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Kakaomarkt:Heiße Schokolade

FILE PHOTO:  A woman winnows cocoa beans in Sankadiokrou

Mehr als 60 Prozent des Kakaos kommen aus nur zwei Anbauländern: Elfenbeinküste und Ghana. Jede Nachricht von dort beeinflusst den Kakaopreis enorm, auch weil Spekulanten kräftig mitmischen.

(Foto: Thierry Gouegnon/Reuters)

Der Preis für die Bohnen schießt nach oben. Börsen-Zocker befeuern den Trend. Nun formen die wichtigen Anbauländer ein Kartell. Wird aus den Bohnen bald braunes Gold?

Wenn das afrikanische Land Elfenbeinküste seine Ernteprognose für Kakao zurückfährt, interessiert das viele Schokoesser nicht die Bohne. Hans-Werner Lembke jedoch hat die Meldung rot markiert und am Ende mit einem Ausrufezeichen versehen. Lembke ist Kakaomakler, 40 Jahre im Geschäft. Er weiß, wenn die Elfenbeinküste schwächelt, ist der Kakaomarkt in Aufruhr. Lagerbestände, Wetterkarten, Ernteprognosen - das sind die Daten, die den Takt von Lembkes Leben bestimmen - und wie teuer der Rohstoff ist, aus dem später Schokolade wird.

"Seit Jahresbeginn knallt es auf dem Kakaomarkt", meint Lembke. Der Preis für die kleinen Bohnen hat seit Anfang Januar um ein Drittel zugelegt. 2595 Dollar pro Tonne zeigt die Preisstatistik der Internationalen Kakaoorganisation ICCO aktuell. Der wachsende Schokohunger der Welt trifft auf eine enttäuschende Ernte. Und es gibt noch eine schlechte Nachricht für Verbraucher: Die größten Anbauländer gaben diese Woche bekannt, ihre Kakaostrategie künftig koordinieren zu wollen. Sie könnten den Kakao noch knapper machen.

Wer das Geschäft mit den kleinen Bohnen verstehen will, muss in den Kakaogürtel schauen, 20 Grad nördlich und südlich des Äquators. Vor allem in der Elfenbeinküste und Ghana wächst die Pflanze mit dem klangvollen botanischen Namen Theobroma cacao. Aus den beiden Ländern kommen mehr als 60 Prozent des weltweiten Kakaos. Ein exklusiver Rohstoff: Nur vier Millionen Tonnen Kakao werden pro Jahr produziert. Zum Vergleich, bei Weizen sind es 740 Millionen Tonnen. Schon kleinste Nachrichten und Gerüchte lassen den Kakaomarkt daher zittern. Makler Lembke erinnert sich noch genau, wie ihn Anfang März erste Meldungen aus der Elfenbeinküste erreichten: In Vorab-Auktionen habe das Land 170 000 Tonnen mehr Kakao verkauft, als die Bauern wohl ernten werden. "Schon steht im Raum, dass einige zuvor vertraglich zugesicherte Lieferungen nicht erfüllt werden können", schreibt Kakaoanalystin Michaela Kuhl von der Commerzbank. Vermutlich haben die ivorischen Behörden sich schlichtweg verschätzt, auf eine zu gute Ernte gesetzt. Mitte März dann die nächsten Meldungen: Der zweitgrößte Kakaoproduzent Ghana korrigierte seine Ernteprognose um 200 000 Tonnen nach unten. Diese Woche gaben die wichtigsten Erzeugerländer der Preisrallye weitere Nahrung: Anfang der Woche unterzeichneten Ghana und die Elfenbeinküste einen Kakodeal, in dem es heißt, beide Länder wollten "ihre Marketingpolitik harmonisieren". Was genau die beiden Länder damit meinen, ließ der ghanaische Seniorminister Yaw Osafo-Maafo vergangene Woche durchblicken: "Wir sollten eine Art Opec in der Kakaoindustrie haben." Analog zur Politik des Ölgiganten-Klubs könnten die Kakaoländer die Menge der angebotenen Bohnen am Markt steuern, um so den Preis zu treiben. Denn sie kontrollieren und regulieren das Geschäft mit dem Kakao in ihren Ländern. Experten sind jedoch skeptisch, ob die Strategie der Regierungen aufgeht. "Die können doch den Bauern nicht sagen: Produziert einfach mal weniger", sagt Kakaomakler Lembke. Kakao einlagern wäre beim feuchten Klima dort schwierig.

Rohstoffspekulanten sind solche Zweifel egal. Ihnen reichen oft schon Schlagzeilen, um mit den kleinen Bohnen das große Geschäft zu machen. Inzwischen handeln sie an den Rohstoffbörsen in New York und London das 40-Fache der jährlichen Kakaoernte, das heißt, die Ware wechselt auf dem Blatt unzählige Male den Besitzer, bevor sie tatsächlich in einer Schokoladenfabrik verarbeitet wird. Kein Spekulant will sich die Bohnen ins Büro liefern lassen. Mit Finanzinstrumenten wetten Profianleger, ob der Preis künftig fällt oder steigt. "Dass an den Kakaobörsen auf den Rohstoff spekuliert wird, spielt eine Rolle beim aktuellen Preisanstieg", sagt Analyst Daniel Bürki von der Zürcher Kantonalbank. Vor allem nach dem Kurssturz an den Aktienmärkten Anfang Februar haben viele professionelle Investoren ihr Geld in Rohstoffe gesteckt, um Verluste auszugleichen. Trotz höherer Preise werden die Kakaobauern von ihrer Arbeit nicht reich, das Geschäft machen andere. Denn viele Kleinbauern stehen der Macht weniger großer Konzerne wie Barry Callebaut, ADM oder Cargill gegenüber. "Die Einkommenssituation der Bäuerinnen und Bauern ist dramatisch schlecht", sagt Kakaofachmann Friedel Hütz-Adams vom entwicklungspolitischen Südwind-Institut. So bleiben Landwirte in der Elfenbeinküste nur rund 50 Dollarcent pro Tag, oft müssen Kinder auf den Plantagen mitarbeiten. Schokolade haben viele von ihnen noch nie gegessen.