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Kolumne: Silicon Beach:Nur so nebenbei

An dieser Stelle schreiben jeden Mittwoch Marc Beise, Helmut Martin-Jung, Jürgen Schmieder und Kathrin Werner im Wechsel. Illustration: Bernd Schifferdecker.

Promis machen es vor, und während der Pandemie ziehen viele Leute nach: aus einem Nebenverdienst die Haupteinnahmequelle machen. Wichtig ist dabei nicht nur das Produkt, sondern auch die Glaubwürdigkeit des Verkäufers.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Natürlich verteilt Jessica Alba keine Visitenkarten, sie ist ja weltweit bekannt durch Filme wie "Honey", "Sin City" oder die "Fantastic-Four"-Reihe, und doch wäre es interessant, ob sie unter ihren Namen "Schauspielerin" oder "Unternehmerin" schreiben würde. Sie hat im Jahr 2011 die Firma The Honest Company gegründet, die an der Börse mit zwei Milliarden Dollar bewertet werden könnte. Das Unternehmen, das für nachhaltige Produkte bekannt ist, hat die entsprechenden Unterlagen am vergangenen Freitag bei der Börsenaufsicht eingereicht - dabei wurde auch bekannt, dass der Umsatz im vergangenen Jahr auch aufgrund der Coronavirus-Pandemie um 28 Prozent auf mehr als 300 Millionen Dollar gestiegen ist.

"Side Hustle" nennen die Amerikaner das, wenn jemand was nebenbei verdient. Das große Vorbild für Promis ist der einstige Schwergewichtsboxer George Foreman. Beim Deal mit dem Elektrogrill-Hersteller Salton Grill im Jahr 1994 wollte er keinen Cent haben, sondern an den Einnahmen beteiligt werden. Das sind bis heute mehr als 200 Millionen Dollar für Foreman und viel mehr, als er im Ring verdiente. "Side Hustle" ist also zur Haupteinnahmequelle geworden, und wer derzeit in einem US-Supermarkt durch den Gang mit Schnaps läuft, der fragt sich: Gibt es eigentlich noch einen Promi, der nicht an einer Destille beteiligt ist? Das meistverkaufte alkoholische Getränk im vergangenen Jahr: der Tequila von Entertainment-Tausendsassa Dwayne "The Rock" Johnson.

Nebenverdienst ist freilich auch eines der Schlagworte der Corona-Pandemie. Natürlich haben die Leute auch vorher schon gehäkelt, gebastelt, geschraubt, und dann haben sie ihre Kreationen auf Portalen wie Ebay, Etsy oder Craigslist verkauft. Das diente meist der Finanzierung des Hobbys oder der Aufbesserung des Gehalts, wirklich leben konnten davon nur wenige. "Side Hustle" eben, doch ist es für viele Menschen während der verschiedenen Phasen der Lockdowns zu einer bedeutsamen Einnahmequelle und so zu einem Wirtschaftszweig geworden, den auch die Tech-Branche für sich entdeckt hat.

Ein Beispiel: Vor zwei Jahren gründeten die mexikanisch-amerikanischen Designer Jesus Gutierrez und Sergio Aragon die Firma Gay Pride Apparel, sie verkauften ihre T-Shirts und Pullis in Regenbogenfarben und mit Slogans wie "Love is Love", "Sounds Gay - I'm in" oder "I Love my 2 Moms" auf Demonstrationen und nahmen so im Jahr 2019 etwa 6000 Dollar ein. Das war für die beiden ein schöner Nebenverdienst - der zu versiegen drohte, als wegen der Pandemie erst einmal niemand mehr rausging. "Wir hatten keine andere Wahl, als unsere Sachen auf sozialen Kanälen anzubieten", sagt Gutierrez.

Es passierte Erstaunliches: Im Zuge der Proteste gegen Polizeigewalt und Rassismus in den USA, aus denen auch eine Debatte über Homophobie und Gleichberechtigung entstand, führten zahlreiche Online-Shops Filter ein - also die Möglichkeit, beim Kauf ganz bewusst eine Firma zu wählen, die von Homosexuellen, Frauen oder Dunkelhäutigen geführt wird. "Es ging um Gemeinschaft und die Möglichkeit, sich in dieser tristen Zeit gegenseitig irgendwie zu helfen." Im vergangenen Jahr nahmen Gutierrez und Aragon mehr als 600 000 Dollar ein, mittlerweile gibt es auf der Webseite kaum noch was, das es nicht gibt.

Lehrer bieten im Netz ihre Unterrichtsmaterialien, Gartenbesitzer ihr Obst an

Die beiden produzieren und versenden nicht mehr selbst, das übernimmt der Konzern Printful. Und das ist die neue Branche, die da gerade entsteht: Wer kreativ ist, muss sich nicht mehr unbedingt um Produktion und Versand sorgen oder gar davon abschrecken lassen. Es gibt zahlreiche Firmen, die das übernehmen, so wie es mittlerweile zahlreiche Online-Shops gibt, die Nischen abdecken und so zur Konkurrenz werden für Platzhirsche wie Ebay, Etsy und Craigslist: Casetify für Handy- und Tablet-Hüllen-Designs, Worthy für Schmuck, Sideline Swap für Sportartikel. Es gibt die Möglichkeit, eigene Kunstwerke als Puzzle zu verkaufen, auf Fine Art America. Auf Galora können Leute Früchte feilbieten, die sie selbst im Garten anbauen, und Lehrer, die besonders tolles Unterrichtsmaterial erstellt haben, können das auf Teachers Pay Teachers an Kollegen veräußern. Das Vergleichsportal Side Hustl überprüft die einzelnen Portale und sortiert sie nach Genres.

Damit aus einem "Side Hustle" die Haupteinnahmequelle wird, braucht es allerdings nicht nur ein Produkt, das möglichst viele Menschen haben wollen, sondern auch ein Unternehmen, das die Leute gerne unterstützen. "Wir sind aktiv auf unseren Kanälen, wir sprechen über die Dinge, die uns bewegen", sagt Gutierrez.

Das führt zurück zu Jessica Alba und The Honest Company. Alba hat nicht einfach nur ein Unternehmen gegründet, sie hat 2015 den Bestseller "The Honest Life" geschrieben, in dem sie davon berichtet, wie sie versucht, für ihre Familie eine möglichst nicht-toxische Umgebung zu schaffen. Sie wird demnächst in einer Dokuserie auf dem Streamingportal Disney+ zu sehen sein, die sie auch selbst produziert hat: Sie bereist die Welt und macht sich auf die Suche danach, was Familie in verschiedenen Kulturen bedeutet. Es ist also ein ganzheitlicher Ansatz, den Alba nach der Geburt ihrer Tochter Honor Marie im Jahr 2008 gewählt hat (es folgten noch Tochter Haven Garner und Sohn Hayes), und sie wirkt deshalb glaubhaft beim Vertrieb der Produkte ihrer Firma. So wie man George Foreman abnimmt, dass er gern Burger grillt; oder dem irischen Kampfsportler Conor McGregor, dass er gern Whiskey trinkt. Doch vergessen sollte man bei aller Glaubwürdigkeit nicht: Vorsichtigen Schätzungen zufolge dürften Albas Anteile beim Börsengang in etwa so viel wert sein, wie George Foreman beim Elektrogrill-Side-Hustle verdient hat.

© SZ
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