Katalonien-Krise Lange Schatten

Die spanische National- und die katalanische Regionalfahne wehen über dem Generalitat-Palast in Barcelona, dem Sitz der Regionalregierung Kataloniens.

(Foto: Yves Herman/Reuters)

Der Streit um die Unabhängigkeit Kataloniens hat die deutsche Wirtschaft in der Region zutiefst verunsichert. Es gibt bereits Unternehmen, die ihren Sitz in andere Teile Spaniens verlagern.

Von Marcel Grzanna

Es war Maßarbeit von Bruno Pötsch. Fachlich wie zeitlich. Nicht nur, dass der deutsche Unternehmer präzise gefertigte Kulissenbauten für den Werbespot eines wichtigen Großkunden wie bestellt zum Drehort lieferte. Er erledigte den Auftrag auch noch auf die Minute pünktlich und erreichte das Filmset ohne Verspätung. Klingt banal, und wäre es normalerweise auch. Aber die Umstände, die dieser Tage in Pötschs Wahlheimat Barcelona herrschen, bedrohen die Berechenbarkeit und Verlässlichkeit, die sonst allgemein üblich sind unter Geschäftsleuten und Dienstleistern der Stadt.

Pötsch hatte Glück, dass er an dem Tag der Lieferung mit seinem Transporter in letzter Minute dem Stau entkam, in den wenig später sein Mitarbeiter geriet, der ihm auf einem Motorroller in einigem Abstand gefolgt war. Tausende Demonstranten blockierten plötzlich die Straße, um sich für ihre Sache starkzumachen. Ob es Demonstranten pro oder contra Unabhängigkeit waren, ist ein paar Wochen danach schon wieder so gut wie vergessen.

Der 1. Oktober hat vieles durcheinandergewirbelt in Katalonien und speziell in Barcelona. Der politische Streit rund um die Abstimmung für eine Unabhängigkeit der Region von Spanien wirft lange Schatten auf die wirtschaftlichen Interessen im Nordosten der iberischen Halbinsel. Davon betroffen sind auch deutsche Firmen in Katalonien und deren Arbeitnehmer. Der Arzneimittelhersteller Stada räumte vergangene Woche ein, dass er von Boykotten spanischer Apotheker bedroht sei, weil er in Katalonien produziere. Stada zieht deshalb einen Umzug von Barcelona nach Madrid in Erwägung. Tausende Firmen haben genau das bereits getan und ihren steuerlichen Sitz aus Katalonien in einen anderen Teil des Landes verlegt. Auch weil die Zentralregierung in Madrid diesen Schritt förderte und durch unbürokratisches Prozedere innerhalb eines Tages möglich machte.

"Das ist hier ein großes Selbstmordkommando", klagt Kulissenbauer Pötsch, der vergeblich darauf gehofft hatte, dass die Verantwortlichen der Separatistenbewegung zumindest einen Plan in der Tasche hätten, wie die Wirtschaft der Region all den Unwägbarkeiten begegnen sollte, die sich nun auftürmen. Risiken wie Verspätungen oder Absagen lassen sich mit Flexibilität und Organisation vielleicht noch umschiffen. Sie bilden aber nur die Spitze des Eisberges. Die wirkliche Gefahr lauert unterhalb der Oberfläche.

Das Vertrauen in die Politik des Landes ist erschüttert

Eine aktuelle Umfrage der deutschen Außenhandelskammer in Spanien unter ihren Mitgliedern ergab, dass fast ausnahmslos alle Unternehmen die Entwicklung besorgt verfolgen. Das Vertrauen in die Politik des Landes ist erschüttert. 40 Prozent der rund 1100 in Spanien ansässigen deutschen AHK-Mitglieder sehen sogar ihre Investitionsvorhaben beeinträchtigt. "Besonders bedauerlich ist, dass das in den letzten Jahren mühsam geschaffene Vertrauen in die Erholung der spanischen Wirtschaft nun in der öffentlichen Wahrnehmung ganz in den Hintergrund gerückt ist", sagt Karl H. Lincke, Autor zahlreicher Bücher über die spanische Wirtschaft und Partner bei der Kanzlei Mariscal & Abogados, die vornehmlich deutsche Unternehmen im Land betreut.

Lincke stellt eine grundsätzliche Verschärfung der politischen Auseinandersetzung im Land fest, die auch deutschen Firmen schaden kann. "Es ist eine zunehmende Radikalisierung zu verspüren, die auch nicht vor wirtschaftsfeindlicher Agitation absieht. Bisweilen ist sogar auch von den ganz radikalen Kräften nicht nur eine Feindlichkeit gegenüber dem spanischen Zentralstaat zu verspüren sondern auch eine Feindlichkeit gegenüber allem Fremden", sagt Lincke. "In der aufgeheizten Lage kann dies zu Boykottaktionen von der einen oder anderen Seite führen", glaubt Lincke.

