bedeckt München 29°

Forum:Japans nuklearer weißer Elefant

An anti-nuclear protester raises a placard during a rally in front of the parliament building in Tokyo

Anti-Atomkraft-Proteste in Tokio, zehn Jahre nach der Katastrophe von Fukushima.

(Foto: Issei Kato/Reuters)

Auch zehn Jahre nach dem Reaktorunglück von Fukushima will die Regierung in Tokio nicht begreifen, dass damals auch die Atom-Strategie des Landes zerborsten ist. Dabei schafft die Realität längst neue Fakten.

Von Florentine Koppenborg

Am 12. März 2011 konnte die Weltgemeinschaft live am Bildschirm verfolgen, wie Druckwellen über dem Kernkraftwerk Fukushima Daiichi erahnen ließen, wie im Innern die Reaktorblöcke explodierten. Doch auch zehn Jahre danach will die japanische Regierung noch immer nicht wahrhaben, dass damals auch die nukleare Energiestrategie des Landes zerborsten ist. Bis heute hält sie offiziell an der Kernkraftnutzung fest, doch die Realität im Stromsektor ist eine andere: In Japan ist der Ausstieg aus der Kernenergie längst im Gange.

Forum 9.3.2021 / Dr. Florentine Koppenborg; wissenschaftiche Mitarbeiterin am Lehrstuhl fuer Umwelt- und Klimapolitik (Prof. Miranda Schreurs);

Florentine Koppenborg ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Umwelt- und Klimapolitik an der Technischen Universität München. Ihre Forschung und Publikationen konzentrieren sich auf die japanische Energie- und Klimapolitik.

(Foto: oh)

Der Atomunfall im März 2011 löste in Japan eine Debatte um die Kernkraftnutzung aus, und es gingen, ähnlich wie in Deutschland, bis zu 200 000 Menschen auf die Straße um einen Ausstieg zu fordern. Die Regierung unter dem als Kernkraftbefürworter bekannten Premierminister Shinzo Abe lehnte einen Ausstieg jedoch mit der Begründung ab, dass die Technologie für Japans Energiesicherheit sowie eine günstige und klimafreundliche Stromversorgung unerlässlich sei. Nach jahrelangem Ringen wurden die Zielvorgaben für den Anteil der Kernkraft an der Stromerzeugung im Jahr 2030 schließlich von 53 Prozent auf 20 bis 22 Prozent gesenkt. Doch selbst diese Zahl scheint illusorisch. 2019 produzierten japanische Kernkraftwerke gerade einmal sechs Prozent des Stroms des Inselstaates. Hauptgrund hier ist die schleppende Wiederinbetriebnahme der Kernkraftwerke, die nach dem Atomunfall alle für eine verschärfte Sicherheitsprüfung vom Netz genommen wurden.

Bedingung für die Wiederinbetriebnahme von Kernreaktoren ist eine erfolgreich abgeschlossene Sicherheitsprüfung durch die nach dem Atomunfall neu aufgestellte Atomaufsicht in Japan, die sogenannte Nuclear Regulation Authority. Eine solche Sicherheitsprüfung wurde von den Stromversorgern bisher für insgesamt 27 Reaktoreinheiten beantragt, also die Hälfte der 54 Einheiten, die Anfang 2011 in Betrieb waren. Für die Kraftwerksbetreiber ist die verschärfte Sicherheitsprüfung mit einem hohen finanziellen Aufwand verbunden.

Erste Kostenschätzungen für die notwendigen Baumaßnahmen beliefen sich im Jahr 2013 auf umgerechnet rund acht Milliarden, stiegen dann zwischenzeitlich auf knapp 20 Milliarden Euro und lagen im Jahr 2019 schließlich bei rund 45 Milliarden Euro - exklusive der Anlagen, die die Überprüfung noch nicht durchlaufen haben und für die zusätzliche Instandhaltungs- und Wartungskosten anfallen. Die explodierenden Kosten für die sicherheitstechnische Nachrüstung erodieren die Wirtschaftlichkeit der Kernkraft in Japan.

