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Kaufhof:Ein Prachtstück, das niemand will

Kaufhof versteigert seine letzten Kunstwerke - aber nicht alle. Zwei Objekte stehen nicht auf der Auktionsliste.

Von Michael Kläsgen

Noch hängt er in Köln, und das schon seit Jahrzehnten, Leonhard Tietz, in Öl porträtiert von seinem Freund Max Liebermann. Vor 100 Jahren nannten sie Tietz in Deutschland den "Kaufhaus-König". In der Hohe Straße hatte er 1914 das größte Kaufhaus Europas eröffnet. Die Menschen drängten sich damals vor dem Eingang, um als erste eintreten zu dürfen.

Im Moment schaut Tietz auf dem Gemälde in der Kaufhof-Zentrale in Köln noch in einen großen, meist menschenleeren Raum. Vor ihm im Aufsichtsratsraum erstreckt sich ein langer Konferenztisch umrahmt von grün gepolsterten Stühlen auf einem enorm großen Perser-Teppich. Doch in Kürze wird sich Tietz, eingefasst in einen sogenannten Geheimratsrahmen, wie ihn Liebermann gern verwendete, nach Jahrzehnten von hier verabschieden müssen. Er zieht nach Essen.

Dort wird das Tietz-Porträt, wie die Süddeutsche Zeitung erfuhr, Teil einer Dauerausstellung in den ersten drei Stockwerken der neuen Firmenzentrale. "Das Porträt von Leonhard Tietz verbleibt in Unternehmensbesitz", sagt ein Sprecher. Zur Erinnerung: Karstadt, Teil der österreichischen Signa-Gruppe, hat Kaufhof übernommen, der Sitz des fusionierten Warenhauskonzerns Galeria Karstadt Kaufhof ist der Karstadt-Standort Essen. Die ehemalige Kaufhof-Zentrale schließt ihrerseits noch vor Ende des Jahres. Tietz muss raus.

Der Chef des Auktionshauses sagt, der Perser aus der alten Kaufhof-Zentrale sei ein Prachtstück. Das Interesse an dem Teppich ist überschaubar.

(Foto: oh)

Er wird Teil einer Ausstellung, die die Geschichte der Warenhäuser in Deutschland zum Thema hat. Die Exponate sollen zeigen, wo die Wurzeln des neuen Konzerns zu suchen sind. Leonhard Tietz gehört dazu, ebenso wie die Geschichte von Hertie (Hermann Tietz) und Horten. Es ist eine Ausstellung über die Welt des Warenhauses im Wandel. Zunächst wird sie allen Mitarbeitern und später auch der Öffentlichkeit zugänglich sein.

Neben dem Tietz-Porträt werden viele andere Ausstellungsgegenstände zu sehen sein, eine Litfaßsäule, ein Auto mit Werbung, eine Kassenszene, Büsten von Unternehmensgründern, Aktienpapiere, Artefakte aus dem eigenen Bestand und Leihgaben von Sammlern. Galeria Kaufhof Karstadt will das Erbe der Gründerväter wachhalten. Konzernchef Stephan Fanderl kümmert sich persönlich um die Konzeption.

All die anderen, teils wertvollen Kunstwerke Kaufhofs sind entweder schon verkauft oder werden diese Woche versteigert, darunter ein vier mal acht Meter großes Wandmosaik des Künstlers Heinz Mack. Das Kölner Auktionshaus Lempertz kümmert sich darum. In einer ersten Auktionsrunde im Mai nahm Galeria Karstadt Kaufhof zwölf Millionen Euro ein. Damals hatte Lempertz einen anderen Liebermann versteigert, die "Judengasse in Amsterdam", für knapp eine Million Euro.

Es hängt noch in Köln. Leonhard Tietz, der Kaufhof-König, ließ sich von seinem Freund Max Liebermann porträtieren. Die ehemalige Kaufhof-Zentrale in Köln schließt Ende des Jahres. Kaufhof und Karstadt sind jetzt eins, der Firmensitz ist Essen. Dort wird das Gemälde bald in einer Ausstellung über Warenhäuser in Deutschland zu sehen sein.

(Foto: oh)

Nur mit dem Perser weiß offenbar niemand so recht etwas anzufangen. Dabei nennt ihn Lempertz-Chef Henrik Hanstein "ein Prachtstück". Er misst etwa fünf mal zehn Meter, besteht aus Seide und Wolle und ist sehr gut erhalten. Es soll nur wenige so große Perser auf der Welt geben. Dieser füllt fasst den ganzen großen Konferenzraum. Man muss wohl davon ausgehen, dass ihn Kinderhände knüpften.

Ihn umranken zwei Legenden, niemand weiß, ob überhaupt eine davon stimmt. So soll ihn sich nach dem Zweiten Weltkrieg erst mal der Schah von Persien geschnappt haben, ehe er dann doch im Kaufhof landete. Der zweiten Version zufolge wurde er zunächst von den Nationalsozialisten konfisziert und soll dann anschließend im Führerbunker in Berlin gelegen haben. Bei seiner enormen Größe scheint das aber unwahrscheinlich zu sein.

Fest steht, dass auf Druck der Nazis die jüdische Familie Tietz in den Dreißigerjahren aus dem Unternehmen gedrängt wurde. Es hieß ab dann Kaufhof. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges soll die Familie den Teppich zurückerhalten haben, konnte aber angeblich auch nichts damit anfangen, vielleicht der Größe wegen.

Im Moment hat der Perserteppich, so wie seit Jahrzehnten, noch seinen Platz vor dem Porträt des 1914 verstorbenen "Kaufhaus-Königs" Leonhard Tietz, ein Patriarch, der angeblich bei der Belegschaft recht beliebt war. In ein paar Tagen werden sie nun getrennt.

Der heutige Konzernchef Fanderl besuchte übrigens vor zehn Tagen das Grab von Leonhard Tietz in Bocklemünd anlässlich dessen Todestages. Er erwies ihm die Ehre unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Eine private Geste der Rückbesinnung, die wie ein persönliches Vorhaben wirkt.

© SZ vom 25.11.2019
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