Kapitalismus in der Krise:Die ewige Suche nach der Gerechtigkeit

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Als sich der moderne Kapitalismus entfaltete, funktionierte die Kamel- und Nadelöhr-Mahnung des Evangelisten Lukas nicht mehr so richtig. Individueller Reichtum wurde nun als Motor gesellschaftlicher Reichtumssteigerung betrachtet. Die ausbeutende Dynamik des Kapitalismus zerlegte die alte Gesellschaftsordnung, schleuderte Millionen ins Elend, rief die Revolution und den Kommunismus auf den Plan - und aus Furcht vor Marx, vor Sozialdemokraten und Gewerkschaften knüpfte Kanzler Bismarck 1878 an alte karitative Traditionen an, um die Arbeiter durch Sozialleistungen an den Staat zu binden.

Was Bismarck für den Staat tat, nämlich die Arbeiter an ihn heranzuführen, das taten der Kölner Gesellenvater Adolf Kolping und der Mainzer Bischof Wilhelm Emmanuel von Ketteler für die Kirche. Die sozialen Ideen Kolpings und Kettelers begründeten in Deutschland eine Tradition des sozialen Katholizismus, der in den letzten Jahrzehnten schlief, aber jüngst wieder erwacht. Nach einer langen Zeit der sozialen Ermattung verlangen die Kirchen wieder gerechte Verteilung des Reichtums und der Arbeit. Und sie knüpfen bei ihrem Plädoyer für den gerechten Sozialstaat an das biblische Gleichnis vom barmherzigen Samariter an. Sie sehen ihre Aufgabe nicht mehr nur darin, den unter die Räuber Gefallenen zu pflegen. Sie wollen die Straßen so gesichert wissen, daß immer weniger Menschen unter die Räuber fallen.

Das neue Sprachrohr

Die Arbeiter wandten sich wegen Bismarck zwar nicht unbedingt dem Staat und wegen Kolping und Ketteler nicht unbedingt dem Glauben zu, sie waren aber in ihrem Ruf nach Gerechtigkeit gestärkt. Im Parlament der Paulskirche von 1848 war es noch vornehmlich um die Freiheitsrechte und den Rechtsstaat gegangen, das von Stephan Born gegründete Zentralkomitee für Arbeiter hatte aber schon 1848 im Blatt Das Volk Gerechtigkeit für die Arbeiter gefordert - durch Bestimmungen zum Schutz der Arbeit und zum unentgeltlichen Unterricht und durch Kommissionen zur Lohnfestsetzung. So wurde der Ruf nach Gerechtigkeit ins Soziale gewendet und dafür ein Sprachrohr, die Gewerkschaften, geschaffen.

Das war auch die Geburtsstunde der Sozialdemokratie. Es ging ihr um Schutz vor Unterdrückung und Ausbeutung, um Rechte, nicht um Almosen, und um Mitsprache. In der Weimarer Verfassung erhielten diese Forderungen einen eigenen Abschnitt, mit dem die Arbeitskraft unter den besonderen Schutz des Staates gestellt, die Koalitionsfreiheit gewährleistet, ein umfassendes Sozialversicherungswesen garantiert und betriebliche wie überbetriebliche Organe der Interessenvertretung für Arbeitnehmer vorgesehen wurden.

Jedem das Seine: Der Satz hatte nun einen Maßstab, eine Grundorientierung, die soziale Gerechtigkeit hatte Fasson. Das Grundgesetz hat diese Orientierung ausgebaut. Es hat die Bundesrepublik als Sozialstaat gegründet - als eine Art Schutzengel für jeden einzelnen. In den Kinderzimmern der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts hing oft das Bild mit den Kindern auf der schmalen Brücke über der Klamm mit dem rauschenden Wildbach, daneben flog der Schutzengel. So ähnlich hat das Grundgesetz den Sozialstaat konzipiert, als Schutz und Hilfe in Notfällen.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum der Sozialstaat ein großer Ermöglicher ist.

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