Seit 2011 sehen sich die Betreiber zudem mit massiven Protesten aus der Bevölkerung konfrontiert, die die Erdbebensicherheit, die Schutzmaßnahmen gegen Vulkanausbrüche sowie die vorgelegten Evakuierungspläne für den Fall eines erneuten Unfalls vor Gericht anzweifeln. An sich sind Klagen gegen Kernkraftwerke keine Neuheit in Japan, das Ausmaß dieser Klagewelle ist jedoch einzigartig. Zwischen 2011 und 2020 wurden insgesamt 30 Gerichtsverfahren eingeleitet. Das sind doppelt so viele wie in den vier Jahrzehnten vor dem Atomunfall 2011 zusammen.

Immer nur Kernenergie? Dabei könnte Japan auch anders

Neu ist auch, dass einige Gerichte den von Bürgern in Sammelklagen geforderten einstweiligen Verfügungen stattgaben, was im technologiefreundlichen Japan einen Paradigmenwechsel darstellt. Dies hat eine erneute Stilllegung bereits teuer nachgerüsteter und von der Atomaufsicht für sicher befundener Kernkraftwerke zur Folge. Selbst ein letztlich erfolgreiches Berufungsverfahren bedeutet für die Betreiber, dass wertvolle Zeit und damit Geld verloren geht.

Gegenwind kommt jedoch nicht nur von Kernkraftgegnern, sondern auch aus der Energiebranche. Bereits 2015 stellte der Verband der Stromversorgungsunternehmen klar, dass sich der Betrieb von Kernkraftwerken wirtschaftlich rentieren müsse. Neben den sechs Reaktoren im beschädigten Kernkraftwerk Fukushima Daiichi und einem von der Atomaufsicht aufgrund von Sicherheitsbedenken stillgelegten Reaktor nahmen die Betreiber daraufhin 14 weitere Anlagen vom Netz.

Um das Regierungsziel bis 2030 knapp zu erreichen, müssten die Betreiber alle verbleibenden 33 Anlagen wieder in Betrieb nehmen. Stattdessen setzen sie auf die Anlagen, deren Betrieb sich am ehesten wirtschaftlich rentiert und werden bis Ende dieses Jahrzehnts vermutlich weitere Anlagen stilllegen. Ab Mitte des nächsten Jahrzehnts erreichen dann auch einige der frisch nachgerüsteten Kernkraftwerke aufgrund ihres hohen Alters das gesetzlich festgelegte Lebenslaufzeitende.

In Japan findet also de facto ein Ausstieg aus der Kernkraft statt, an dem auch zwei im Bau befindliche Reaktoren nicht viel ändern werden. Währenddessen hält die Regierung von Premierminister Yoshihide Suga, ebenso wie viele Kernkraftbefürworter, nach außen eisern am unrealistischen Zielwert von 20 bis 22 Prozent für die Kernkraft fest - offenbar auch um das Ziel der Klimaneutralität bis 2050 nicht zu gefährden. Denn würde man die Realität des abnehmenden Anteils der Kernenergie an der Stromversorgung anerkennen, müsste man auch eingestehen, dass die fossilen Energieträger wie Kohle und Gas die resultierende Versorgungslücke auch in Zukunft schließen müssen.

Dabei könnte Japan auch anders. Das Land verfügt über ein immenses Potential an erneuerbaren Energien, insbesondere Geothermie, Offshore-Wind und Solarenergie. Es verwundert daher nicht, dass erneuerbare Energien seit Jahren hohe Zuwachsraten verzeichnen und schon 2019 mit 19 Prozent Anteil am Strommix ihren eigentlich für 2030 anvisierten Anteil von 22 Prozent schon fast erreichten. Im Dezember 2020 kündigte die Regierung zudem an, den Ausbau von Offshore-Windenergie zu forcieren und bis 2040 Windanlagen mit einer Gesamtleistung von bis zu 45 Gigawatt zu erreichen.

Exakt zehn Jahre nach der Katastrophe von Fukushima wäre ein guter Moment, die politischen Debatten über die Kernenergie endlich hinter sich zu lassen und den Blick konsequent auf den Ausbau der erneuerbaren Energien zu richten. Das Land könnte durch sie nicht nur seinem Ziel der Klimaneutralität näher kommen, sondern auch von dem weltweiten Boom durch den verstärkten Export eigener Erneuerbarer-Energien-Technologie profitieren.

© SZ
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema