Corona-Gewinner: Den Autoversicherern geht es so gut wie lange nicht

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Corona-Gewinner: März 2020: Die Pandemie hat den Verkehr lahmgelegt. Wo nicht gefahren wird, entstehen auch keine Versicherungsschäden.

März 2020: Die Pandemie hat den Verkehr lahmgelegt. Wo nicht gefahren wird, entstehen auch keine Versicherungsschäden.

(Foto: CLAUS SCHUNK)

Die niedrigen Schäden haben den Versicherungen Sondergewinne beschert. Aber was haben die Kunden davon?

Von Christian Bellmann und Friederike Krieger, Köln

Noch wenige Wochen, dann beginnt die heiße Phase der Wechselsaison in der Kfz-Versicherung. Die Autobesitzer erhalten die Beitragsrechnungen und erfahren, ob sie im kommenden Jahr mehr oder weniger für ihre Kfz-Police zahlen müssen. In diesem Jahr könnte der Herbst besonders spannend werden. Die entscheidende Frage: Liefern sich die Autoversicherer in diesem Jahr die lang erwartete Preisschlacht?

Alljährlich begeben sich Millionen Autobesitzer auf die Suche nach einem billigeren Tarif, viele wechseln ihren Anbieter. Oft geht es um ein paar Euro, manchmal lassen sich aber auch dreistellige Beträge im Jahr sparen. Die Unterschiede zwischen den Tarifen sind enorm - vergleichen lohnt sich fast immer. Nirgendwo ist der Wettbewerb unter den Versicherern so scharf.

Die Voraussetzungen für einen Preiskampf - und damit sinkende Beiträge - sind jedenfalls gegeben: Die Autoversicherer profitieren stark davon, dass die Fahrleistung auf deutschen Straßen wegen Corona deutlich zurückgegangen ist und sie viel weniger für Schäden zahlen müssen als in den Jahren vor der Pandemie. "Corona ist für die Kfz-Versicherung im Gegensatz zu vielen anderen Branchen ein außergewöhnlicher Ertragsbringer", sagte Marco Morawetz, Kfz-Versicherungsexperte beim Rückversicherer Gen Re, auf einer Fachveranstaltung in Köln.

Der Corona-Sondergewinn belief sich 2020 auf mehrere Milliarden Euro. Nur wenige Versicherer wie HUK-Coburg und DEVK haben ihre Kunden in größerem Umfang daran teilhaben lassen. Die Gen Re hat ausgerechnet, dass die Gesellschaften 2020 auf eine Schaden- und Kostenquote von rund 87 Prozent kamen. Das bedeutet, dass sie für jeden Euro Beitrag nur 87 Cent für Schäden sowie Verwaltung und Vertrieb ausgeben mussten. So profitabel waren sie lange nicht mehr.

Auch dieses Jahr könnte für die Unternehmen noch gut ausfallen

2021 könnte für die Autoversicherer unter dem Strich ebenfalls einen positiven Corona-Effekt bringen, erwartet Morawetz. Der Verkehr nimmt zwar wieder zu, die Schäden sind aber immer noch unterdurchschnittlich. Die Anbieter dürften das laufende Jahr daher mit einer Schaden- und Kostenquote von ungefähr 95 Prozent abschließen, also immer noch mit ordentlichem Gewinn.

Bemerkenswert ist das auch deshalb, weil die Kfz-Versicherer in diesem Jahr viel mehr für Elementarschäden ausgeben müssen als 2020 - vor allem für die Autos, die bei den schweren Juli-Überschwemmungen zerstört oder stark beschädigt wurden. Nach Angaben des Versichererverbands GDV kostet sie allein Sturmtief "Bernd" fast eine halbe Milliarde Euro.

Schon im vergangenen Jahr war der Preiskampf trotz der hohen Gewinne ausgeblieben, die Beiträge sind allenfalls leicht gesunken, berichtete Experte Morawetz. In diesem Jahr sieht es bisher nicht viel anders aus. Ein Grund: Die meisten Kfz-Versicherer wissen genau, dass ihre Lage ohne den Corona-Effekt alles andere als rosig wäre.

