Süddeutsche Zeitung

Kampfsport:Zweikampf ohne Waffen - und ohne Regeln

Blut, Schweiß und Bier: Aus Ultimate Fighting ist eine milliardenschwere Show geworden, an der viele verdienen - auch ein bekannter Computer-Milliardär.

Selten passt der Spruch "Du solltest mal den anderen sehen" so gut wie jetzt: Tommy Aaron taumelt durch den Achteck-Käfig, der Schiedsrichter, ein kräftiger Typ mit prächtigem Wikinger-Bart, hält seinen Arm. Aarons rechtes Auge ist zugeschwollen, er hat Schrammen an Stirn, Nase und Lippen. Das Blut tropft nicht von seinem Gesicht, es stürzt wie ein Bergbach hinab. Doch Aaron grinst, er hat gerade sein erstes Profiduell in der Kampfsport-Kombination Mixed Martial Arts gewonnen.

Ihr solltet mal den anderen sehen!

Kampfabend in einer Halle in Südkalifornien: Es riecht nach Blut und Schweiß und Bier, Luxusartikel wie die teure Tasche einer Zuschauerin wirken für sich betrachtet völlig irrsinnig an so einem Ort, gehören jedoch dazu wie Blut und Schweiß und Schiedsrichter mit Wikinger-Bart. Sie nennen Aaron "The Spaniard", wie den Helden aus dem Film "Gladiator". Der Spanier, ein 22 Jahre altes Federgewicht, er kämpft hier für ein paar Tausend Dollar, vor allem aber will er sich empfehlen für die Ultimate Fighting Championship (UFC). Er will Teil eines Vier-Milliarden-Dollar-Imperiums werden.

Ja, schon richtig gelesen: vier Milliarden Dollar. So viel haben der amerikanische Entertainment-Konzern WME-IMG und eine Investorengruppe um den Unternehmer und Milliardär Michael Dell vor wenigen Wochen bezahlt - es gilt als der teuerste Deal der Sportgeschichte. Die Brüder Lorenzo und Frank Fertitta hatten das damals kurz vor der Pleite stehende Unternehmen im Jahr 2001 für zwei Millionen Dollar gekauft und zum weltweit größten Veranstalter von Kampfsport-Spektakeln aufgebaut, der im vergangenen Jahr 600 Millionen Dollar umgesetzt hat.

Ein kleiner Junge, sieben Jahre alt, fragt seine Mutter: "Gegen wen spielt der Spanier als nächstes?" Es ist eine süße, eine unschuldige Frage. Man kann Fußball spielen oder Tennis. Kein Mensch "spielt" Mixed Martial Arts. Beim Mixed Martial Arts, da muss man kämpfen.

Wer am Boden liegt, der wird in Ruhe gelassen

Dieser Unterschied ist wichtig. UFC unterscheidet sich nicht nur von Sportarten wie Fußball oder Tennis, sondern auch von den Kampfdisziplinen Boxen, Judo oder Taekwondo. Es soll eine Antwort sein auf die Frage, die so alt ist wie der Mensch selbst: Wer gewinnt einen Zweikampf ohne Waffen und - vor allem - ohne Regeln? Freilich gibt es bei UFC-Duellen auch Verbote, 31 insgesamt. Aufgrund der Kombination aus verschiedenen Disziplinen verstößt UFC aber gegen ein ungeschriebenes Rauferei-Gesetz: Wer am Boden liegt, der wird in Ruhe gelassen.

Vielen gelten solche Kampfabende deshalb als barbarisches Gladiatorenspiel aus einer längst vergangenen Zeit - anderen als die Sportart des 21. Jahrhunderts. In Las Vegas wurde gerade eine neue Halle eröffnet, direkt auf dem Strip, gegenüber vom MGM Grand. An diesem Samstag tritt Conor McGregor dort zum Rückkampf gegen Nate Diaz an. UFC 202 heißt die Veranstaltung, es werden 18 000 Zuschauer erwartet und mehr als 1,5 Millionen Pay-Per-View-Bestellungen. Die Gesamteinnahmen des Abends dürften bei mehr als 100 Millionen Dollar liegen.

Wie kann eine Sportart, die viele noch nicht einmal für eine Sportart halten, derart erfolgreich sein? Wie kann ein Unternehmen, das vor 15 Jahren für schlappe zwei Millionen Dollar weitergereicht wurde, plötzlich vier Milliarden Dollar wert sein - ohne dass sich das Produkt grundlegend geändert hat?

Politische Unkorrektheit verhilft zu Popularität

Auftritt Dana White. Er ist seit 2001 - und trotz des Verkaufs an WME-IMG auch weiterhin - Präsident und Galionsfigur der UFC, ein bulliger Kerl, Typ Türsteher. Als sich McGregor und Diaz auf der Pressekonferenz am Mittwoch gegenseitig mit Flaschen bewerfen, da gehen keine Sicherheitsleute dazwischen, sondern allein White. Er schickt beide Kämpfer nach draußen und sagt: "Wir sehen uns am Samstag!" Er entschuldigt sich, doch freilich weiß er: Es gibt keine bessere Werbung als einen kleinen Skandal.

