Kalifornien Entgleist

Die Tehachapi-Berge müssten für das Vorhaben untertunnelt werden – und das gilt als schwierig und teuer.

(Foto: Reed Saxon/AP)

Kalifornien kürzt die geplante Express-Trasse zwischen Los Angeles und San Francisco erheblich ein. Ganz gebaut wird die Strecke wohl nie.

Von Christian Zaschke, New York

Wer die rund 650 Kilometer zwischen Washington und Boston mit dem Zug zurücklegt, erlebt eine achtstündige Fahrt mit teils schönen Ausblicken und wird dabei ordentlich durchgeschüttelt. Der Acela, der auf der Strecke verkehrt, gehört zu den modernsten Zügen der USA, und doch fühlt es sich an, als schaukle man im D-Zug durch die Lande.

In Kalifornien wollten sie der Ostküste zeigen, dass das auch anders geht. Schließlich versteht sich Kalifornien als der Staat, in dem die Zukunft gemacht wird. Im Jahr 2008 stimmten die Bürger dafür, knapp zehn Milliarden Dollar Steuergeld als Anschubfinanzierung zur Verfügung zu stellen, um eine Hochgeschwindigkeits-Bahnstrecke von San Francisco nach Los Angeles und schließlich gar nach San Diego zu bauen. Insgesamt sollten sich die Kosten auf 33 Milliarden Dollar belaufen, es war geplant, dass die ersten Züge schon 2020 unterwegs sind.

Das wäre ein Zeichen nicht nur an die Ostküste, sondern an die ganze Nation gewesen: Seht her, der Zug kann auch in diesem riesigen Land das Verkehrsmittel der Wahl sein. Umweltfreundlicher als das Flugzeug, trotzdem komfortabel und schnell. Zwei Stunden und 40 Minuten sollte die Fahrt von San Francisco nach L.A. dauern.

Mit bis zu 100 Milliarden Dollar Baukosten rechneten Beobachter zuletzt für die neue Trasse

Nun aber lautet die Frage nicht mehr, wann der erste Hochgeschwindigkeitszug zwischen den beiden größten Städten Kaliforniens verkehren wird, sondern ob es jemals dazu kommt. Dass es nicht bereits 2020 so weit sein würde, war schon länger klar. Innerhalb kürzester Zeit nach Beginn der Planungen stiegen die geschätzten Kosten auf 77 Milliarden Dollar, manche Experten gingen davon aus, dass 100 Milliarden Dollar eine realistischere Zahl sei. Als Jahr der Fertigstellung wurde 2033 angepeilt.

In dieser Woche hat sich Kaliforniens neuer Gouverneur Gavin Newsom in seiner erste Rede zur Lage des Staates an die Bürger gewandt. Das Projekt werde ein wenig verkleinert, sagte er. Es solle zunächst nur ein kleinerer Teil im Central Valley gebaut werden, zwischen den Städten Bakersfield und Merced. Man muss sich das ungefähr so vorstellen, als hätte man in Deutschland entschieden, man wolle jetzt endlich München und Hamburg verbinden - und dann nach einer Weile gesagt, man verlege aber einstweilen nur zwischen Fulda und Kassel Schienen. Die meisten Beobachter gehen davon aus, dass das Projekt damit tot ist.

Hochgeschwindigkeitszüge sind in den USA seit jeher umstritten. Die Demokraten preisen sie als umweltfreundliche Alternative zum Flugzeug. Die Republikaner lehnen sie ab, weil sie zu teuer seien. In Florida zum Beispiel haben die Republikaner öffentliche Mittel für den Bau einer Hochgeschwindigkeitstrasse von Tampa nach Orlando verweigert, weil die Belastung für die Steuerzahler zu groß geworden wäre. Pläne, die Strecke von New York nach Boston zu modernisieren, scheitern regelmäßig am Widerstand der Kommunen entlang der Route. Eine Ausnahme ist Texas, wo derzeit an einer Verbindung von Fort Worth nach Dallas und Houston gearbeitet wird. Die ist allerdings privat finanziert.

Das Projekt gilt als schwierig: Kalifornien ist dicht besiedelt und dazu geologisch heikel

Gouverneur Newsom bestreitet, dass das Projekt mit seiner Ankündigung am Ende sei. Er halte die Option offen, dass eines Tages die komplette Strecke gebaut wird. Das gilt allerdings als höchst unwahrscheinlich. Das Stück im Central Valley, das nun entstehen soll, ist der Teil, der am vergleichsweise einfachsten zu bewerkstelligen ist. Das liegt daran, dass die Gegend weniger dicht besiedelt ist als die Metropolregionen, und dass sie geologisch kaum Herausforderungen stellt.

In der Nähe von San Francisco und Los Angeles sollte die Strecke auf langen Brücken verlaufen, wogegen sich die Gemeinden gewehrt haben. Südlich von Bakersfield müssten die Tehachapi-Berge untertunnelt werden, was als ausgesprochen schwierig gilt. Zudem ging der Plan nicht auf, die Kosten zwischen dem Staat Kalifornien, privaten Investoren und der Regierung in Washington zu teilen. Die Privatwirtschaft zeigte kaum Interesse, in Washington haben die Republikaner die Macht übernommen. Daher sieht es derzeit nicht so aus, als werde die Strecke jemals fertig gebaut.

Ein Zeichen an das Land hatte das Projekt werden sollen. Das ist es nun wohl tatsächlich geworden, wenn auch ganz anders als geplant.