Kamala Harris:Nicht ohne mein Kabel

Lesezeit: 2 min

U.S. Vice President Kamala Harris promotes the Bipartisan Infrastructure Law, in Charlotte

Kamala Harris mag Kabelkopfhörer.

(Foto: Chris Keane/Reuters)

Die US-Vizepräsidentin mag Kopfhörer mit altmodischer Verkabelung. Ist das altmodisch oder sicherheitsbewusst?

Von Jannis Brühl

Es wird eine große Arbeitserleichterung sein für die Archäologen, die irgendwann die Brösel unserer Kultur ausgraben. Finden sie kleine weiße Stöpsel, können sie die Fundstätte schon einmal grob auf die frühen Zwanziger des 21. Jahrhunderts datieren. Das liegt daran, dass die Plastikgehäuse von Apples "Airpods" schlecht verrotten. Und daran, dass die kabellosen Kopfhörer des Konzerns und seiner Konkurrenten heute die Ästhetik des Alltags prägen.

Weshalb Kamala Harris wirkt wie eine Zeitreisende. Die US-Vizepräsidentin nutzt, soweit man weiß, ausschließlich Kopfhörer mit jenen weißen Kabeln, die noch vor einem Jahrzehnt die damals raren iPhone-Besitzer verrieten. Die Kabel baumeln an ihr in Interview-Schalten oder Wahlkampf-Spots. Auch in jenem Video im November 2020, in dem sie beim Joggen von ihrem Sieg erfährt und Joe Biden per Handy zur Präsidentschaft gratuliert, knüllt Harris das Kabel in einer Hand.

Nun erklärte die US-Webseite Politico Harris zur "Bluetooth-Phobikerin", die nicht auf der Höhe der Zeit sei. Bluetooth ist der Funkstandard, über den sich moderne Kopfhörer und andere Geräte drahtlos mit Smartphones verbinden. Dabei ist Harris nicht die einzige, an der sich die Retro-Optik beobachten lässt. Weil Models wie Bella Hadid schamlos verkabelt durch Innenstädte laufen, rief das Wall Street Journal vergangenen Monat schon eine Gegenbewegung zur Drahtlosigkeit aus. Der Instagram-Account @wireditgirls verspricht unterdessen "heiße Girls mit verkabelten Kopfhörern" und fordert Frauen auf, Fotos einzusenden.

Im Falle von Kamala Harris bemängeln nun Feministinnen: Berichterstattung über sie konzentriere sich auf Nebensächliches wie Kopfhörer - weil sie eine Frau sei. Auch Fachleute für IT-Sicherheit springen Harris zur Seite. Sie verhalte sich nicht technophob, sondern vorbildlich. Offenbar habe sie begriffen, dass Bluetooth ein Einfallstor für Hacker ist.

In dem Standard finden sich immer wieder Sicherheitslücken. Ist Bluetooth eingeschaltet, sendet das Handy ein Signal, über das es geortet werden kann. Nils Ole Tippenhauer vom Helmholtz-Zentrum für Informationssicherheit sagt: "Grundsätzlich halte ich Sicherheitsbedenken gegenüber Bluetooth bei hochrangigen Politikern für angemessen." Angreifer mit teurer Ausrüstung könnten mithören - die Kopfhörer haben ja Mikros zum Telefonieren - und theoretisch gar Gesprächsinhalte manipulieren. Jiska Classen, Sicherheitsforscherin an der TU Darmstadt, sagt: "Airpods bieten Angriffsmöglichkeiten, die es über Kabel nicht gibt." Hacker könnten Sicherheitslücken ausnutzen und über die Sprachassistentin Siri Befehle ans Handy schicken. Dazu müssen sie sich allerdings auf weniger als 100 Meter an das Opfer heranschleichen.

So eine anspruchsvolle Attacke dürfte Normalbürger kaum treffen. Wer dennoch sichergehen möchte, sollte im Handy nicht mehr genutzte Verbindungen zu Geräten lösen, Siri ausschalten und auch Bluetooth, solange es nicht benötigt wird. Allerdings gibt es da ein Dilemma in der Pandemie: Ist Bluetooth ausgeschaltet, funktioniert die Corona-Warn-App nicht.

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