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Kaffeekultur:Der Kunde schluckt's

Tchibo - Kaffee

Kaffee ist der Deutschen liebste Droge: Überall verfügbar und gesellschaftlich völlig akzeptiert hält er viele am Laufen.

(Foto: dpa)

Oma trank noch Blümchenkaffee, heute gibt es bunte Kapseln. Dabei suggeriert die Werbung den Verbrauchern nur, es gebe da etwas Neues, Leckeres.

Von Jan Willmroth 

Die Suche nach dem "gewissen Etwas", das hier versprochen wird, beginnt in einer Warteschlange. Irgendwo muss es verborgen sein, gut versteckt in den vielen Tausend Aluminiumkapseln, die den Kunden in der Nespresso-Boutique in München umgeben. Das Licht ist warm, fast golden, der Boden mit schwarzem Stein gefliest. Hinter der Theke stecken lächelnde junge Damen im Akkord Kaffeekapseln in kleine Maschinen, ein "Dhakan", bitte, so heißt das hier. Für Kaffee wurden mit den Jahren viele Fantasienamen erfunden.

Viele neue Werbeversprechen, die Menschen dazu bringen, unverändert langweiligen Kaffee in neuem Gewand zu kaufen. So ist die Geschichte der Kapsel auch eine kaum zu überbietender Vermarktung.

Kaffee - das einzige überall verfügbare Rauschmittel

Und es ist ein Geschäft, das von der Fantasie lebt. Gemessen an der Zahl der Kunden an einem Adventssamstag in einer deutschen Großstadt ist Kaffee in Aluminiumkapseln ein Faszinosum, das vor allem Menschen aus der oberen Hälfte der Gesellschaft anzieht und sie knallbunte Kaffeemaschinen samt Zubehör verschenken lässt. Kaffee für bis zu 42 Cent pro Kapsel: Ist das jetzt edel? Was überwiegt hier: die Überzeugung, besonderen Genuss zu kaufen, oder doch nur die Bequemlichkeit, Maschine an, Kapsel rein, Kaffee schlürfen?

Es ist nicht übertrieben, Kaffee als Lebenselixier zu bezeichnen, zumindest für jene drei Viertel der Bevölkerung, die ihn regelmäßig trinken. Er macht Menschen wach und leistungsfähig, er hat eine soziale Funktion und verbindet, er hat eine ganze Kultur entstehen lassen und einen Markt, der immer weiterwächst und ständig neue Segmente erfindet. Kaffee ist Treibstoff der Leistungsgesellschaft, das meistgetrunkene Getränk, das einzige zu jeder Tageszeit akzeptierte, überall verfügbare Rauschmittel.

Seit 1996 gibt es den Kaffee "to go"

Und eines, dessen Darreichungsform sich in wenigen Jahrzehnten sehr deutlich gewandelt und vervielfältigt hat. Blümchenkaffee: Sinnbild aus deutschen Haushalten, kleine Porzellantassen befüllt mit dünnem Filterkaffee, durch dessen hellbraune Farbe die Blumen auf der Innenseite noch zu sehen sind. Heute: Alu-Kapseln. Iced Caramel Macchiato. Der Starbucks-Weihnachtsbecher, für die Netzöffentlichkeit Anlass genug, darüber zu debattieren, ob es denn ausreichend weihnachtlich ist, wenn der Mitnehm-Becher einfach nur rot ist statt weiß.

Den ersten Kaffee auf die Hand soll es in Deutschland 1996 gegeben haben, schreibt die Deutsche Umwelthilfe (DUH) in einer Studie, die sie im Oktober veröffentlicht hat. Eine repräsentative Umfrage der Tankstellenkette Aral ergab, dass 70 Prozent der Verbraucher gelegentlich oder besonders häufig zu Coffee-to-go-Bechern greifen. Er ist außen meist aus Papier und innen aus Plastik, ein sogenannter Verbundstoff und lässt sich nicht recyceln. Große Zahlen hat die DUH ausgerechnet: 2,8 Milliarden Wegwerf-Becher sollen es inzwischen pro Jahr in Deutschland sein, 320 000 pro Stunde, 34 pro Person und Jahr.

Und die Kapseln? Werden immer beliebter. In neun Jahren, schrieb die Stiftung Warentest vor wenigen Wochen, habe sich der Absatz verzwanzigfacht; der deutsche Kaffeeverband kommt auf annähernd drei Milliarden Kapseln, die Kaffeetrinker 2014 verbraucht und ziemlich sicher nicht immer angemessen recycelt haben. 5000 Tonnen Aluminium oder Alu-Kunststoff-Gemisch. Mehr Vielfalt, mehr Müll. Das gewisse Etwas, das gewisse etwas mehr Abfall.

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