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Streamingdienste:Joyn will nach Österreich expandieren

Die erste deutsche Video-on-Demand-Serie jerks. bei maxdome

Die vierte Staffel kommt erst im Sommer 2021: „Jerks“ mit Fahri Yardim (links) und Christian Ulmen.

(Foto: Andre Kowalski/obs)

Die werbefinanzierte Streaming-Plattform Joyn hat ein Jahr nach dem Start vier Millionen Nutzer. Doch die vierte Staffel der Serie "Jerks" kommt wegen Corona erst 2021.

Sofa und Fernsehen, so sind in den vergangenen Monaten viele über die Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen der Corona-Krise gekommen. Fernsehsender und Streamingdienste haben davon deutlich profitiert - darunter auch die Plattform Joyn, die an diesem Donnerstag seit genau einem Jahr online ist. "Die Menschen suchen Unterhaltung und haben die Zeit dafür", sagen Katja Hofem und Alexandar Vassilev im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung. Man verzeichne deshalb gutes Wachstum in der Corona-Krise. Vassilev war viele Jahre für Google tätig und ist Chef von Joyn, Hofem kommt vom Gesellschafter Pro Sieben Sat 1 und ist Joyn-Programm-Geschäftsführerin. Die Streaming-Plattform hat derzeit knapp vier Millionen Nutzer. Allein seit Januar dieses Jahres ist die Zahl um gut 25 Prozent gestiegen. Die App wurde bisher zehn Millionen Mal heruntergeladen.

"Wir wollen weiter schnell wachsen, vielleicht noch schneller", sagt Vassilev zum einjährigen Bestehen. Und: "Wir arbeiten daran, Joyn auch nach Österreich zu bringen, hoffentlich noch in diesem Jahr." Eine Expansion in weitere Märkte sei zudem denkbar. "Überall gibt es eine ähnliche Ausgangslage wie in Deutschland, überall gibt es Bedarf an einer neuen innovativen und offenen Plattform. Wir führen viele Gespräche", betont er.

Joyn - eine Mischung aus joy (Freude) und to join (verbinden) - gehört zu je 50 Prozent Pro Sieben Sat 1 und dem US-Medienkonzern Discovery. Zu sehen sind unter anderem 60 Fernsehsender live, darunter die von Pro Sieben Sat 1, aber auch eine Reihe anderer privater und öffentlich-rechtlicher Programme. Gleichzeitig kann man Serien, Filme und Shows streamen. Maxdome, die frühere Videoplattform von Pro Sieben Sat 1, ist in Joyn aufgegangen. Neben dem werbefinanzierten kostenlosen Angebot gibt es seit sechs Monaten den bezahlpflichtigen Teil Joyn-plus, bei dem Zuschauer weitere Programme für sieben Euro im Monat abonnieren können.

Die Konkurrenz von RTL soll möglichst bald überholt werden

Nach Schätzungen kommt Joyn derzeit unter den Streamingdiensten in Deutschland auf einen Marktanteil von gut elf Prozent. Die Konkurrenz ist hart: Um die Zuschauer buhlen viele große Streamingdienste, vor allem Netflix, Amazon Prime und inzwischen auch Disney Plus. Daneben bietet die Deutsche Telekom Magenta-TV an, es gibt die Bezahl-Plattform Sky. Die RTL-Gruppe, die zum Bertelsmann-Konzern gehört und die eine Zusammenarbeit mit Joyn bislang ablehnte, ist mit TV-Now am Markt und hat derzeit etwa eine Million Zuschauer mehr als Joyn. "Die Lücke zu TV-Now werden wir schnell schließen und die Konkurrenz überholen", kündigt Vassilev nun an.

Joyn setzt wie die Konkurrenz dabei auf eigene exklusive Inhalte, besonders für jüngere Zuschauer. "Wir planen bis zu zwölf eigene Produktionen pro Jahr. Die Pipeline ist sehr voll", sagt Geschäftsführerin Hofem. Denn gerade dese eigenen Inhalte seien sehr erfolgreich und gehörten zu den beliebtesten Sendungen bei den Zuschauern. Zuletzt waren bei Joyn etwa die Comedy-Serie "Frau Jordan stellt gleich" mit Katrin Bauerfeind oder die Reality-Show "Slavik - auf Staats Nacken" mit dem Youtuber Slavik Junge zu sehen. "Für diesen August planen wir eine weitere neue Reality-Show mit einer Prominenten, die nach der Liebe ihres Lebens sucht", kündigt Hofem an. Diese werde derzeit unter Corona-Standards produziert.

Das Virus sorgt aber auch für Probleme, einige Produktionen mussten wegen der Corona-Pandemie verschoben werden. "Die vierte Staffel unserer Serie "Jerks" wird nicht Ende des Jahres, sondern erst im Sommer 2021 starten", kündigt Hofem an. "Für Weihnachten planen wir aber ein Jerks-Christmas-Special, exklusiv auf Joyn", sagt sie. Für Empörung hatte zuletzt die Dating-Serie M.O.M gesorgt, es gab Beschwerden beim Deutschen Werberat, Bayerns Landtagspräsidentin Ilse Aigner (CSU) sagte, die Kampagne verletze die Menschenwürde. In der Joyn-Serie geht es um die Rolle des Alters beim Verlieben. Ein 28-Jähriger und ein 57-Jähriger lernen Frauen im Alter zwischen 24 und 46 Jahren kennen. Hofem sagt, man sei überrascht gewesen über die vielen negativen Reaktionen. Die Kampagne sei aber gestoppt worden, Folgen neu vertont worden. Die Resonanz der Zuschauer sei gut.

Joyn sei ein wichtiger Teil der Konzernstrategie, hatte zuletzt der neue Vorstandssprecher von Pro Sieben Sat 1, Rainer Beaujean, betont. Dessen Vorgänger Max Conze, der im März überraschend schnell ausschied, hatte ursprünglich als baldiges Ziel zehn Millionen Joyn-Nutzer ausgegeben. Dies wird nicht mehr wiederholt. Joyn-Chef Vassilev betont aber, es sollen weiter Marktanteile gewonnen werden. Und: "Wir wollen natürlich so schnell wie möglich profitabel werden."

© SZ vom 16.06.2020
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