Über den früheren Bundesbankpräsidenten Helmut Schlesinger wurde einmal gesagt, das sei einer, der die Inflation unter jedem Kieselstein suche. Diese Inflationsfixierung machte die Bundesbank zum Mythos. Auch deshalb gibt es einige, die hinter vorgehaltener Hand behaupten, unter der weisen Führung eines Bundesbankers in der Europäischen Zentralbank wäre es ab 2022 auf keinen Fall zu dieser furchtbaren Schockinflation in der Währungsunion gekommen. Inzwischen scheint die Inflation wieder unter Kontrolle zu sein, doch mögliche Lieferengpässe durch Krieg und Katastrophen, höhere Zölle sowie Währungsschwankungen können jederzeit einen erneuten Preisschub auslösen. Der Kampf gegen Inflation ist unberechenbarer geworden.
Mythos Bundesbank
Das führt angesichts der endlichen Amtszeit von EZB-Präsidentin Christine Lagarde zu einer Frage: Wäre jetzt nicht endlich ein deutscher Notenbanker dran, um diesen anspruchsvollen Job zu übernehmen? Viele den Deutschen zugeschriebene Fähigkeiten mögen zuletzt verschüttgegangen sein, aber mit harter Hand die Preise stabil zu halten, das sollten sie doch noch hinbekommen.
Der Vertrag von Lagarde läuft zwar erst im Oktober 2027 aus, doch weil in der EU meist die eine Personalentscheidung die andere bedingt, startet der Kampf um die EZB-Spitze deutlich früher. In den nächsten Monaten sucht die EU zunächst einen Nachfolger für EZB-Vizepräsident Luis de Guindos, einen Spanier, dessen Amtszeit im Mai 2026 endet. Danach läuft der Vertrag des Chefökonomen Philip Lane aus, er kommt aus Irland. Die Herkunft der Kandidaten ist genauso entscheidend wie deren Qualifikation. Wenn ein Spanier erneut EZB-Vize würde, dann könnte Spanien nicht auch noch die Präsidentschaft anstreben.
Deutschland dagegen könnte sehr wohl anstreben, den Spitzenposten bei der Notenbank zu erhalten, wenn Lagardes Amtszeit endet. „Ich denke, es wäre an der Zeit, aber es ist kompliziert“, sagte unlängst der frühere Wirtschaftsberater von Bundeskanzlerin Angela Merkel, Lars-Hendrik Röller, gegenüber der Nachrichtenagentur Bloomberg. Doch wer soll es machen? Röller nannte Jörg Kukies, ehemaliger Goldman-Sachs-Banker, Finanzstaatssekretär und für kurze Zeit auch Bundesfinanzminister. Eine andere Möglichkeit wäre Joachim Nagel. Der amtierende Bundesbankpräsident dürfte wohl kaum Nein sagen. Nagels Vorgänger, die Bundesbankpräsidenten Axel Weber und Jens Weidmann, hatten jeweils nicht genug politische Unterstützung, um sich gegen Draghi und Lagarde durchzusetzen.
Bislang noch kein EZB-Präsident aus Deutschland
In den Verhandlungen könnte die Bundesregierung mit Fug und Recht behaupten, dass Berlin jetzt an der Reihe sei: Seit Gründung der EZB im Jahr 1998 amtierten mit Otmar Issing und Jürgen Stark zwar zwei mächtige EZB-Chefökonomen, doch den Spitzenposten bekamen immer andere Euro-Staaten: Frankreich mit Jean-Claude Trichet und Christine Lagarde zweimal, Italien mit Mario Draghi und die Niederlande mit Wim Duisenberg je einmal.
Diese Zurückhaltung war anfangs gewollt. Der frühere Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) konnte durch den Verzicht sicherstellen, dass die EZB in Frankfurt ihren Sitz bekam und die Institution darüber hinaus nach dem Vorbild der Bundesbank konzipiert wurde. Die deutsche „Antenne für das Wahrnehmen von Inflationsgefahren“, wie Otmar Issing es einmal formulierte, wurde so geschickt über der EZB aufgespannt.
Inzwischen sind über 25 Jahre vergangen. Was gegen Deutschland sprechen könnte, sind die anderen Spitzenposten, die das Land derzeit in Europa innehat – Ursula von der Leyens EU-Kommissionspräsidentschaft bis 2029, aber auch Claudia Buchs Leitung der EZB-Bankenaufsicht. Wie es auch ausgeht: Die Finanzkrisen, die Corona-Pandemie, der Krieg Russlands gegen die Ukraine und die weltpolitischen Spannungen haben die Geldpolitik grundlegend verändert. Der oder die Nächste im Euro-Tower benötigt viele Fähigkeiten. Das Talent, mit Bürgern und Finanzmärkten gut zu kommunizieren, ist eines davon. Ob das nun mit deutschem oder anderem Akzent geschieht, wirkt da eher nachrangig.
