Kempinski: Streit um Heiligendamm Schmutz in der Weißen Stadt

Die Hotelgruppe Kempinski zieht die Notbremse im Luxusresort Heiligendamm - und beginnt einen erbitterten Streit mit dem bisherigen Geschäftspartner.

Von R. Wiegand

Es ist einer dieser Tage, an denen sieht man das Hotel vor lauter Häusern nicht. "Entschuldigung, wo geht es hier denn zum Kempinski?", fragt der freundliche Mann mit Regenjacke, Hut und der Gattin an der Hand. Ausflügler sind sie, seltene Gäste zu dieser Jahreszeit an diesem Teil der Ostsee. Im Sommer kommen Touristen busweise nach Heiligendamm, an diesen abgelegenen und doch weltberühmten Ort. Der G8-Gipfel, die große Politik und die wütenden Demonstranten, das ist alles noch nicht so lange her und scheint doch eine Ewigkeit zurück zu liegen.

Dieses Schild muss ausgetauscht werden - die Kempinksi-Gruppe hat das Grand Hotel Heiligendamm aufgegeben.

(Foto: Foto: ddp)

An diesem kalten Februartag stehen nur eine Handvoll Autos auf dem Parkplatz, an der Bushaltestelle wartet niemand. Aber Schaulustige gibt es immer. Also, fragt der Mann, "wie kommen wir da hin?" Ganz einfach: Sie stehen schon mittendrin. Denn das Weiße, das durch die winterkahlen Bäume scheint, ist nicht der nebelverhangene Küstenhimmel. Es sind die Fassaden der Weißen Stadt am Meer, die erhabenen Mauern des Grand Hotel Heiligendamm. "Kempinski" - das war einmal.

Sarkozy & Co. - 2007 waren alle Augen auf Heiligendamm gerichtet

Diese Woche dürfte die aufregendste im Luxusresort an der Ostsee gewesen sein seit jenem Sommer 2007, als für ein paar Tage die Welt hier eingecheckt hatte. Damals schien sich die Sache zum Guten zu wenden für das Grand Hotel im ältesten Seebad Deutschlands. Nicolas Sarkozy schäkerte galant mit Angela Merkel, verfolgt von Fotografen in Heeresstärke, für die eigens eine Tribüne errichtet worden war. Sie sandten ihre Fotos in die Redaktionen von Washington, Moskau, Paris, London, München. Welch eine Werbung! Die mehr als 300 Hotelangestellten wieselten flink über das 40.000-Quadratmeter-Areal, den Politikern der Welt stets zu Diensten.

Vergangene Woche war die Belegschaft wieder eilig unterwegs, aber diesmal nur in eigener Sache - Krisensitzungen. Am Dienstag unterrichtete die Geschäftsführung die Abteilungsleiter über die neuesten Entwicklungen, am Mittwoch versammelte Geschäftsführer Martin Smura die gesamte Mannschaft im Haupthaus. Alles werde weitergehen wie bisher, sagte er, niemand müsse sich Sorgen machen: "Wir schaffen das allein." Da war seit 24 Stunden die Nachricht auf dem Markt, dass Kempinski mit sofortiger Wirkung nicht mehr für die teure Herberge verantwortlich sein will.

Der Hotelbetreiber von Weltruf hat den Managementvertrag mit der Grand Hotel Heiligendamm GmbH & Co KG aufgelöst. Ein einmaliger Vorgang in der deutschen Hotelszene. Schon Stunden später flog die Residenz aus dem Buchungssystem - einfach abgeschaltet.

Diskretion gilt als Tugend

Es ist der vorläufige Höhepunkt eines Streits zwischen ungleichen Partnern. Auf der einen Seite die Kempinski AG, Europas älteste Luxushotel-Gruppe mit aktuell 55 Häusern, die sie entweder als Pächter betreibt oder als Management-Dienstleister führt. Im Fünf-Sterne-Segment gilt Diskretion als Tugend. Demgegenüber steht das Dürener Immobilienunternehmen Fundus, geführt von Anno August Jagdfeld, 62. Der Selfmade-Man, für die Bild-Zeitung der "Mr. Big" der Abschreibungsbranche, hat nach den Vorstellungen der Kempinski-Chefs nicht die notwendige Zurückhaltung gezeigt.

Kempinski-Vorstand Markus Semer beklagt, immer wieder hätten sich die Fundus-Leute, vor allem Jagdfeld persönlich, ins Tagesgeschäft eingemischt. Schon seit Mai vergangenen Jahres verhandelten beide Seiten über eine Trennung, erfolglos. Zuletzt spitzte sich der Konflikt zu. Die Heiligendamm-Eigentümer schulden Kempinski angeblich noch 1,1 Millionen Euro aus dem Betreiber-Vertrag. Am Ende senkte der Kempinski-Aufsichtsrat den Daumen.

Mal wieder sieht es so aus, als habe Jagdfeld hoch gepokert. Der umstrittene Fundus-Boss, der mit spektakulären Immobilien-Fonds ein Imperium aufgebaut hat, dessen Fundament niemand wirklich abzuschätzen weiß, sollte ursprünglich selbst am Mittwoch nach Heiligendamm kommen. Er hat dort eine Privatwohnung direkt über dem Restaurant. Er kam aber nicht. Im Prinzip gehört das feine Haus auch nicht ihm, sondern rund 2500 Anlegern, die den geschlossenen Immobilienfonds "34" gezeichnet haben. Sie alle sind für ihre Einlage - mindestens 25.000 Euro - Teilhaber der Grand Hotel Heiligendamm GmbH & Co. KG geworden. Lauter kleine Hoteliers also.

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