White ist der Türsteher der UFC: Er entscheidet, wer hinein darf. Die UFC reguliert und vermarktet sich selbst, ohne nervigen Weltverband darüber und ohne nörgelnde Vereine darunter. White interessiert sich nicht für Befindlichkeiten, Gewichtsklassen oder Ranglisten, lange Zeit interessierte er sich noch nicht einmal für strenge Dopingkontrollen. Er gibt dem Publikum die Kämpfe, für die es bezahlt. Ein Türsteher hat am Ende einer Nacht auch mehr Geld in der Tasche als vorher.

White vermarktet die UFC als die härtere, die ehrlichere, die spektakulärere Variante von Boxen, Kämpfer wie Ronda Rousey und Conor McGregor sind Figuren der Popkultur, wie es früher Mike Tyson oder Muhammad Ali waren. Wladimir Klitschko? Soll froh sein, dass er so spät geboren wurde und nie gegen Tyson oder Ali kämpfen musste. Conor McGregor dagegen, da sind sich die meisten einig, würde bei einer Schlägerei in jeder Kneipe der Welt als Sieger hervorgehen und nebenbei noch den Türsteher vermöbeln.

Expansion nach China

Die politische Unkorrektheit verhalf dem Sport zu Popularität. White und die Fertitta-Brüder waren indes clever genug, sich nicht nur als wilde Rebellen zu stilisieren. Sie mühten sich um Anerkennung durch die Politik, im März erlaubte New York als letzter US-Bundesstaat die Austragung von Kämpfen. Es war ein Meilenstein: New York ist der wichtigste TV-Markt der Welt, das Verbot hielt potenzielle Sponsoren ab. Im November soll es eine Veranstaltung im Madison Square Garden geben, in zwei Jahren wird ein neuer TV-Vertrag verhandelt, der wohl um einiges teurer sein wird als der aktuelle Kontrakt, der etwa 100 Millionen Dollar pro Jahr einbringt. Der neue Eigentümer WME-IMG will zudem nach China expandieren.

Alles prima also in der UFC-Welt? So einfach ist es nicht. Die Fans sehen nicht mehr nur begeistert zu, sie stellen mittlerweile kritische Fragen: Ob es wirklich fair war, McGregor vor seiner Niederlage gegen Diaz im März schnell mal zehn Kilogramm auftrainieren zu lassen. Warum andauernd Kämpfe abgesagt werden, weil schon wieder einer verletzt ist oder mit verbotenen Mitteln im Körper erwischt wurde. Wie streng die vor einem Jahr eingeführten Dopingkontrollen denn wirklich seien. Ob die Athleten tatsächlich ausreichend an den immensen Einnahmen beteiligt werden.

White konnte es sich leisten, diese Fragen bislang zu ignorieren. Die TV-Partner dienten als brave Claqueure, unangenehme Journalisten bekamen keine Akkreditierung zu den Kämpfen mehr. Ein Türsteher muss schließlich auch nicht begründen, warum er einen Möchtegern-Besucher nicht in den Club lässt. Die UFC antwortete auf fünf Anfragen der Süddeutschen Zeitung erst gar nicht, dann wollte sie Fragen vorab per Mail geschickt bekommen - danach begann das Spiel von vorne. Ein Gespräch mit White kam bis heute nicht zustande.

Die Kämpfer beginnen, gegen die Zustände zu rebellieren, sie haben kürzlich eine Gewerkschaft gegründet. 12 000 Dollar für einen Neuling und etwa 400 000 Dollar für einen Titelkampf mag einigen als viel Geld erscheinen, angesichts der gewaltigen Einnahmen der Veranstalter aber sind das eher mickrige Honorare. "Es ist ein Witz. Ich nehme Verletzungen in Kauf, ich muss Trainer und Manager bezahlen und ich kann als Profisportler nicht davon leben, obwohl die Verantwortlichen Millionen verdienen", sagt einer der 532 UFC-Kämpfer, er will seinen Namen nicht in der Zeitung lesen. "Es ist ein gewaltiger Beschiss, doch was soll ich machen? Die UFC hat ein Monopol und nutzt das aus - mit Verträgen, die es so in keiner anderen Sportart geben würde."

An diesem Samstag werden sie den UFC-Kampf in Las Vegas wieder prächtig vermarkten. Tommy Aaron, der Spanier, kämpfte bereits am Freitag. Nicht in der Arena in Las Vegas, sondern wieder in einer Halle in Südkalifornien. "Ich gewinne, ich kämpfe spektakulär - ich habe nichts dagegen, Schläge einzustecken", sagt er: "Ich will in die UFC. Unbedingt." Das sind Worte, die Dana White gerne hört.

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SZ vom 20.08.2016/hgn
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