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Corona:Der Kaugummi ist in der Krise

Kaugummi-Patent vor 150 Jahren

Alles nur heiße Luft? Der Kaugummi soll gesund werden.

(Foto: Rolf Vennenbernd/dpa)

Wegen der Pandemie ist der Kaugummi-Absatz eingebrochen. Die Hersteller tüfteln jetzt an neuen Rezepturen - mit Vitaminen, Probiotika und Fluorid.

Von Michael Kläsgen

Das weitgehende Verschwinden des Kaugummis aus dem Leben vieler Menschen ist noch nicht hinreichend betrauert worden. Dabei hat die Corona-Pandemie den Kaugummi mindestens so kalt erwischt wie die Gastronomie, die Airlines oder die Reiseindustrie. "Dem Kaugummi wurde zu Beginn der Krise ein Rückgang von zehn Prozent prophezeit", sagt Bastian Hörmann, leitender Produktmanager des Nahrungsmittelkonzerns Archer Daniels Midland (ADM) in Deutschland, "jetzt liegt der Rückgang bei 28 Prozent. Das zeigen zum Beispiel Zahlen von Nielsen oder dem Statistischen Bundesamt."

Der Kaugummi ist schuldlos in die Krise geraten. Ein wichtiger Grund dafür ist, dass Mensch und Kaugummi nicht mehr so leicht zueinanderfinden wie früher. Der Kaugummi liegt seit Ausbruch der Pandemie häufig nicht mehr dort, wo er früher lag, etwa an der Kasse im Supermarkt. Ergo kann der Mensch nicht mehr, wie vor Corona, spontan zugreifen. Hörmann sagt es so: "Der Impulsmarkt, die Kassenbereiche wurden im März und April zum Teil geräumt für Massenartikel wie Nudeln, und mehr um Platz zu schaffen." Die Nudel also mal wieder. Sie ist genauso ein Problem für den Kaugummi wie etwa hygienisch umgerüstete Kassen: Denn der Kaugummi lebt vom Impulsmarkt und der Kassenzone, sagt Hörmann.

Um die Bedeutung der Kassenzone in Supermärkten, Drogerien oder Tankstellen für die Hersteller von Süßwaren und speziell Kaugummis zu verdeutlichen, hilft es, die Lebensmittelzeitung zu zitieren. "Für sie steht die Kassenzone mit 1 Prozent an Fläche im Schnitt für 4,8 Prozent Umsatz und 5,4 Prozent Ertrag. Sie ist der Ort für höchste Handelsspannen." Kurzum: Hier wird der Reibach gemacht.

Schnell weiter

Jetzt haben aber nicht nur Eindringlinge wie die Nudel oder Umbauten den Kaugummi verdrängt. Es sind auch "weniger Käufer in den Kassenzonen zu finden", wie Eva Kinnebrock, Senior Business Consultant von Nielsen Deutschland, sagt. Und das "liegt daran, dass grundsätzlich weniger Besuche im stationären Einzelhandel unternommen werden, oder weil man in der Warteschlange Abstand halten muss". Hörmann bringt es auf den Punkt: "Der Kunde will hier so schnell wie möglich durch." Und auch das ist schlecht für den Kaugummi.

Nicht zuletzt hat sich der Lebenswandel des Menschen wegen Corona zum Nachteil für den Kaugummi entwickelt. Wo kaute er ihn früher? "Während der Autofahrt, vor einem Meeting oder einem Date", sagt eine Sprecherin des Marktführers Wrigley. Und heute? "Home-Office, Social Distancing, keine Meetings und keine Besuche, das alles hat dazu geführt, dass es weniger Anlässe zum Kaugummikauen gab."

Aber der Kaugummi wäre nicht der Kaugummi, wenn er nicht flexibel wäre. Die Hersteller ändern jetzt seine Rezeptur. "Klassisch werden in die Kaugummimasse Minzöle oder Minzaromen gemischt, um die Frische zu gestalten", sagt Hörmann. "Jetzt kommen neue zusätzliche funktionale Zutaten hinzu: Vitamine, Probiotika und Zutaten, die die Mundgesundheit unterstützen können."

Die Wrigley-Sprecherin ergänzt passend dazu: "Nach Aussagen der Bundeszahnärztekammer haben Patienten ihren Zahnarzt seit dem Frühjahr deutlich seltener aufgesucht und insbesondere Prophylaxe-Sitzungen deutlich seltener wahrgenommen." Deshalb sei die Zahl der Notfallbehandlungen gestiegen und mehr Parodontitis zu beobachten. Die Marken haben die Marktlücke sofort entdeckt und Zahnpflegekaugummis entwickelt, Mondelez etwa einen Oral-B-Kaugummi mit Fluorid. Sie preisen auch das Kauen unter der Maske an, weil der Kaugummi für frischen Atem sorge und gegen Mundtrockenheit helfe.

Tatsächlich steigt der Verkauf laut Nielsen seit dem Sommer wieder. Wohl auch, weil die Hersteller neue Anlässe kreieren: Sie werben wie Wrigley unter anderem in sozialen Medien bei der jüngeren Klientel, um sie zum Kaugummikauen "im Home-Office für ausgedehnte Calls, für lange Online-Spieleabende oder auch bei Online-Dates" zu erwärmen.

Und auch Alternativen für die teils verloren gegangene Kassenzone werden ersonnen. Es geht jetzt darum, wie es ein Handelsprofi ausdrückt, "neue Begegnungspunkte zwischen Ware und Kunde auf der Fläche zu schaffen und Impulsware abverkaufsfördernd im Markt zu verteilen". All das für so einen kleinen Kaugummi.

© SZ
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