Jean-Marie Messier:Süchtig nach Deals

Opening Ceremony - 64th Annual Cannes Film Festival

Nachdem er bei Vivendi geschasst wurde, galt Jean-Marie Messier ein paar Jahre als Unberührbarer. Längst ist er aber wieder oben angekommen, wie hier 2011 bei den Filmfestspielen von Cannes.

(Foto: Pascal Le Segretain/Getty Images)

Vor 20 Jahren formte er einen der größten Medienkonzerne - und stürzte dann tief. Jetzt will es Jean-Marie Messier noch einmal wissen und einen Weltmarktführer schaffen, diesmal mit Müll.

Von Leo Klimm, Paris

Jean-Marie Messier ist wieder da. Und er macht, was er am besten kann: angreifen. In der Nacht zu Montag startete der Pariser Veolia-Konzern einen feindlichen Übernahmeversuch gegen Suez, den der Rivale per gerichtlichem Eilbeschluss zunächst stoppen konnte. In diesem Zweikampf, der Frankreich beschäftigt und der zugleich über die Weltmarktführerschaft im Geschäft mit Wasser und Müll entscheidet, trat am Montag zwar nur Veolia-Chef Antoine Frérot öffentlich in Erscheinung. Doch hinter den Kulissen ist ein anderer am Werk: Eben jener Jean-Marie Messier, genannt "J2M".

Dessen Erfüllungsgehilfe war Frérot schon um die Jahrtausendwende, als Veolia noch zum Konglomerat Vivendi gehörte und Messier glaubte, er könne mit Übernahmen, freundlichen wie feindlichen, zu einem der größten Firmenlenker überhaupt aufsteigen. Für 110 Milliarden Euro hatte Messier den altehrwürdigen Wasserversorger Générale des Eaux zu Vivendi umgeformt, den zweitgrößten Medienkonzern der Welt. Bis die Dotcom-Blase platzte und Messier stürzte.

Zwei Jahrzehnte später ist er also zurück, als selbständiger Investmentbanker - und berät seinen früheren Zögling Frérot bei der Attacke auf Suez. Man könnte auch sagen: Messier leitet ihn an. "Das Leben ist voller solcher Augenzwinkern der Geschichte", sagt er. Wenn es schon nicht geklappt hat mit der Medien-Weltherrschaft, so soll die frühere Vivendi-Sparte Veolia doch wenigstens im Ver- und Entsorgerbusiness dominieren.

Messier hat sich mit seiner Investmentboutique in einem feinen Pariser Stadtpalais niedergelassen. Sein altes Netzwerk funktioniert, zu seinen Kunden zählt etwa der Erdölkonzern Total. Sicher, das Gesicht wird jetzt von grauen Schläfen gesäumt, die Figur ist etwas stämmiger als früher und auch der einst prahlerische Ton ziemt sich für einen Bankier nicht mehr. Aber der Ehrgeiz und der Durst nach Deals sind die gleichen wie damals. Man kann auch mit 64 Jahren noch das Enfant terrible des französischen Kapitalismus sein.

Suez verweigert Verhandlungen, also ändern Frérot und Messier jetzt die Gangart

"Das Übernahmeangebot von Veolia motiviert mich enorm", hat Messier der Zeitung Les Echos gesagt. "Ich liebe solche Operationen." Das Management des Kaufziels Suez und Frankreichs Regierung dagegen sind erbost. Das Wirtschaftsministerium, das nur eine freundliche Übernahme unterstützen will, hat am Montag sogar eine Untersuchung von Veolias Vorgehen durch die Finanzmarktaufsicht beantragt.

Im vergangenen Sommer hatte sich Veolia schon 30 Prozent an Suez gesichert. Seither verweigert Suez Verhandlungen und wehrt sie sich mit allen juristischen Tricks; auch einen Gegenbieter hat die Suez-Führung organisiert, um einem Verkauf an Veolia zu entgehen. Also ändern Frérot und sein Edel-Berater Messier jetzt die Gangart: Sie bieten den Suez-Aktionären acht Milliarden Euro für die 70 Prozent, die ihnen noch fehlen.

Für Messier sind solche Coups wie eine Rückkehr zu den Anfängen. Er ist gelernter Dealmaker. Mit 32 Jahren war er einst der jüngste Partner der Investmentbank Lazard. Und mit 39 Jahren wurde er zum Chef der Générale des Eaux befördert, die er in Vivendi umtaufte und mit lauter Milliardenkäufen zum Anbieter von Internet, Mobilfunk, Bezahlfernsehen machte. Im Jahr 2000 übernahm er den Konzern Universal samt Musikkatalog und Hollywood-Studios. Es war die Zeit, in der Messier einen persönlichen Fotografen engagiert hatte, oft und gern mit den größten Filmstars posierte und sich von Vivendi in New York eine 520-Quadratmeter-Wohnung für 17,5 Millionen Dollar bezahlen ließ.

Der abrupte Abstieg kam, als die Börsenblase platzte. 2002, nach einem Verlust von 13,6 Milliarden Euro, wurde Messier bei Vivendi geschasst. Es folgten Prozesse in New York und Paris, der vermeintliche Wundermanager wurde wegen Veruntreuung von Firmengeld zu zehn Monaten Haft auf Bewährung verurteilt sowie zu einer - für ihn freilich verschmerzbaren - Geldstrafe von 50 000 Euro. Messiers Selbstvertrauen konnte all das offensichtlich nicht viel anhaben: Noch im Jahr seines Rauswurfs bei Vivendi startete er als selbständiger Banker neu.

Es hat ein paar Jahre gedauert, bis er den Ruf des Unberührbaren wieder los war, bis ihm die anderen Firmenbosse Mandate für Zukäufe und Abspaltungen anvertrauten. Aber am Ende, sagt Messier, nützt ihm seine Geschichte vom Aufstieg, Fall und Wiederaufstieg. "Selbst Konzernchef gewesen zu sein, hilft mir sehr." Er sucht nicht mehr unbedingt das Scheinwerferlicht. Aber er, der früher immer der Jüngste war, will im Rentenalter nochmal große Deals machen. Und sei es mit Müll statt mit Medien.

© SZ
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