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Kampf der Bahn gegen den Winter:Eiskalter Betrug

Personenzug steckt in Schneewehe

Mitarbeiter der Deutschen Bahn bergen im Januar 2010 in Mecklenburg-Vorpommern einen Personenzug, der sich im Schnee festgefahren hatte (Symbolbild).

(Foto: dpa)

Winterchaos bei der Bahn? Nicht schon wieder! Das Unternehmen gibt viel Geld aus, um Bahnhöfe und Stationen von Schnee und Eis zu befreien. Geld, das auch Betrüger lockt.

Jedes Jahr im Herbst beschleicht Rüdiger Grube ein mulmiges Gefühl. Er sieht den Nebel aufziehen, die Blätter von den Bäumen fallen - und weiß: Jetzt dauert es nicht mehr lang, bis der erste Schnee kommt. Und ob der Bahnchef es will oder nicht, aber bei dem Wort "Schnee" muss er immer noch an den chaotischen Winter vor drei Jahren denken, als der Bahnverkehr tagelang massiv beeinträchtigt war. Damals hatte sich alle Welt lustig über die Bahn gemacht, weil sie kurz vor Weihnachten die Fahrgäste geradezu angefleht hatte, doch bitte nicht alle gleichzeitig erst am 23. Dezember in den Zug zu steigen. "Bahn rät vom Bahnfahren ab", schrieben die Zeitungen damals spöttisch.

So etwas, das hatte sich Grube fest vorgenommen, dürfe nie wieder passieren. Und so informiert die Bahn mittlerweile jedes Jahr im Herbst ausführlich darüber, was sie alles unternommen hat, um sich auf den Winter vorzubereiten. Das Problem ist nur: Sie kann vieles machen, sie kann neue Enteisungsanlagen für Züge besorgen, weitere Werkstätten eröffnen oder mehr Weichen mit Heizungen ausstatten. Eines aber kann sie nicht: das ganze Jahr über Tausende Arbeitskräfte vorhalten, nur damit sie im Winter mit ihren Schneeschaufeln blitzschnell jeweils da hingeschickt werden können, wo es gerade geschneit hat.

Deshalb beauftragt die Bahn - wie viele andere Unternehmen auch - für die Winterdienste externe Dienstleister. Allerdings geht es bei ihr nicht nur um ein paar Hofeinfahrten oder Kunden-Parkplätze, sondern um 5700 Bahnhöfe und Stationen. Damit bundesweit rund um die Uhr genügend Firmen bereit stehen, um im Fall der Fälle an jeder Station rasch Schnee zu schippen, gibt die Bahn jährlich 30 Millionen Euro aus. Eine Summe, die Begehrlichkeiten weckt - zunehmend auch bei Kriminellen, wie zwei Fälle zeigen, die der Süddeutschen Zeitung vorliegen.

Im ersten Fall hatte die Bahn ein Unternehmen mit Winterdiensten in Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern beauftragt. Die Firma teilte die Namen von mehr als tausend Mitarbeitern mit, die angeblich bei Bedarf zu den Einsatzorten geschickt würden. Weil der Schienenverkehr jedoch mit Risiken verbunden ist, wollte die Bahn Nachweise darüber, dass jeder die notwendigen Einweisungen erhalten hat. "Damit nicht plötzlich jemand die Gleise kehrt, obwohl dort gleich ein Zug vorbeifährt", sagt Josef Niemann, der bei der Bahn ein Team von 20 Juristen, Betriebswirten und Ingenieuren leitet, die bei Verdacht auf Wirtschaftskriminalität ermitteln. Doch die Firma legte nur für die Hälfte der Beschäftigten Protokolle über eine Einweisung vor. "Da wurden wir stutzig und schauten genauer hin", sagt Niemann.

Die Firma wurde aufgefordert, der Bahn die Sozialversicherungsnummern sämtlicher Mitarbeiter zu nennen, die den Winterdienst erbringen sollen. Doch der Dienstleister reagierte nicht. Es gab ein längeres Hin und Her. Auf einmal trug die Firma vor, sie habe drei Subunternehmer beauftragt. "Das aber hätte nur gegen Absprache erfolgen dürfen", sagt Niemann. Was sich nach aufwendigen Recherchen herausstellte, übertraf all seine Erwartungen: "Bei der Firma, die behauptet hatte, über mehr als tausend Mitarbeiter zu verfügen, arbeiteten im Schnitt knapp 30 Angestellte. Und die drei angeblichen Subunternehmer hatten jeweils höchstens drei Mitarbeiter." Beim Gedanken daran schüttelt er den Kopf. "Die Firma wollte ganze 1,3 Millionen Euro von uns, obwohl sie nicht mal 40 Mitarbeiter einsetzen konnte."

Als Opfer ist die Bahn beliebt

Die Bahn erstattete Strafanzeige wegen Betrugs und verweigerte die Zahlung. Ersatzweise musste sie jedoch andere Winterdienste beauftragen. Alles in allem entstand ihr ein Schaden von fast einer Million Euro. Wer ihn zu tragen hat, wird derzeit noch vor Gericht ausgefochten.

Auch im zweiten Fall versuchte ein Unternehmen auszunutzen, dass die Bahn nicht an allen Stationen selbst kontrollieren kann, ob und wie Schnee geräumt wurde. Die Firma arbeitete bereits seit mehreren Jahren für die Bahn. Im vergangenen Winter sollte sie sich um 801 Stationen in vier Bundesländern kümmern. Es war vereinbart worden, dass sich der Räumdienst am jeweiligen Objekt über sein Handy bei einer GPS-Datenbank an- und abmeldet. "Damit hatten wir wenigsten ein bisschen die Kontrolle darüber, wann es wo zu Einsätzen kommt", sagt Peter Gänßle, der bei der Bahn die Betrugsermittlungen leitet.

Die Firma versuchte dennoch zu tricksen: In ihrer Endabrechnung forderte sie zusätzlich zu bereits geleisteten Abschlagszahlungen weitere 1,2 Millionen Euro. "Man legte uns jede Menge Stundennachweise vor, die nicht zu den Einträgen aus der GPS-Datenbank passten", sagt Gänßle. "Beispielsweise hieß es plötzlich, es seien vier statt nur zwei Mitarbeiter vor Ort gewesen. Auch mussten wir feststellen, dass Tage berechnet wurden, an denen es gar nicht geschneit hatte." Die Bahn ist überzeugt, dass sie nichts mehr schuldet, sondern im Gegenteil 200.000 Euro zurückverlangen kann.

Als Opfer ist die Bahn beliebt. Weltweit kauft sie pro Jahr für 20 Milliarden Euro ein. "Häufig in Bereichen, die das Bundeskriminalamt als besonders betrugsanfällig bezeichnet", sagt Niemann und verweist etwa auf das Schienenkartell, bei dem die Bahn jahrelang zu teure Schienen gekauft und einen Schaden von 500 Millionen Euro erlitten hatte. "Doch wir gehen jedem Verdacht nach und ziehen gegebenenfalls auch vor Gericht", sagt Niemann. Auf diese Weise hat die Bahn unter anderem bei Winterdiensten innerhalb von drei Jahren 4,5 Millionen Euro zurückerhalten.