Junge Hartz-IV-Empfänger Junge Menschen - gefangen im Hartz-IV-System

Männer in Frankfurt (Oder) vor der Agentur für Arbeit. In Europa hat es nur Deutschland geschafft, die Jugendarbeitslosigkeit unter zehn Prozent zu senken.

(Foto: Patrick Pleul/dpa)
  • In Deutschland ist die Jugendarbeitslosigkeit im europäischen Vergleich nur gering.
  • Doch eine neue Studie zeigt, dass zuletzt wieder mehr Menschen unter 25 Hartz IV beziehen mussten. Und die Armut der Betroffenen verfestigt sich zunehmend.
Von Thomas Öchsner, Berlin

Vor knapp zwei Jahren war noch von Europas Tragödie die Rede, von der verlorenen Generation. Jetzt wird über arbeitslose Jugendliche nur noch wenig diskutiert: Dabei ist in Italien immer noch mehr als jeder dritte der unter 25-Jährigen arbeitslos, in Griechenland jeder zweite, in Frankreich immer noch jeder vierte. Nur Deutschland hat es nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit (BA) als einziges Land in Europa geschafft, die Jugendarbeitslosigkeit unter zehn Prozent zu senken. Ein Erfolg - so sieht es auch Wilhelm Adamy, Arbeitsmarktexperte des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB).

Doch in den Statistiken gibt es auch Schattenseiten. Dies zeigt eine neue DGB-Studie, die Adamy verfasst hat und der Süddeutschen Zeitung vorliegt. So ist die Zahl der Hartz-IV-Empfänger zwischen 15 und 24 Jahren von 2014 zu 2015 erstmals seit Jahren wieder leicht um 8600 auf 746 000 gestiegen. Etwa 300 000 junge Menschen sind sogar schon seit vier Jahren auf die staatliche Grundsicherung angewiesen. Der DGB-Experte spricht deshalb von einer "Verfestigung von Armutslagen im Hinterhof unserer Wohlstandsgesellschaft".

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Nicht jeder, der Hartz IV bezieht, ist automatisch als Arbeitsloser registriert. Bei den unter 25-Jährigen geht ein großer Teil noch zur Schule, studiert, macht eine Ausbildung, lebt aber bei den Eltern, die selbst hilfebedürftig sind. Die andere große Gruppe ist tatsächlich auf Jobsuche und benötigt deshalb die staatliche Hilfe. Andere sind krank oder stehen dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung, weil sie kleine Kinder erziehen oder Eltern pflegen.

Viele Betroffene haben keinen Schulabschluss

Tatsächlich waren deshalb im März 2016 gerade einmal knapp 150 000 Hartz-IV-Empfänger zwischen 15 und 24 Jahren als arbeitslos gemeldet. Ihre Chancen, aus dem Fürsorgesystem des Staates wieder herauszukommen, sind laut Adamys Analyse allerdings schlecht. Dies zeigt vor allem ein Vergleich zu jungen Menschen, die schon mal länger gearbeitet, den Job verloren haben und daher Arbeitslosengeld I statt Hartz IV erhalten. Diese finden schneller eine Stelle als junge Arbeitslose im Hartz-IV-Bezug, und sie halten es dort auch länger aus.

Haben jugendliche Hartz-IV-Empfänger einen sozialversicherungspflichtigen Job gefunden, ist schon ein Drittel nach drei Monaten nicht mehr regulär beschäftigt, nach 12 Monaten gilt dies sogar für mehr als die Hälfte. Die Eingliederungschancen der jüngeren Hartz-IV-Bezieher sei "drei- bis viermal ungünstiger als die der Gleichaltrigen", die Geld aus der Arbeitslosenversicherung erhalten. Sie liefen Gefahr, "zu Verlierern auf dem Arbeitsmarkt zu werden". Adamy führt dies auch auf die Bildungsarmut in dieser Gruppe zurück: "Gut ein Viertel der auf staatliche Fürsorge angewiesenen jüngeren Arbeitslosen hat keinen Schulabschluss."

Ob bei der Berufsausbildung, der Weiterbildung oder bei Ein-Euro-Jobs, zuletzt ist die Zahl der Fördermaßnahmen für junge Hartz-IV-Bezieher zurückgegangen, wird in der Untersuchung kritisch angemerkt. Zu selten gebe es "langfristige Förderpläne". Die Jobcenter seien nach wie vor so gesteuert, dass die Mitarbeiter zu sehr auf kurzfristig statt auf langfristig erfolgreiche Vermittlungen setzten.

DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach fordert nun eine bessere Jugendhilfe, sodass die Angebote "tatsächlich und flächendeckend zur Verfügung stehen". Bund und Länder müssten bessere Möglichkeiten schaffen, einen Hauptschulabschluss nachzuholen. Außerdem sei es dringend nötig, die Vermittlung von Ausbildungsplätzen für junge Menschen aus Hartz-IV-Familien von den Jobcentern auf die Arbeitsagenturen zu übertragen. Hier dürfe es kein "Zwei-Klassen-System geben", das vom Einkommen der Eltern abhängig sei.

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