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Kapitalismus und seine Folgen:Wirtschaft frisst Natur

Wachstum und Umwelt - ein ewiger Widerstreit?

Es muss früh im 20. Jahrhundert gewesen sein, als die Menschheit diesen Wendepunkt erreichte. Im Zuge der industriellen Revolution sei der Anteil echter Wildnis an der Landfläche des Planeten unter 50 Prozent gesunken, schreibt der US-Geograf Erle Ellis. Um die Jahrtausendwende waren drei Viertel der Ländereien direkt von Menschen gestaltet oder zumindest beeinflusst, von Land- und Forstwirtschaft, Siedlungen und Straßen. Ursprüngliche, unberührte Natur, wird zur Ausnahme - im Hochgebirge, an den Polen und in Wüsten.

Die Erde, so beschreibt es der Ökonom Herman Daly, ist ein geschlossenes System, in dem die Wirtschaft als offenes, wachsendes Subsystem existiert. Die Ökonomie braucht Rohstoffe und die Funktionen der Natur, eine intakte Umwelt. Und es scheint klar: Irgendwo sind Grenzen.

Der Widerstreit von Natur und wachstumsbasiertem Wirtschaften zeigt sich deutlicher denn je. Er hat sich in jüngster Zeit sogar noch verschärft. Der Kohlendioxid-Gehalt in der Atmosphäre hat sich seit der industriellen Revolution mehr als verdoppelt. Der tropische Regenwald bedeckt heute nur noch etwa die Hälfte seiner ursprünglichen Fläche. Ökologen sprechen vom sechsten großen Artensterben der Erdgeschichte, diesmal - erstmals - verursacht vom Menschen. Der Rohstoffverbrauch liegt heute laut OECD-Statistiken doppelt so hoch wie 1980. Riesige Plastikteppiche auf den Ozeanen machen Meerestiere zu Opfern der globalisierten Wirtschaft. Die Geschichte zeigt, dass mit dem Wachstum stets der Ressourcenverbrauch stieg - unabhängig von der Wirtschaftsform. Nun erscheint mit der Erderwärmung erstmals ein weltweites Umweltproblem, dessen konkrete Folgen nicht absehbar sind, aber desaströs werden dürften.

Wirtschaft frisst Lebensraum: Ist das der einzig mögliche Zusammenhang? Bislang hat die Menschheit die Umweltproblematik jedenfalls nicht gelöst. Eine wachsende Zahl von Forschern und Organisationen führt das darauf zurück, dass die Natur in ökonomischen Berechnungen nicht angemessen berücksichtigt wird. Produktionsfaktoren, das sind zumeist Arbeit und Kapital, selten Land als Baugrund und Ackerfläche.

Aber die Leistungen der Natur? Wildbienen, die Felder bestäuben, oder Mangrovenwälder, die Fischen Lebensraum und Anwohnern Holz und Hochwasserschutz bieten - ohne Zutun des Menschen erbringen Ökosysteme enorme Leistungen, die nicht in Zahlen übersetzt werden. All das mit ökonomischen Methoden sichtbar zu machen, sei Teil der Lösung, glauben Anhänger der Naturkapital-Theorie. Bäume, Flüsse und Seen sind demnach arbeitendes Kapital, Tiere und Pflanzen erledigen sogenannte Ökosystemdienstleistungen. Würden diese Werte berücksichtigt, funktioniere Wirtschaft anders. Die Natur zu bewahren mit den Instrumenten des Kapitalismus: Das ist das Rezept für den Umweltschutz der Zukunft. Ob es gelingen wird, bleibt fraglich - ob es aber bessere Ideen gibt, ebenso.

Jan Willmroth

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