Diese Erfahrung machte kürzlich der Chef einer Vertriebsgesellschaft eines deutschen Maschinenbauers, der das Tourismusgewerbe mit seinen Produkten bedient. Nach einer Lieferung verweigerte ein spanischer Kunde die Zahlung. Er werde sein Geld nicht nach Katalonien überweisen, begründete er trotzig. Der Deutsche, der nicht befugt ist, für die Zentrale in Deutschland öffentlich Stellung zu nehmen, und deshalb nur anonym Auskunft geben darf, bot dem Kunden schließlich an, sein Geld nach Deutschland zu überweisen. So geschah es. Anwalt Lincke rät deutschen Firmen deshalb eindringlich davon ab, sich in irgendeiner Form in der Unabhängigkeitsfrage zu positionieren, um zu verhindern, dass man den Zorn von irgendeiner der beiden zerstrittenen Seiten auf sich zieht.

In einem anderen Fall stornierte ein Kunde des Maschinenbauers kurzfristig einen lukrativen Auftrag, weil er unmittelbar nach der Abstimmung über die Unabhängigkeit 30 Prozent weniger Reservierungen in seinem Gewerbe verzeichnet hatte und deshalb vorerst keinen Bedarf an der Lieferung durch die deutsche Firma sah. Dem Manager blieb nichts anderes übrig, als die Stornierung hinzunehmen. "Wenn man für Umsätze sorgen soll, dann beunruhigt einen das natürlich", sagt er.

Eine deutsche Firma überweist große Teile des Bargeldbestandes vorsorglich in die Heimat

Schließlich reiste er nach Deutschland zum Sitz der Muttergesellschaft, auch um zu erörtern, ob eine Verlegung des Firmensitzes nach Madrid eine Lösung sein könnte. Man einigte sich darauf, zunächst die Entwicklung in den kommenden Monaten abzuwarten und im Ernstfall den Vertrieb in Spanien von Deutschland aus zu organisieren. Der Notfallplan steht, doch das Misstrauen bleibt, weswegen der Manager große Teile des betrieblichen Bargeldbestandes aus Katalonien vorsorglich in die Heimat überwies.

Für reine Vertriebsgesellschaften sind strategische Entscheidungen im Prinzip relativ kurzfristig möglich. Wer eine Fertigung in Katalonien hat, der muss jedoch viel früher wissen, ob er die Region verlässt, um mögliche Produktionslücken zu verhindern. Wer das nicht tut, hofft darauf, dass es ohnehin nicht zur Unabhängigkeit kommt.

Denn die Abspaltung würde bedeuten, dass der Freihandel von einem Tag auf den anderen gefährdet wäre. Katalonien wäre raus aus der EU. Firmen, die dann dort noch produzieren, müssten möglicherweise Importzölle zahlen und die Risiken eines Währungswechsels tragen, wenn sie mit dem europäischen Binnenmarkt weiter Geschäfte machen wollten. Ein weiteres Problem wäre der Umgang mit Langzeitverträgen. Niemand weiß, nach welchem Recht die Kontrakte fortgesetzt oder ob sie gar nichtig würden. Und was würde aus Krankenversicherungen oder der Rentenversorgung? Sowohl für einen selbst als auch für die Mitarbeiter. "Unternehmerische Probleme sind für uns immer dann lösbar, wenn wir wissen, wo wir dran sind", sagt der Vertriebsleiter des Maschinenbauers. Genau das ist aber zurzeit nicht der Fall.

Gespannt blicken die deutschen Firmen, aber auch alle anderen Unternehmen der Region deshalb auf den 21. Dezember, wenn die Neuwahlen zur Bildung des Regionalparlaments angesetzt sind. Doch ganz gleich, ob die Unabhängigkeitsbefürworter noch einmal als Sieger aus dem Urnengang hervorgehen sollten, oder ob die moderaten Kräfte siegen, die eine Abspaltung verhindern wollen: Es bleiben offene Fragen. Wie lange dieser Zustand anhält, ist im Augenblick noch ungewiss. Anwalt Lincke sieht keine unmittelbare Lösung des Konflikts: "Eine Beruhigung und Normalisierung der politischen Lage ist momentan noch nicht abzusehen. Die Unternehmen müssen daher vor allem Geduld mitbringen", sagt er.

Kulissenbauer Pötsch sieht die Lage immerhin pragmatisch. "Was trotz der Unsicherheit bleibt, sind die gute Infrastruktur in Katalonien, zuverlässige Partner, professionelle und fachkundige Arbeitnehmer und eine hohe Lebensqualität." Es sind zurzeit Kataloniens stärkste Trümpfe, um die Unternehmen weiter an sich zu binden.