Kernkraft Oh, sorry, da war noch was

Vielleicht will sich die neue britische Regierung doch kein Atomkraftwerk von den Franzosen bauen lassen. Die hatten sich eben erst dazu durchgerungen.

Von C. Zaschke und M. Kläsgen

Das Festzelt war bereits aufgebaut, die Delegation aus China soeben eingetroffen, als die britische Regierung vollkommen überraschend erklärte, doch noch einmal über den geplanten Bau eines Atomkraftwerks in Somerset nachdenken zu wollen. An diesem Freitag sollten die Verträge unterschrieben werden. 18 Milliarden Pfund sind für das Werk Hinkley Point C an der Westküste veranschlagt, fast 22 Milliarden Euro. Zwei Drittel sollte der französische Energiekonzern EdF schultern, den Rest die China General Nuclear Power Corporation (CGN). Doch nun liegt das Projekt vorerst auf Eis.

Erst am Donnerstag hatte der Verwaltungsrat von EdF den Bau mit knapper Mehrheit genehmigt. Doch kurz darauf traten die Briten auf die Bremse, und nach allem, was zu hören ist, kam diese Entscheidung von ganz oben, aus 10 Downing Street, dem Amtssitz der neuen Premierministerin Theresa May. Verkündet hat sie Wirtschaftsminister Greg Clark, und was die Beobachter in London besonders faszinierte, war die Begründung: Es gab keine. Clark sagte lediglich, dass die Regierung den Deal sorgfältig prüfen und im Herbst eine Entscheidung verkünden werde.

Das war insofern erstaunlich, als der Deal seit Jahren geprüft wird. Bereits 2006 hatte die damalige Labour-Regierung beschlossen, dass neue Atomkraftwerke in Großbritannien gebaut werden sollten. Die konservative Regierung von Mays Vorgänger David Cameron hatte das Projekt in Somerset ausdrücklich gewollt. Besonders begrüßten Cameron und sein Finanzminister George Osborne die Investition aus China. Osborne stellte in Aussicht, dass CGN sich an weiteren Atomkraftwerken beteiligen und in Essex gar eines in Eigenregie bauen könnte. Mehrmals sprach er vom Anbruch einer "goldenen Dekade" der Handelsbeziehungen. Man wolle Chinas "bester Partner im Westen" werden.

In Frankreich dauern die Arbeiten länger als geplant: Ein Kran hebt die Kuppel auf den Reaktor.

(Foto: Charly Triballeau/AFP)

Die Chinesen könnten die Software manipulieren, fürchtet ein Regierungsmitglied

May teilte die China-Euphorie ihrer Kollegen nie. Bevor sie Cameron vor gut zwei Wochen in der Downing Street ablöste, war sie sechs Jahre lang Innenministerin und als solche bestens damit vertraut, wie skeptisch der Inlandsgeheimdienstes MI5 der Idee gegenübersteht, China Zugang zu einem derart wichtigen Teil der nationalen Infrastruktur zu gewähren. Die neue Premierministerin gilt zudem als Mikromanagerin, die sich auch in kleinste Details einarbeitet. Offenbar hat sie nun beschlossen, sich das Großprojekt von Somerset einmal ganz genau anzusehen.

Als einer der einflussreichsten Berater von May gilt ihr Stabschef Nick Timothy. Dieser hat sich im vergangenen Oktober anlässlich des Staatsbesuchs des chinesischen Präsidenten Xi Jinping zu dem Projekt geäußert. Auf der Webseite Conservative Home schrieb er: "Sicherheitsexperten befürchten, dass die Chinesen die Computer-Systeme so manipulieren könnten, dass sie Großbritanniens Energieproduktion herunterfahren könnten." Wer das für unrealistisch halte, solle bedenken, dass die chinesischen Atomkonzerne auch für die nationale Verteidigung zuständig seien. Damals war Timothy nur ein Mitarbeiter im Innenministerium. Nun ist er der Mann, dem die Regierungsspitze zuhört.

Neben dem chinesischen Engagement bemängeln Kritiker vor allem, dass die Regierung von David Cameron einen besonders schlechten Handel vorbereitet habe, da sie EdF 35 Jahre lang einen Preis von 92,50 Pfund pro Megawattstunde garantiere, mehr als das Doppelte des aktuellen Preises. Der Nationale Rechnungshof warnte, dass britische Steuerzahler das Projekt mit bis zu 30 Milliarden Pfund subventionieren würden. Cameron und Osborne verwiesen hingegen darauf, dass 25 000 neue Arbeitsplätze entstünden und das Werk, wenn es wie geplant 2025 ans Netz gehe, bis zu sieben Prozent des britischen Energiebedarfs decken könne.

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Soweit die Pläne. Das Problem ist, dass EdF es bisher bei keinem der ohnehin nur zwei Druckwasserreaktoren des Typs EPR gelungen ist, den Zeitplan einzuhalten. Sowohl in Finnland als auch in der Normandie, in Flamanville, sprengt der Bau der Kraftwerke jeden finanziellen und zeitlichen Rahmen. Der Schaden ist so groß, dass auch viele im Konzern das Projekt in Hinkley Point ablehnen.

Im März trat Finanzvorstand Thomas Piquemal zurück, weil er das Vorhaben für selbstmörderisch hielt. Auch die Gewerkschaften stellen sich gegen den Bau. Das finanzielle Risiko für das Unternehmen sei "in der gesamten Geschichte von EdF nie größer gewesen als jetzt", warnen alle drei in dem Staatskonzern vertretenen Gewerkschaften in Eintracht. Das Vorhaben, das Kraftwerk 2025 in Betrieb zu nehmen, kritisierten sie am Freitag als "unrealistisch". Und sie schickten ein hartes Urteil hinterher: "Die Entscheidung des Verwaltungsrats drückt den politischen Willen der Regierung aus. Es geht hier nicht darum, die Interessen von EdF zu verteidigen."

Selbst die französische Regierung ist sich uneins. Staatspräsident François Hollande und Wirtschaftsminister Emmanuel Macron sehen in dem Projekt ein Aushängeschild für das Exportgeschäft. Umweltministerin Ségolène Royal und Finanzminister Michel Sapin fürchten hingegen die finanziellen Risiken, auch für den französischen Steuerzahler. Der Riss geht also quer durch alle Reihen.

Jetzt hängt alles an der britischen Regierung. Nur einer übt sich unverdrossen in Optimismus. EdF-Konzernchef Jean-Bernard Lévy sagt: "Ich zweifele nicht an der Unterstützung der britischen Regierung." Nur: Fürs Erste ist das Festzelt abgebaut.