Vorstand Thorsten Steinmann. Gemeint ist damit, dass Ersatzteile, Werkstattlöhne und Mietwagen immer teurer werden. Derzeit liegt diese Verteuerung über der normalen Inflationsrate.
Vor allem die Ersatzteilkosten sind stark gestiegen, unter anderem auch wegen der Lieferprobleme durch die Sperrung der Straße von Hormus. Dadurch verteuern sich die Schäden für die Kfz-Versicherer. War früher vor allem die Kasko-Sparte betroffen, sieht Steinmann inzwischen auch Probleme in der Kfz-Haftpflichtversicherung. Grund sind die steigenden medizinischen Behandlungskosten nach schweren Autounfällen.
Nach Jahren mit heftigen Verlusten hatten die Kfz-Versicherer die Preise kräftig angehoben. Inzwischen machen sie wieder Gewinn. Steinmann rechnet damit, dass sie in diesem Jahr eine Schaden- und Kostenquote von knapp unter 100 Prozent aufweisen werden. Das heißt, sie geben in etwa genauso viel für Schäden sowie für Verwaltungs- und Vertriebskosten aus, wie sie an Beiträgen von den Kunden einnehmen. „Die Preiserhöhungen haben 2026 ausgereicht, um die Schäden zu decken“, sagt Steinmann. 2025 standen die Kfz-Versicherer mit 97 Prozent noch besser da. Allerdings mussten sie in der Zwischenzeit einige zusätzliche Schäden durch Naturkatastrophen wie Hagel verbuchen.
Bis Ende November können die meisten Autofahrer ihre Kfz-Versicherung kündigen, um für das kommende Jahr zu einem anderen Anbieter zu wechseln. In der Zeit davor werben die Kfz-Versicherer besonders intensiv um Neukunden. Steinmann sieht bisher aber noch keine Anzeichen für einen Preiskampf, den es früher regelmäßig gab.
Die Rückversicherer erzielen gerade große Gewinne
Anders sieht die Situation bei den Rückversicherern aus. Sie übernehmen einen Teil der Schäden von Versicherungsgesellschaften wie Allianz, Axa, Provinzial und Zurich. Zu welchen Preisen und Konditionen, darüber verhandeln die Unternehmen derzeit, wie jedes Jahr Anfang September, in Monte-Carlo. Die Rückversicherer haben in den vergangenen Jahren gut verdient, das heizt den Wettbewerb an und lässt die Preise sinken. In den vergangenen anderthalb Jahren haben sie laut der Ratingagentur Moody’s um etwa 23 Prozent nachgegeben.
Bei den anstehenden Vertragsverlängerungen ist nicht die Frage, ob der Preisverfall weitergeht, sondern wie stark er ausfällt. Ob diese Preissenkungen bei den Endkunden ankommen, ist allerdings offen. Zwar haben die Versicherer höhere Kosten in der Vergangenheit weitergegeben. Ob sie Entlastungen ebenso weiterreichen, ist ungewiss.
Auch die Vertragsbedingungen stehen zur Diskussion. Die Rückversicherer hatten sich vor drei Jahren aus der Deckung häufiger auftretender Schäden etwa durch Stürme oder Waldbrände weitgehend zurückgezogen und sich stattdessen auf die Absicherung von Großschäden wie Hurrikans und Erdbeben konzentriert. Dieser Schritt war ein wichtiger Grund für die sprudelnden Gewinne der Rückversicherer. Deshalb waren sie zuletzt zwar für gewisse Preissenkungen offen, an den Bedingungen wollten sie aber nicht rütteln.
Das könnte sich jetzt ändern. Die Ratingagentur S&P glaubt, dass sie ihren Standpunkt nicht mehr vollumfänglich verteidigen können und die Kunden etwa geringere Selbstbehalte aushandeln werden. Die Rückversicherer müssten also künftig womöglich einen höheren Betrag übernehmen. Konkurrent Fitch sieht das ähnlich. „Die Rückversicherer werden versuchen, zu widerstehen“, sagt Analyst Manuel Arrivé. Aber angesichts ihrer starken Ergebnisse werde das keine einfache Diskussion.
Wegen des schwierigen Marktumfelds halten sich viele Rückversicherer beim Neugeschäft zurück, viele haben im ersten Halbjahr 2026 daher weniger Umsatz gemacht. Aber einige von ihnen haben schon neue lohnenswerte Wachstumsfelder ausgemacht: Die Swiss Re sieht große Chancen in der Absicherung von Rechenzentren für künstliche Intelligenz (KI), die derzeit vor allem in den USA entstehen. Ausgerechnet der Boom der digitalen Technologie KI führe zu einer Renaissance der „physical economy“, also einer physisch existenten Realwirtschaft, betonte Jérôme Haegeli, Chefvolkswirt der Swiss Re.
Doch die Risiken sind hoch. Da viele der Zentren in den USA in den Bundesstaaten Texas und Virginia konzentriert sind, kann zum Beispiel ein Tornado hohe Werte auf einen Schlag ausradieren. Zudem können gemeinsam genutzte Strom- und Digitalnetze Störungen auf Firmen übertragen, die normalerweise nicht miteinander verbunden sind. Im schlimmsten Fall verkalkulieren sich Rückversicherer und müssen hohe Schäden tragen. Ob das auch beim Endverbraucher ankommt, ist eine andere Frage.

