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Kaufhauskette Karstadt:Benko spielt auf Zeit

Karstadt - Rene Benko

Schon in den wenigen Informationen, die Karstadt-Eigner René Benko preisgegeben hat, stecken einige Widersprüche.

(Foto: dpa)

Der neue Karstadt-Eigner René Benko folgt selbst mit Kaufhäusern der Logik eines Immobilieninvestors. Mit seinen vagen Ankündigungen stiftet er Verwirrung - die Belegschaft bangt um ihre Jobs.

Der neue Karstadt-Eigentümer René Benko hat wochenlang geschwiegen. Auch jetzt, nach über einem Monat, sickert nur langsam durch, was auf die 17 000 Beschäftigten des Warenhauskonzerns zukommen könnte. 2000 Stellen sind in Gefahr, heißt es, 250 Millionen Euro will Benko in den nächsten eineinhalb Jahren einsparen. Mit weniger Verkäuferinnen und Kassenpersonal sollen die 83 Filialen auskommen, aber auch in der Essener Zentrale soll gekürzt werden.

So weit, so vage. Zur Strategie, zu Investitionen oder möglichen Schließungen von Häusern äußert sich Benko bis heute nicht konkret. Dafür stecken schon in den wenigen Informationen, die der österreichische Immobilieninvestor bisher preisgegeben hat, einige Widersprüche.

Widerspruch Nummer eins: Gleichzeitig zur jetzigen Ankündigung, dreistellige Millionenbeträge und Tausende Stellen einzusparen, will Benko mit der Gewerkschaft Verdi über eine Rückkehr zur Tarifbindung und über Standort- und Beschäftigungssicherung verhandeln. Zuletzt hatten die Arbeitnehmervertreter eine sofortige Rückkehr zum Flächentarifvertrag gefordert. Das aber könnte teuer werden.

Zudem dürfte es einige Zeit in Anspruch nehmen, bis in den Tarifverhandlungen mit der Gewerkschaft eine Einigung erzielt wird. Zeit, die Karstadt eigentlich nicht hat.

Wie knapp die Warenhauskette über die Runden kommt, zeigt sich am Weihnachtsgeschäft. Benko musste die Warenkreditversicherer mit 150 Millionen Euro ruhigstellen, damit Karstadt die Einkäufe für die wichtigsten Monate des Jahres wie gewohnt abwickeln konnte. In diesem Zusammenhang überrascht es, und dies ist Widerspruch Nummer zwei, dass zugleich aus Benkos Umfeld verlautet, der Konzern könne 2016 in ernsthafte Schwierigkeiten geraten, wenn keine Gegenmaßnahmen ergriffen würden. Erst im Jahr 2016?

Karstadt zerfällt in eine Zwei-Klassen-Gesellschaft

Trotz der offensichtlichen Not schiebt Benko konkrete Entscheidungen, etwa zur Schließung von Filialen, vor sich her. Selbst nach der ersten Aufsichtsratssitzung hieß es zu diesem Thema nur lapidar: "Schließungsbeschlüsse wurden noch nicht gefasst." Ob 20, 30 oder doch nur einige wenige Filialen, die Beschäftigten bleiben im Ungewissen. Warum aber braucht Benko für diese Entscheidung so lange? Er müsse sich erst einmal mit seinem neuen Investment Karstadt genauer auseinandersetzen, heißt es dazu in seinem Umfeld. Schlüssig ist das nicht. Benkos Vertrauter Stephan Fanderl steht schon seit einem Jahr dem Karstadt-Aufsichtsrat vor und hält ihn regelmäßig auf dem Laufenden.

Dass Benko sonst durchaus zu schnellen Entschlüssen fähig sein kann, hat er übrigens schon bei Karstadt an anderer Stelle bewiesen: bei den Luxuskaufhäusern. Die Premium-Sparte, die ihm samt Immobilien gehört, trennte er flugs von den übrigen Karstadt-Häusern vollständig ab. Nicht einmal den Namen "Karstadt" als Dachmarke will er den Edelkaufhäusern KaDeWe, dem Oberpollinger und dem Alsterhaus künftig noch zumuten. Finanzen, IT, Logistik und Einkauf - künftig wird die Gruppe von Berlin aus gesteuert, nicht mehr aus Essen. Sogar Neueröffnungen - auch im Ausland - sind geplant.

Die Folgen sind gravierender, als sie zunächst zu sein scheinen. Die Warenhauskette zerfällt damit endgültig in eine Zwei-Klassen-Gesellschaft: Hier die Glitzerwelt der Luxushäuser, dort die Mittelmäßigkeit der Kaufhausfilialen für den Durchschnittseinkäufer. Benko macht den Schnitt, damit seine wertvollen Premium-Häuser nicht in den Abwärtsstrudel der übrigen 83 Filialen geraten. Die Zerschlagung von Karstadt ist besiegelt.

Einen Monat nach dem Eigentümerwechsel lässt sich damit sagen: Benkos Vorgehen bei Karstadt folgt konsequent der Logik eines Immobilieninvestors. Der davon lebt, vielversprechende Immobilien zu erwerben, zu entwickeln und dann zu einem höheren Preis wieder zu verkaufen. Mehr als 15 Karstadt-Häuser sind seine Mieter - auf ihren regelmäßigen Zahlungen basiert ein wichtiger Teil seiner Kalkulation. Knapp eine Milliarde Euro bringen ihm die Mieterhöhungen und Laufzeitverlängerungen ein, die er in den Häusern durchsetzte, die ihm gehören.

In Benkos Interesse muss es daher liegen, diese Mieter und damit den Warenhauskonzern noch eine Weile über Wasser zu halten. Und zwar so lange, bis er eine Lösung für seine Immobilien gefunden hat. Da kann es zurzeit durchaus sinnvoll sein, in aller Ruhe mit den Gewerkschaften zu verhandeln und teure Filialschließungen noch etwas hinauszuzögern. Und so auf Zeit zu spielen.