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Jobs:Schicksal: Vater

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Eine Frau auf dem Weg zur Agentur für Arbeit in Wiesbaden.

(Foto: Arne Dedert/dpa)

Wird Arbeitslosigkeit in gewisser Hinsicht vererbt? Eine Langzeitstudie über 20 Jahre legt das nahe. Denn Söhne von Arbeitslosen finden schwerer eine neue Stelle.

Die Arbeitsagenturen in Deutschland sind gewohnt, sich um Arbeitslose zu kümmern - und nur um sie. Schließlich ist es ihre Aufgabe, den Jobsuchern eine Stelle zu vermitteln. Michael Kind glaubt, dass dieser Ansatz auf die Familie der Jobsucher erweitert werden sollte. Der Ökonom des Essener Wirtschaftsinstituts RWI hat etwas Verstörendes herausgefunden: Wenn ein Vater keine Stelle hat, brauchen seine erwachsenen Söhne deutlich länger als andere, um nach ihrer Ausbildung Beschäftigung zu finden.

Kind untersuchte für seine Studie, die der Süddeutschen Zeitung vorliegt, in einem Zeitraum von 20 Jahren den Weg von mehr als 1000 Söhnen. Ergebnis: Ist der Vater ohne Stelle, halbiert sich für den Sohn in den ersten drei Jahren nach Ausbildung die Wahrscheinlichkeit auf einen Job. Konzentriert man die Untersuchung auf das Finden längerfristiger Jobs, sinkt der Wert sogar um 80 Prozent. Hat der Vater eine Stelle, findet der Sohn mit 50 Prozent Wahrscheinlichkeit nach zwei Monaten einen Job. Bei arbeitslosen Vätern dauert es neun Monate. Ist der Vater wenig qualifiziert, sind die Aussichten noch schlechter.

Woran das genau liegt, muss noch näher erforscht werden. Fest steht: Die Söhne nutzen häufig das berufliche Netzwerk ihres Vaters, um eine Stelle zu erhalten. Solche Verbindungen können entscheidend sein. Ökonom Kind zitiert eine Studie aus Kanada, wonach 40 Prozent der jungen Männer bei einer Firma landen, bei der ihr Vater tätig ist oder war. Söhnen Arbeitsloser stehen solche Netzwerke oft nicht zur Verfügung, weil der Vater sie nicht hat - oder sie nicht nutzt. "Die eigene Arbeitslosigkeit hat ein großes Stigma", weiß Kind. "Vielleicht greifen Väter nicht auf ihre Verbindungen zurück, weil ihnen ihre Situation peinlich ist". Söhne von Arbeitslosen suchen daher auf eigene Faust nach Stellen, aber sie tun dies oft nicht sehr effektiv.

Die Folgen vererbter Arbeitslosigkeit sind gravierend, so der RWI-Forscher. Wer schon am Anfang seiner Berufslaufbahn eine Zeit ohne Job bleibt, wird später mit einer höheren Wahrscheinlichkeit wieder arbeitslos. Söhne Arbeitsloser starten auch häufiger in schlecht bezahlten Stellen - und haben dann große Probleme, später etwas besser Bezahltes zu bekommen.

"Die Kosten der Arbeitslosigkeit sind höher, als man bisher dachte", folgert Kind. "Man muss auch Wirkungen auf Familienangehörige betrachten". Auch andere Studien belegen in jüngster Zeit den Einfluss von Familienbanden. So fanden Forscher des IWH-Instituts in Halle heraus, dass sich die Arbeitslosigkeit der Eltern auf minderjährige Kinder auswirkt. Wer im Alter von zehn bis 15 einen arbeitslosen Vater hatte, war mit 17 bis 24 selbst häufiger ohne Job als Kinder von Jobbesitzern. Für jedes Jahr Arbeitslosigkeit eines westdeutschen Facharbeiters erhöhte sich die Arbeitslosigkeit des Sohnes im Schnitt um sechs Wochen. Wie sehr Familienbande wirken, belegen Wissenschaftler auch anhand eines Themas, das mit Arbeitslosigkeit nichts zu tun hat. Alexandra Avdeenko von der Uni Mannheim und Thomas Siedler vom Bonner IZA-Institut fanden in einer noch unveröffentlichten Studie, dass Deutsche Zuwanderer um 27 Prozentpunkte häufiger skeptisch sehen, wenn sie diese Einstellung in der Kindheit bei den Eltern mitbekamen. Söhne neigen sogar um 13 Prozentpunkte öfter rechtsextremen Parteien zu, wenn dies Eltern vorlebten. Was lässt sich tun, um negativen Folgen von Familienbanden zu begegnen? RWI-Forscher Kind denkt: Eine ganze Menge. Er schlägt vor, Jobagenturen sollten Arbeitslose nach Angehörigen fragen. Und dann etwa Söhne beim Berufseinstieg gezielt unterstützen, eine Stelle zu finden, bevor diese in die Arbeitslosigkeit rutschen. Die IWH-Forscher plädieren dafür, potenziell gefährdete jugendliche Kinder von Arbeitslosen durch Schulangebote oder Bildungsinformationen aus ihrem Umfeld herauszulösen. Generell sollte die Politik Familienbande stärker berücksichtigen, argumentiert Kind. "Diese Ergebnisse schreien doch danach, den Betroffenen zu helfen."

© SZ vom 04.11.2015
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