Kanaltunnel-Zug Eurostar Neue Schlappe für Siemens

"Wir haben die Komplexität des Auftrags unterschätzt." Roland Busch, der im Vorstand von Siemens auch für die Zugsparte zuständig ist, will sich nicht auf einen Liefertermin für die neuen Eurotunnel-Züge festlegen. Schuld an der Verzögerung sind seiner Meinung nach die Zulassungsbehörden.

Von Daniela Kuhr, Berlin, und Caspar Busse

In der einst hoch angesehenen Zugsparte von Siemens zeichnen sich neue ernste Probleme ab. Nachdem der Konzern bereits die Lieferung von 16 neuen ICE-Zügen für die Deutsche Bahn mehrmals verschieben musste, gibt es jetzt Schwierigkeiten bei einem anderen prestigeträchtigen Auftrag: der Lieferung von zehn Hochgeschwindigkeitszügen für den Eurotunnel-Betreiber Eurostar, eine Tochter der französischen Staatsbahn SNCF.

"Ich gebe zu: Wir haben die Komplexität des Auftrags unterschätzt", sagte Roland Busch, der im Vorstand von Siemens auch für die Zugsparte zuständig ist, der Süddeutschen Zeitung. Die Probleme sind so groß, dass der Konzern für den Eurostar-Auftrag erstmals vorsorglich Rückstellungen bilden muss.

Laut Vertrag sollte Siemens die ersten der zehn Züge Ende 2014 ausliefern. "Wir haben keine Planbarkeit, wegen des komplexen Zulassungsprozesses, deshalb werde ich keinen genauen Liefertermin für den Eurostar nennen", räumte Busch ein. Da der Zug durch vier Länder sowie den Eurotunnel fahre, müsse er mit verschiedenen Zugsicherungstechniken zurechtkommen und von mehreren Behörden zugelassen werden. "Wie lange das dauert, liegt nicht allein in unserer Hand", sagte Busch.

Die Probleme sind auch deshalb peinlich, weil Siemens diesen rund 700 Millionen Euro großen Auftrag vor drei Jahren gegen den Widerstand des französischen Zugherstellers Alstom ergattert hatte. Der Siemens-Konkurrent war bis dahin der Hoflieferant des Tunnelbetreibers Eurostar.

Auch in Deutschland gibt es Probleme

Auch in Deutschland zeichnet sich eine weitere Verzögerung ab. Erst im November hatte der Konzern einräumen müssen, dass es ihm zum wiederholten Male nicht gelingen wird, rechtzeitig zum Fahrplanwechsel im Dezember 16 neue ICE-Züge zu liefern. Grund waren Softwareprobleme, die zu minimalen Verzögerungen beim planmäßigen Abbremsen führten. Außerplanmäßige Schnellbremsungen dagegen funktionierten reibungslos.

Dennoch verweigert das Eisenbahn-Bundesamt bis heute die Zulassung. Ende Januar war die Abstimmung mit dem Bundesamt so weit erfolgt, dass Siemens beginnen konnte, die Züge umzurüsten. Ab Ende Juli könnte dann der Zulassungsprozess erneut beginnen. "Das kann erfahrungsgemäß zwischen vier und 18 Monaten dauern", erklärte Busch. Damit wird die Bahn wohl auch im nächsten Winter auf die Züge verzichten müssen. Für das Verkehrsunternehmen wäre das äußerst ärgerlich, da es die neuen ICE dringend als Reserve benötigt. Eigentlich hätten sie seit Dezember 2011 im Einsatz sein sollen.

Die Probleme beim Eurostar und beim neuen ICE werden die Zahlen von Siemens erneut massiv beeinträchtigen. "Wir werden durch die Bahn-Projekte im abgelaufenen Quartal 2013 erneut eine Sonderbelastung haben", sagte Busch. Diese werde noch höher ausfallen als im Quartal zuvor, damals waren es 116 Millionen Euro gewesen. Eines stellte er jedoch klar: "Aus heutiger Sicht werden das die letzten Belastungen aus den beiden Zugprojekten sein."