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Karstadt: Investor Berggruen:Ein Konzept, aber dalli dalli

Für Karstadt-Käufer Berggruen fängt die harte Arbeit jetzt erst richtig an: Der Nicht-Handelsexperte muss unbequeme Entscheidungen treffen, um der maroden Warenhauskette eine Zukunft zu verpassen.

Genau ein Jahr ist es nun schon her, seit das Traditionsunternehmen Karstadt Antrag auf Insolvenzeröffnung stellte. Viel geschehen ist seitdem nicht. Natürlich ist es Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg gelungen, Karstadt irgendwie am Laufen zu halten. Wie ein Notarzt bei einem todkranken Patienten nahm Görg in dieser Zeit lediglich lebenserhaltende Operationen vor. Er schloss einige Filialen, sparte ein wenig Kosten, schaute, dass genug Geld in der Kasse ist, und führte so den Betrieb weiter, mehr schlecht als recht. Immerhin: Die meisten Karstadt-Häuser haben nach wie vor geöffnet, die überwiegende Zahl der Mitarbeiter ist noch an Bord - ganz anders als etwa bei der Karstadt-Schwesterfirma Quelle, die bereits abgewickelt werden musste.

Berggruen erhält Zuschlag bei Karstadt

Nicolas Berggruen hat den Zuschlag für Karstadt erhalten - jetzt sind neue Ideen gefragt, um die marode Warenhauskette wieder in Schwung zu bringen.

(Foto: dpa)

Görg machte sich auf die schwierige Suche nach einem Investor für Karstadt - jetzt hat Nicolas Berggruen, Sohn des inzwischen verstorbenen Berliner Kunstsammlers und Mäzens Heinz Berggruen, den Zuschlag erhalten. Berggruen will eigenen Angaben zufolge "frische und attraktive Perspektiven" eröffnen, um die, so der Investor, "Kultmarke Karstadt" und die 25.000 Arbeitsplätze zu retten. Das klingt gut, aber es wird ziemlich schwierig werden. Karstadt braucht zum Überleben - neben einer erheblichen Finanzspritze - vor allem eine Strategie. Eigentlich kann man noch nicht einmal von einer neuen Strategie sprechen, denn mehr und mehr zeigt sich, dass es schon seit Jahren gar keine Strategie mehr für den Warenhauskonzern mit Sitz in Essen gibt - Wachstum um jeden Preis war das einzige Credo der vergangenen Jahre.

Das Beunruhigende: Berggruen ist bisher nicht als Handelsexperte aufgefallen, er investierte bisher weltweit in Immobilien und andere Branchen wie etwa erneuerbare Energien. Mit im Boot ist zwar ein Textilunternehmer, aber wird das reichen? Es ist noch nicht lange her, dass der Deutsch-Amerikaner auf den Plan getreten ist. Ein detailliertes Rettungskonzept ist er noch schuldig. Bisher standen in den endlosen Gesprächen die Bemühungen im Vordergrund, die Kosten zu reduzieren. Die Vermieter, die Mitarbeiter, die Lieferanten - alle sollen Zugeständnisse machen. Die Gewerkschaft Verdi hatte sich zuletzt offen auf die Seite Berggruens gestellt. Das hilft sicher. Jetzt muss der Karstadt-Käufer auch Highstreet, dem Konsortium gehört ein Großteil der Immobilien, auf seine Seite ziehen - das wird schwer.

Aber bloßes Kostenmanagement wird nicht reichen: Karstadt muss wiederbelebt werden - wahrscheinlich sogar mit radikalen Schritten wie einer völligen Neupositionierung. Seit Jahrzehnten verfolgt der 129 Jahre alte Konzern mit derzeit noch 120 Standorten im Grundsatz das klassische Konzept eines Warenhauses: "Alles unter einem Dach", hieß früher das Schlagwort. Alle Produktgruppen, von teuer bis billig, für alle Kunden, von jung bis alt - das führte zwangsläufig ins Verderben.

Das Vorhalten eines vollständigen Sortiments - vom einzelnen Knopf über Uhren, Waschmaschinen, Textilien, Lebensmittel bis hin zu Flachbildschirmen und Computern - ist einfach zu teuer. Mittelmäßiges zu mittelmäßigen Preisen - Gewinne können damit in der heutigen Zeit nicht gemacht werden. Dazu kommt: Das klassische Warenhaus insgesamt verliert seit langem an Bedeutung. Die Konkurrenz ist unübersichtlich groß geworden. Spezialisierung ist Trumpf - und das hat Karstadt versäumt.

Kaufhof und dessen Mutterkonzern Metro haben viel früher auf den Trend reagiert.

Der Anfang ist jetzt gemacht. Der neue Karstadt-Eigentümer muss mutige und unbequeme Entscheidungen treffen, der Marke Karstadt neue Kraft geben. Mehrere Wege sind denkbar: Konzentration auf Luxus oder auf guten Service, auf zahlungskräftige, ältere Kundschaft oder auf junge, hippe, ausgabefreudige Konsumenten. Egal wie: Ein Konzept muss her, und zwar schnell.