Die Unterschiede im Markt sind groß: Einige Anbieter wie der Marktführer HUK-Coburg mit seinem Online-Versicherer HUK24 arbeiten vergleichsweise kostengünstig und versuchen mit möglichst günstigen Beiträgen, ihren Vorsprung auszubauen. Viele Wettbewerber hinken hinterher und sind stark abhängig von Suchmaschinen wie Google oder Vergleichsplattformen wie Check24. Diese Vertriebswege gehen aber ins Geld. An Selbstbewusstsein mangelt es Uwe Stuhldreier, Vertriebsvorstand der HUK24, deshalb nicht. Den Begriff Preiskampf gebe es nur im Wortschatz der Anbieter, die sich die niedrigen Beiträge seines Unternehmens nicht erlauben könnten. "Die HUK24 kann sich ihre Preise leisten."

Telematik-Tarife und autonomes Fahren könnten die Prämien senken

Immer mehr Versicherer haben Telematik-Tarife im Angebot, bei denen Kunden für umsichtiges Fahren durch Beitragsrabatte belohnt werden. Die Versicherer versprechen sich davon weniger Unfälle und damit weniger Schäden. Doch hierzulande ist das bislang eine Nische. "Man kann nicht sagen, dass wir in Deutschland schon eine sehr hohe Wachstumsphase haben", sagt Ute Apel, Kfz-Expertin beim Versicherer Ergo. Der Anteil der Telematik-Tarife am gesamten Kfz-Versicherungsvolumen liege noch bei unter fünf Prozent.

Andere Länder wie Großbritannien, Italien und die USA sind weiter. Weil hier die Kfz-Prämien höher sind, können Kunden mit einem Telematik-Tarif viel mehr Geld sparen als in Deutschland. Das hat den Policen zum Siegeszug verholfen.

Experten prognostizieren einen dramatischen Rückgang der Schäden und auch der Prämien in der Kfz-Versicherung durch die zunehmende Verbreitung autonom fahrender Fahrzeuge. Die sind bisher aber eher Zukunftsmusik. Assistenzsysteme, vor allem Park- und Rangierhilfen oder Spurhaltesysteme, sind dagegen schon Realität. Auf viele Schäden wie Autodiebstähle, Steinschlag, Hagel und Marderbisse haben sie aber gar keinen Einfluss, hat eine Studie des Versichererverbands GDV ergeben. Zudem setzen sich die Systeme laut Apel langsamer durch als anfangs gedacht. "Darüber hinaus macht die Technik die Reparaturen sehr viel teurer."

Dennoch: Telematik, Assistenzsysteme und niedrigere Fahrleistung, das alles sind Voraussetzungen dafür, dass die Versicherer jedenfalls kurzfristig mit der Kfz-Versicherung richtig Geld verdienen. Umso größer wird die Verlockung, den Marktanteil über niedrigere Preise auszubauen oder zumindest gegen Angriffe von Wettbewerbern zu schützen.

Der Preiskampf ist also nur aufgeschoben. Die Preise werden spätestens dann in Bewegung kommen, wenn die Allianz mit noch mehr Werbeaufwand und günstigen Preisen den Abstand zum davoneilenden Wettbewerber HUK-Coburg verkleinern will. Für Verbraucher heißt das: Vergleichen ist das A und O.

Das kann sich dann tatsächlich lohnen und mehr als zehn oder 20 Euro bringen. Ein Grund: Weil sie im Kampf um Neukunden hohe Kosten haben und günstig anbieten müssen, erhöhen die Gesellschaften für Bestandskunden gerne regelmäßig die Preise. Von sich aus teilen die Versicherer Autofahrern nicht mit, dass sie für die neuen Kunden sehr viel billiger sind.

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