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Kapitalismus und seine Folgen:Unsicherheit, Verdichtung, Erschöpfung

Unterm Rad: Arbeit ist heute komfortabler - aber stressiger

Wird das Arbeiten im Kapitalismus immer stressiger? Wer Befragungen deutscher Beschäftigter liest, muss diesen Eindruck gewinnen. In einer Studie der Bertelsmann-Stiftung klagten im Frühjahr 40 Prozent der Arbeitnehmer über ständig steigenden Druck. Ein Drittel fühlt sich demnach überfordert, ein Viertel der in Vollzeit Arbeitenden hat das Gefühl, ein zu hohes Tempo bewältigen zu müssen.

Das ist auf den ersten Blick ein Widerspruch dazu, dass die Arbeit im modernen Kapitalismus für viele über Jahrzehnte immer angenehmer geworden ist. Die geleisteten Wochenstunden sind weit geringer als in der frühen Industrialisierung, nicht zu reden vom Leben der Bauern in feudalistischen Jahrhunderten. Und so selbstbestimmt und gut bezahlt wie in den westlichen Industrieländern heute waren die meisten Arbeiter im Kommunismus nie.

In die historisch gesehen komfortable Lage der Arbeitnehmer mischen sich trotzdem einige Trends, die für die Beschäftigten belastend sein können. So wird die Arbeit des Einzelnen auch durch Computer immer leichter messbar, was Betriebe ausnutzen können, um genauere und immer höhere Ziele zu setzen. Im Report "Gute Arbeit" des Deutschen Gewerkschaftsbundes gaben zwei Drittel der Beschäftigten an, dass sie seit Jahren in der gleichen Zeit immer mehr leisten müssten. Zwei Drittel der Vollzeitbeschäftigten würden demnach gerne ihre Arbeitszeit senken, wenn so eine Möglichkeit vorhanden wäre oder sie sich es leisten könnten. Die Tätigkeiten werden häufig verdichtet, per Mail oder Mobiltelefon sind Beschäftigte leichter abends und am Wochenende erreichbar. Arbeitnehmer nennen öfter Erschöpfung oder Depressionen als Grund dafür, nicht arbeiten zu können, auch wenn unklar ist, ob solche Befunde heute nicht einfach ehrlicher genannt werden als früher.

Manchmal geht der Druck vom Betrieb aus, manchmal auch vom Arbeitnehmer selbst, der meint, so viel leisten zu müssen. Wo der moderne Materialismus andere Orientierungen abgelöst hat, werden Arbeit und Karriere identitätsstiftend und drängen vieles andere ab. Um das zu ändern, sind die Beschäftigten selbst manchmal ebenso gefordert wie die Unternehmen.

Was sich die Arbeitnehmer nicht selbst aussuchen, ist der Kostenwettbewerb, den viele Unternehmen entfachen oder dem sie folgen. Anzeichen dafür sind mehr befristete Jobs, mehr Werkverträge und Scheinselbständige und weniger Stellen, die flächendeckenden Tarifverträgen unterliegen. Während Wissensarbeiter und andere Fachkräfte häufig mehr gefragt sind als früher, wird bei vielen die Arbeit unsicher. Wenn künftig Beschäftigte von Maschinen ersetzt werden und anders als bei früheren Technikwellen nicht anderswo neue Jobs entstehen, könnte die Situation für viele Arbeitnehmer noch schwieriger werden.

Alexander Hagelüken

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