Kapitalismus und seine Folgen Das Spaßdilemma

Gehetzt durch die Freizeit

Ein Blick in die Regale großer Bücherketten reicht: Garten, Kochen, Bergsport, Wellness sind eigene Rubriken, darunter meterweise Lektüre zum besten Wie, Wo und Wann. Dazu der Blick auf die Zahlen: 146,86 Milliarden Euro haben die Deutschen 2014 für Unterhaltung, Kultur und Freizeit ausgegeben, die meiste Zeit verbringen sie mit Gärtnern. 1393 Stunden hat der durchschnittliche Deutsche im Jahr 2012 gearbeitet. Er liegt damit 600 Stunden hinter dem durchschnittlichen Griechen. Und immerhin 10,58 Millionen Deutsche treiben mindestens einmal die Woche Sport. Zeit scheint da zu sein, für sehr viele Dinge sogar. Und doch: "Keine Zeit, viel zu tun, stressig" sind die üblichen Floskeln im täglichen Miteinander.

Die Ursachenforschung wird gern auch zur Systemkritik genutzt, alles sei beschleunigt, der Druck hoch, der Fokus auf Wachstum falsch. Dahinter steckt ein Fehlschluss: Das Konzept der Freizeit in ihrer heutigen Definition ist eben genauso eine Folge des modernen Industriekapitalismus wie auch der allgegenwärtig empfundene Stress. Bevor es Arbeit in der heutigen Form gab, war die moderne Zweiteilung oft nicht vorhanden.

Stattdessen hat der Mensch heute vor allem einen Grundkonflikt: Der Kapitalismus baut darauf, mehr Unterhaltungsmöglichkeiten zu bieten - die Rede war zwischendurch vom totalitären Freizeitkapitalismus - während die Zeit dafür nur bedingt zunimmt. Die Reaktion ist eine klassisch wirtschaftliche Abwägung der Ressourcen, gefolgt von einem Versuch, diese effizient einzusetzen. In der Praxis heißt das, auf dem Rückweg vom Bergausflug im Auto die Mutter anzurufen und während des Wochenendputzens einem Hörbuch mit Spanisch-Vokabeln zu lauschen.

Manchmal gelingt das und mehrere Dinge zugleich sind spielend erledigt. Doch das ist oft die Ausnahme. Gelegentlich findet gar keine Entscheidung statt, weil die Optionen schlicht zu viele sind. Ganz oft aber stellt sich ein Gefühl des Gehetztseins ein, wenn der Ökonomismus unser Privatleben bestimmt. "Die Nervosität der Börse zieht ein in den Alltag", hat es der Autor Dirk Kurbjuweit prägnant zusammengefasst und das "privates Managertum" getauft. Und Hartmut Rosa, ein Soziologie, der sich seit Jahren mit Zeitkonzepten befasst, hat die Theorie aufgestellt, dass wir, wenn wir zu vieles gleichzeitig tun, Erlebtes vergessen. Viel gravierender ist aber etwas, das er als Verdichtung bezeichnet. Weil alles gleichzeitig stattfindet, sind wir nirgends wirklich. Freizeit ist dann zwar Freizeit. Verloren geht aber die freie Zeit - in der nichts geplant ist und oft Unerwartetes passiert. Das spontane Treffen, das große Nichts eines ungeplanten Tages gehen verloren. Und wer im Buchladen das Handy am Ohr hat, übersieht vielleicht die wesentlichen Bücher. "Anleitung zum Müßiggang" etwa.

Lea Hampel

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